Tote (60) im „D-Zug“ – Gericht fällt Freitag das Urteil

Braunschweig.  Alle Prozessbeteiligte plädieren für die Unterbringung des Beschuldigten in einer Klinik.

Das Foto zeigt den Beschuldigten im Gespräch mit seinem Rechtsanwalt vor Beginn der Verhandlung  am Donnerstag.

Das Foto zeigt den Beschuldigten im Gespräch mit seinem Rechtsanwalt vor Beginn der Verhandlung am Donnerstag.

Foto: Norbert Jonscher

Im sogenannten D-Zug-Prozess, einem Sicherungsverfahren gegen einen 26-jährigen psychisch kranken und deshalb schuldunfähigen Braunschweiger, hat die Staatsanwaltschaft am Donnerstag vor der 9. großen Strafkammer des Landgerichts den Mord-Vorwurf gegen den Beschuldigten fallen lassen.

Er sollte, so hieß es ursprünglich in der Anklage, am 5. Juli 2019 eine Frau (60) in der Szene-Gaststätte „D-Zug“ nach einem Streit heimtückisch mit einem Messer erstochen haben. Nach Abschluss der Beweisaufnahme stellt sich die rechtliche Bewertung der Situation, die zum Tod des Opfers führte, nun etwas anders dar.

Warum kein Mord?

Der Täter habe die Arglosigkeit des nur 1,60 Meter großen Opfers, das nach einer Beleidigung an der Theke wütend auf ihn los ging, zwar objektiv erkannt. Er habe diese subjektiv aber nicht ausnutzen wollen, um die verärgerte Frau abzuwehren. Das aber sei für das Heimtücke-Merkmal erforderlich, so die Staatsanwältin.

In ihrem Plädoyer ging sie am Donnerstag nunmehr von Totschlag aus und plädierte für eine dauerhafte Unterbringung des Beschuldigten in einem psychiatrischem Krankenhaus, in dem er sich bereits seit August nach einem Beschluss des Amtsgerichts aufhält. Währen des geforderten sogenannten Maßregelvollzugs soll der Mann medikamentös behandelt, sein von akutem Verfolgungswahn geprägter Zustand gebessert werden, der als tatursächlich eingestuft wurde.

Nebenklage und Verteidigung schlossen sich dem an. Die Strafkammer unter Vorsitz von Richter Ralf-Michael Polomski wird heute das Urteil verkünden.

Was passierte im D-Zug?

Nach Abschluss der Beweisaufnahme stellten sich die Vorgänge im „D-Zug“ wie folgt dar. Der 26-Jährige sei an dem Tag kontaktsuchend im Milieu unterwegs gewesen, heißt es, zunächst im „Goldfinger“ in der Wallstraße, ab mittags im „D-Zug“ in der Friedrich-Wilhelm-Straße. Dort hält er sich rund vier Stunden auf, schaltet sich immer wieder in Gespräche der Anwesenden ein, die das als störend empfinden, will auf seine schwierige persönliche Situation aufmerksam machen.

Auf die 60-jährige, die an der Theke sitzt, spricht er an, die weist ihn jedoch ab. Gegen 16.20 Uhr spitzt sich die Situation schicksalhaft zu. Ein Bekannter der 60-Jährigen, ein Rentner (80), steckt der Frau 20 Euro für ein Taxi und seine Schlüssel zu. Gemeinsam will man heim fahren.

Das bekommt der 26-Jährige in den falschen Hals. „Er dachte, das Opfer nimmt den besoffenen alten Mann aus, und will nur warnen“, so die Staatsanwaltschaft gestern. Die unbescholtene Frau sei außer sich geraten, sie sieht sich vor den anderen Gästen als „Diebin“ bezichtigt. Die Lage eskaliert, die Frau geht mutig auf den Beleidiger zu – und das, so die Staatsanwältin gestern, „hätte sie nicht getan, wenn sie gewusst hätte, was ihr dort blüht“. Der 26-Jährige wehrt die Frau mit einer kurzen, heftigen Armbewegung ab. Was keiner sieht: Er hat ein Messer in der Hand, mit einer acht Zentimeter langen Klinge. Die dringt, so eine Gerichtsmedizinerin der Medizinischen Hochschule Hannover, von schräg oben in den Oberkörper der Frau ein, trifft direkt das Herz. „Die Frau verblutet“ innerhalb kürzester Zeit“, so die Medizinerin.

Da die Anwesenden den Stich nicht bemerkt haben, kann der 26-Jährige die Kneipe ruhigen Schrittes verlassen. Er trinkt sogar noch einen Schluck Bier, setzt sich auf sein Fahrrad, wirft das Messer über einen Zaun auf den Rasen der Villa Amtsberg am Friedrich-Wilhelm-Platz und radelt heim. Dort habe er abends noch viel geweint, heißt es.

Warum ist der Täter schuldunfähig?

Ein leitender Mediziner und ein Gutachter haben in dem Prozess mehrere psychiatrische Erkrankungen des 26-Jährigen attestiert, der sich permanent bedroht fühlt, fremde Stimmen hört, die ihn demütigen, ihn quälen, bedrohen und herausfordern. Er meint, Nachbarn können seine dunklen Gedanken lesen und er fürchtet sich vor ihnen. Nach dem Urteil der Fachleute handelt es sich um einen schweren und akuten Fall von paranoider Schizophrenie mit depressiver Symptomatik und Suizid-Gefahr. Geschildert wird eine düstere Innenwelt, in der der 26-Jährige lebt, seit 2016. Ein Krankheitsbild, für das es Medikamente gibt, doch ihre Wirksamkeit schwankt stark, die Nebenwirkungen sind beachtlich.

Was sagt der Beschuldigte?

Er schwieg auch gestern zu den Tatvorwürfen, schilderte jedoch breit und ausführlich seine persönlichen Verhältnisse. Neun Jahre hat er danach eine Förderschule in dieser Stadt besucht, dann ein Berufsvorbereitungsjahr zum Maler und Lackierer absolviert. Nach seiner Ausbildung wird er für drei Jahre übernommen, arbeitet bis März 2019, wohnt zuletzt wieder bei seinem Vater, weil er allein nicht klar kommt.

Bereits 2016 war der 26-Jährige verurteilt worden –­ wegen gefährlicher Körperverletzung.

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