Polizeichefin: „In Wolfsburg ist natürlich noch mehr los“

Wolfsburg.  Jahresbilanz-Interview mit Wolfsburgs Polizeichefin Heike Heil (Teil 3): über Verhaftungserfolge und Ermittlerglück.

Wolfsburgs Polizeichefin Heike Heil.

Wolfsburgs Polizeichefin Heike Heil.

Foto: Lars Landmann / Regios24

Wolfsburgs Polizeichefin Heike Heil blickt in unserer Zeitung auf das Einsatzgeschehen im vergangenen Jahr zurück. Das Interview wurde Anfang Dezember geführt.

Schon im zweiten Teil unseres Interviews hatten wir über die Folgen der Corona-Schutzmaßnahmen fürs Straftatengeschehen gesprochen. Eine weitere Nachfrage: Der wohl erste Betrugsfall in der Region 38 im Zusammenhang mit der Corona-Soforthilfe wurde Anfang Dezember vor dem Amtsgericht Wolfsburg verhandelt. Angeklagt war eine Beschickerin vom Weihnachtsmarkt, die die Unterstützung zweckentfremdet hatte und unter anderem mit dem Geld ihren Stand aufgehübscht hat. Gab es viele solcher Betrugsdelikte?

Die Anzahl der Subventionsbetrügereien im Zusammenhang mit der Corona-Soforthilfe bewegt sich noch im einstelligen Bereich. Das bedeutet nicht, dass wir nur Fälle im einstelligen Bereich haben. Der ganze Prüfablauf durch die niedersächsische Investitionsbank läuft unter Corona-Bedingungen einfach zeitverzögert. Ich schätze es werden noch einige Fälle dazu kommen, ganz genau wissen wir das im neuen Jahr.

Was sind das für Fälle?

Es gab Versuche, die Corona-Soforthilfe auszunutzen. In einem wurde zum Beispiel am Briefkasten ein falscher Aufkleber einer Firma befestigt. Es gab zudem Fälle, bei denen die Anzahl der Mitarbeiter deutlich höher ausgewiesen wurde, als sie tatsächlich war.

Ermittlern aus Oldenburg gelang Anfang Dezember die Festnahme eines Quintetts, das für eine Einbruchsserie quer durch Norddeutschland und Sachsen-Anhalt verantwortlich sein soll. Ende Oktober sollen sie im Badeland zwei Tresore aufgesprengt haben. Wie war die Wolfsburger Kripo in den Fall eingebunden?

Die Verhaftung der Tatverdächtigen, die wohl überörtlich agierten, ist ein schöner Erfolg unserer Kollegen. Wenn wir landes- oder bundesweit Taten haben, die mit einem bestimmten Modus Operandi auffallen und bei denen es Hinweise darauf gibt, dass möglicherweise ein und dieselbe Täterbande dahintersteckt, gibt es immer Absprachen, solche Verfahren auf Ebene der Polizei und der Staatsanwaltschaft zentral zusammenzuführen. Und in diesem Fall war es die Zentrale Kriminalinspektion Oldenburg, die die Einbruchsserie bearbeitet hat.

Einsatz von Sprengstoff, um einen Tresor zu knacken, gab es in Wolfsburg lange nicht mehr.

Wir hatten Mitte der 1990er eine rumänische Täterbande, die ähnlich agierte. An diesen Fall kann ich mich noch gut erinnern, weil ich damals Mitglied der Ermittlungsgruppe war. Die Täter waren auch überörtlich aktiv, es gab Einbrüche in Wolfsburg und Gifhorn bis hin nach Berlin. Solche Fälle wie der im Badeland sind also nicht einzigartig. Aber er war auch schon wieder besonders, weil das Sprengen der Tresore einen Riss in der Decke des Badeland-Büros zur Folge hatte. Deshalb musste das Bad einen Tag schließen, weil man von der Statik her schauen musste, ob der Riss Auswirkungen hat.

Ein Fall, der die Polizei nun schon seit dem Jahr 2017 beschäftigt und überörtlich für Furore gesorgt hat, sind die Serie von Kleberattacken insbesondere auf VW-Leasingfahrzeuge. Wie viel sind es mittlerweile?

Die Gesamtzahl liegt mittlerweile bei 764 gemeldeten Fällen, davon in 2020 allein 160. Die geschätzte Schadenssumme beträgt rund 1,6 Millionen Euro. Ich hoffe, dass wir diese Straftatenserie irgendwann beenden können. Da gehört wohl auch eine Portion Glück bei den Ermittlungen dazu.

Das Neueste dazu: Vier Autos in Flechtorf mit Kleber beschmiert

Der Täter beweist eine ganz schön Ausdauer, drei, bald vier Jahre aktiv zu sein, und er scheint pfiffig genug zu sein, sich nicht erwischen zu lassen. Wenn man darüber spekuliert, dass er jemand ist, der sich über VW einfach nur ärgert, dann müsste der Ärger doch eigentlich mittlerweile verflogen sein? Er scheint jedenfalls über einen regulären Zugang zu dem Kleber zu verfügen. Da drängt sich doch die Frage auf, wem solche Taten vielleicht nützen könnten?

Es handelt sich bei dieser Serie um Sachbeschädigungen, was die Aufklärung nicht einfach macht. Bei bestimmten Delikten kommt man über das Motiv ganz schnell auf den Täter – denken Sie an Tötungsdelikte. Aber bei Sachbeschädigungen ist das eine ganz Sache. Die Ermittlungen sind schwierig.

Bei der Einführung des Bodycams war die Polizei Wolfsburg 2019 Vorreiter innerhalb der übergeordneten Polizeidirektion Braunschweig und durfte diese ausgiebig testen. Mittlerweile gehören die Mini-Kameras zum Alltag des Einsatz- und Streifendienstes. Davon hat man sich viel versprochen – insbesondere um die Sicherheit der Beamten zu erhöhen. Wie lautet Ihr Resümee?

Wir sind nach einer Pilotphase beginnend an Januar 2020 in den regulären Betrieb durchgestartet. Um den Einsatz zu evaluieren, ist die Zeit noch zu kurz. Aber die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Bodycams ein sehr gutes Einsatzmittel ist. Sie dienen einerseits dazu, den Beamten ein gewisses Maß an Sicherheit zu geben. Es gab Einsätze, wo die Kameras dazu beitragen konnten, die Situation zu beruhigen. Andererseits gibt es ein zusätzliches Beweismittel vor Gericht. Ich denke, solche Aufnahmen werden sich dort bald durchsetzen. Bei dem ein oder anderen Fall aus Wolfsburg könnten in Prozessen Bodycam-Aufnahmen möglicherweise bald eine Rolle spielen. Es gibt leider Täter, die hochgradig alkoholisiert sind oder unter Drogeneinfluss stehen und bei denen die Hemmschwelle so gering und das Aggressionspotenzial hoch ist, dass sie Bodycam nicht abschreckt.

Die Polizei befindet sich im Wandel, ältere Beamte gehen in Pension, junge Polizisten und auffällig viele Polizistinnen kommen neu zur Dienststelle. Ist der Polizistenberuf so beliebt wie nie – trotz manchem Nachteil, den er mit sich bringt?

Das Berufsbild hat sich schon verändert im Vergleich zu der Zeit, als ich meinen Dienst begonnen habe. Der Polizeiberuf ist facettenreicher geworden innerhalb der Dienststellen und auf Behördenebene. Damit wird auch geworben. Polizei ist ein Teamberuf. Im Alltag hat man von eher normalen bis hin zu spannenden und spektakulären Dingen zu tun. Selbst in kleineren Inspektionen kann man viel erleben, in Wolfsburg ist natürlich noch mehr los, allein durch die Großveranstaltungen oder die Fußballeinsätze. Wer ein bisschen extrovertiert ist und gerne mit Menschen zusammenarbeitet, der findet hier einen interessanter Beruf. Unter den Berufsanfängern sind immer mehr Abiturienten, Nachwuchsprobleme hat die Polizei eigentlich nicht – und dass, wo wir hier speziell in Wolfsburg in Konkurrenz zu einem großen Arbeitgebern stehen.

Das komplette Interview lesen:

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