Streuobstwiese Fallersleben: Der Bauherr sagt ab

Fallersleben  Die Stadt Wolfsburg wollte die Wiese einem verdienten Bürger verkaufen. Dafür erntet sie deutliche Kritik von Bürgern und vom Steuerzahlbund.

Die geplante Bebauung der Obstbaumwiese am Rotekampweg in Fallersleben stößt auf Kritik.Foto: regios24/Helge Landmann

Die geplante Bebauung der Obstbaumwiese am Rotekampweg in Fallersleben stößt auf Kritik.Foto: regios24/Helge Landmann

Die Diskussion um die Streuobstwiese in Fallersleben, die die Stadt Wolfsburg einem ihren Angaben nach verdienten Bürger verkaufen will, gewinnt an Fahrt. Ins Zentrum der Kritik gerät immer mehr die Stadtverwaltung. Unterdessen bestätigte gestern Nachmittag die Pressestelle: Der Käufer hat sein Interesse an dem Grundstück zurückgezogen. Mittags hatte unsere Redaktion der Verwaltung weitere Fragen zum Grundstücksgeschäft gestellt.

Die Wiese, die 17 Obstbäume zählt, wurde Mitte der 90er Jahre ehrenamtlich von Kleingärtnern angelegt. Der Landesverband des Bundes für Umwelt- und Naturschutz bezeichnet Streuobstwiesen als die „artenreichsten Biotope ganz Mitteleuropas“, denn sie bieten „beste Voraussetzungen für eine hohe Artenvielfalt“ – so zu lesen auf www.streuobstwiesen-niedersachsen.de. Die Stadt plante nun gleichwohl den Verkauf an den Wolfsburger Bauherrn, der auf einem Teil des Grundstücks ein Eigenheim errichten wollte. Dafür sollte ein Teil der Obstbäume gefällt, auf Kosten des Bauherrn Ersatzmaßnahmen geschaffen werden.

Tausende Bürger suchen in Wolfsburg ein Baugrundstück oder eine Wohnung. Warum das Grundstück nicht meistbietend versteigert, sondern eben nur an diesen einen bestimmten Bauherren veräußert werden sollte, begründete Stadtbaurat Kai-Uwe Hirschheide vor drei Wochen damit, dass es sich um einen Menschen handelt, „der für die Stadt etwas tut.“ Man wolle ihn in Wolfsburg halten und verhindern, dass er fortziehe.

Wie unsere Zeitung erfuhr, soll sich der Bauherr zuvor erfolglos um einen anderen naturnahen Bauplatz in Fallersleben bemüht haben – und schon dort soll es erheblichen Widerstand im Ort gegeben haben.

SPD, CDU und Grüne setzten sich im Bauausschuss über das Votum des von der PUG geführten Ortsrats Fallersleben/Sülfeld hinweg, der das Thema ausdiskutieren wollte. Grundstücksgeschäften der Stadt muss der politisch besetzte Liegenschaftsbeirat des Rates seine einstimmige Zustimmung erteilen. Auch dort soll dem Vernehmen nach das Thema Streuobstwiese kontrovers diskutiert worden sein.

Stellvertretend für viele Bürger, die sich auf unsere Berichterstattung hin auch im Internet oder in Leserbriefen zu Wort gemeldet haben, wird an dieser Stelle der Kommentar von Anne Nientit-Wunsch aus Fallersleben abgedruckt. Die Stadt sollte sich hüten, sich aufs dünne Eis zu begeben, schreibt sie: „Mit dieser Vergabe eines Grundstücks würde sie ein Fass aufmachen, das definitiv die Wirkung der Büchse der Pandora hätte. Und das zu Recht.“

Unsere Redaktion bat den Landesverband des Steuerzahlerbundes um eine Stellungnahme. Haushaltsreferent Jan Vermöhlen erklärte, aus Sicht der Steuerzahler sei der Verkauf nicht zu rügen – dabei vorausgesetzt, die Höhe des Quadratmeterpreises für das Grundstück wäre marktüblich. „Allerdings muss sich die Stadt Wolfsburg im Klaren sein, dass ein Geschmäckle der Ungleichbehandlung zurückbleibt. Und so kommt es offensichtlich auch bei den Bürgern an.“

Kommentar

Von Hendrik Rasehorn

Wenn die Stadt ihrer Argumentation treu bleibt, muss sie den Bauplatz Streuobstwiese weiterentwickeln – unabhängig davon, dass der Bauherr nun abgesagt hat. Es wird gewiss viele andere verdiente Bürger in der VW-Stadt geben, die eine neue Bleibe suchen, oder solche, die man hierher locken will. Auf der Tagesordnung des Rats, der Mittwoch tagt, steht als Punkt 7 jedenfalls (immer noch) der Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan. Aber was bedeutet das Zitat des Stadtbaurats, der Käufer tue „was für die Stadt“? Reicht es, wenn man seine Arbeit erledigt, für die man entlohnt wird? Und wenn man richtig gut ist und dafür richtig gut entlohnt wird, warum leistet man sich nicht ein großes Grundstück im Neubaugebiet? Oder geht es am Ende doch nur ums exklusive Wohnen?

KOMMENTAR

Online-Stimmen unserer Leser zur Streuobstwiese.

„Ich dachte wir sind alle gleich? Und „was für die Stadt machen“ ist dann wohl Ansichtssache.“ Sebastian Bieda

„Streuobstwiesen sollten erhalten werden. Der Mehrwert für Natur und Mensch überwiegt meines Erachtens nach.“ Anne Margarete Rothemund

„Die Stadt muss einerseits Ausgleichsflächen für Wohnbebauung schaffen und opfert ohne Not eine Streuobstwiese? Das passt alles hinten und vorne nicht zusammen.“ Berit Ann Bach

„Bei den aktuellen Grundstückspreisen ist fast jedes Grundstück nur noch für die oberen 10 000 erschwinglich. Da fällt eine Bevorzugung kaum noch ins Gewicht.“ Tobias Oehlsen

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (10)