„Wir haben gültige Tarifverträge, die weiterentwickelt werden müssen“

Wolfsburg  Die Unruhe wächst unter den VW-Beschäftigten. Hartwig Erb, Chef der IG Metall Wolfsburg, stellt klare Forderungen ans Unternehmen.

Eine Mitarbeiterin steht an einer Karosserie vom VW Golf 7 im Werk in Wolfsburg

Eine Mitarbeiterin steht an einer Karosserie vom VW Golf 7 im Werk in Wolfsburg

Foto: Julian Stratenschulte/dpa picture alliance

. Volkswagen steckt mitten in einem tiefgreifenden Wandel, erlebt Stellenabbau Sparmaßnahmen und Schließtage auf der einen Seite, Investition in die Entwicklung von Elektroautos auf der anderen. Der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Wolfsburg, Hartwig Erb, erklärt im Interview mit WN-Redakteur Thomas Kruse, wie Arbeitsplätze gesichert werden sollen.

Im VW-Stammwerk Wolfsburg herrscht Unsicherheit. Die Fahrweise ist so instabil wie seit langem nicht mehr. Wie schätzen Sie die Lage ein, wo lauern die größten Risiken?

Ich sehe hier keine Instabilitäten, sondern eher verantwortungsbewusstes Handeln aller Beteiligten und was die Frage nach den Risiken angeht: Für die VW-Beschäftigten hat der Betriebsrat unter Führung der IG Metall-Fraktion eine Beschäftigungssicherung bis 2025 vereinbart. Das schafft Sicherheit. Ich stelle aber auch fest, dass der Vorstand die Kollegen in der Produktion im vergangenen und in diesem Jahr hohen Belastungen ausgesetzt hat. Ich denke dabei an die vielen Sonderschichten im ersten Halbjahr 2018, die Schließtage in der zweiten Hälfte und die Schichtauflösung jetzt in der Montage. Die Kollegen zeigen trotzdem eine enorme Flexibilität. Ich erwarte, dass dieser Einsatz auch von den Zuständigen aus der Unternehmensleitung honoriert wird. Das Werk Wolfsburg steht vor weiteren großen Herausforderungen und das nicht zum ersten Mal. Umstieg von Golf 7 auf Golf 8, Dieselskepsis, aber auch die Unsicherheiten auf den Absatzmärkten – Stichwort Brexit, stehen dafür als Schlagworte. Diese Faktoren sind nicht zu unterschätzen. Dazu kommen noch die Unsicherheiten aus Transformationsprozessen, die den Beschäftigten Sorgen machen.

Ist es problematisch, dass Wolfsburg das Golf-Leitwerk ist und bleibt, während doch allenthalben die Zukunft der Elektromobilität beschworen wird?

Der Golf ist das Herz des Werks und wird es auch noch lange bleiben. Mit dem zusätzlichen Volumen aus Zwickau und dem Variant kommt viel zusätzliche Arbeit auf die Kollegen zu. Außerdem verdient die Belegschaft mit diesen Autos das Geld für den Wandel. Das sichert Arbeitsplätze, auch und gerade in Wolfsburg und Umgebung. Da stehe ich voll und ganz hinter der Strategie des Betriebsrats um Bernd Osterloh und Daniela Cavallo.

Die Marke VW fährt unter dem neuen Produktionsvorstand Andreas Tostmann einen scharfen Sparkurs, alle Bereiche sind betroffen. Müssen Gewerkschaft und Betriebsrat nicht darauf dringen, dass ab 2020 erneut soziale Leitplanken eingezogen werden, so wie beim Zukunftspakt?

Wir haben gültige Tarifverträge, die weiterentwickelt werden müssen. Die Transformation von Prozessen und Produkten verlangen auch von uns eine immer innovativere Tarifpolitik. Richtig ist: Wir brauchen nicht den Heizer auf der E-Lok sondern zum Beispiel die Möglichkeit der Ausbildung und Qualifikation für unsere Belegschaften, um sie zukunftsfähig zu machen. Wir können uns auch vorstellen, über attraktivere Altersteilzeitregelungen die Kollegen in die dritte Lebensphase gleiten zu lassen. Wir müssen bei Volkswagen auch über die Arbeitszeit reden. Wir waren bei diesem Thema mal Pionier in der gesellschaftlichen Diskussion. Und nicht zuletzt wäre da auch noch die Öffnung des Wahlrechts beim tariflichen Zusatzentgelt auch für Teilzeit-Beschäftigte. An das Thema müssen wir ebenfalls ran.

Die wissenschaftlichen Abschätzungen der drohenden Jobverluste durch Elektromobilität und Digitalisierung sind beunruhigend. Wie werden IG Metall und Betriebsrat damit umgehen? Was sind die Forderungen an die Politik?

Ich kenne die diversen Studien und ich weiß auch, dass die Digitalisierung und die Elektrifizierung der Produkte und Prozesse Arbeitsplätze kosten wird. Auf der anderen Seite haben wir jedoch enorme Potenziale für einen Jobaufbau. Ich denke da an Entwicklungsdienstleister, kleine Start-ups, die agiler sind als eingefahrene Strukturen in Großbetrieben. Es wird auch weiterhin Tätigkeiten geben, die nicht digitalisierbar sind und wo der Mensch mit seinen Fähigkeiten der Maschine klar überlegen ist. Wir sollten bei den vielen, teilweise interessengeleiteten Studien eines Bedenken: Es macht überhaupt keinen Sinn die Belegschaften zu verunsichern.

Die Branche steht auch unter Druck wegen der strengeren Regulierung bei Abgasen und Verbrauchswerten. Hat man zu lange darauf spekuliert, dass die Politik schon mitspielen wird?

Die Frage kann ich nicht für den Verband der Automobilindustrieoder den Bundesverkehrsminister beantworten. Wir als IG Metall haben eigentlich immer eine klare Position: Unternehmen müssen verantwortungsvoll mit Ressourcen umgehen. Dabei ist zu beachten, das auf die Belange der Arbeitnehmer Rücksicht genommen wird. Zum Thema Betrug bei Verbräuchen und Abgaswerten kann ich nur immer wieder sagen: Wer betrügt gefährdet die Existenz tausender Arbeitsplätze und gehört deswegen nicht ins Management eines Unternehmens, sondern vor ein ordentliches Gericht.

Der Gelbwestenprotest gegen Fahrverbote in Stuttgart geht von einem IG Metaller aus. Die AfD marschiert vorne mit. Ist es nicht gefährlich, Geister zu rufen, die man womöglich nicht kontrollieren kann?

Die Stuttgarter Metaller haben die AfD nicht gerufen, die Stuttgarter Kollegen distanzieren sich auch deutlich. Aber viel wichtiger: Schauen wir uns mal das Grundsatzprogramm dieser „Alternative für Deutschland“ an – da finden wir zum Thema Klimaschutz nur sehr wenig erhellendes, eher skurrile Aussagen, die den Positionen des US-amerikanischen Präsidenten Trump oder des brasilianischen Präsidenten Bolzonaro gleichen. Die AfD bezeichnet die Klimapolitik der Mehrheit der Staaten auf diesem Globus als Irrweg. Das lässt tief blicken und wird den Ängsten und Bedürfnissen der Menschen nicht gerecht.

Welche Lösungen des Dilemmas Umweltschutz und Jobsicherung hat die IG Metall zu bieten? Welche Zukunftsmobilität ist aus Sicht der Arbeitnehmervertreter die sinnvollste und sozial nachhaltigste?

Ich kann nur immer wieder darauf hinweisen, das Umweltschutz und Arbeitsplätze nicht im Widerspruch zueinanderstehen. Das haben wir in der Vergangenheit immer wieder bewiesen. Ich sehe es auch nicht als Dilemma an. Im Gegenteil: Es ist eine Chance, neue Arbeitsfelder und Arbeitsplätze in der Industrie, in der Dienstleistung und auch im Handel zu entwickeln – das ganze natürlich unter tariflichen Bedingungen. Die Frage nach der Mobilität ist eine gesellschaftliche Frage: Ich fahre sehr gerne Auto, um von A nach B zu kommen. Manche in der jüngeren Generation sehen das scheinbar anders und haben andere Anforderungen an Mobilität. Da braucht es kein eigenes Auto, da kann es das Fahrrad, Carsharing oder auch die Bahn sein. Das bekommt die Automobilindustrie zu spüren, denn der Absatz bei jüngeren Kunden sinkt seit einigen Jahren kontinuierlich.

Die Stadt Wolfsburg muss sich selbst einer angespannten Finanzlage anpassen. Welche Projekte müssen dennoch jetzt mit Hochdruck und Investitionen angeschoben werden? Gibt es Umsetzungsdefizite oder falsche Ansätze?

Kinder, Bildung und soziale Einrichtungen sind immer die ersten, die bei klammen Stadtkassen sparen sollen. Ich würde mir wünschen, dass Wolfsburg diesen fatalen Weg nicht begeht.

Eine letzte Frage: Veranstaltet die Gewerkschaft in diesem Jahr wieder ihre großes, traditionelles Sommerfest, oder ist das Umfeld nicht dazu angetan?

Es wird wieder ein Sommerfest geben und es wird den Metallern sicherlich gefallen. Ich habe mir den 6. Juli in meinem Terminkalender notiert.

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