Wolfsburg: Einzelhändler steigen ins Online-Geschäft ein

Wolfsburg.  Der eine tut es längst, die andere gerade erst, die Dritte ist fast so weit: Wolfsburgs Händler bespielen von der Fußgängerzone das Internet.

Nina Meyer (links) und Khawla Meri bearbeiten in der Warenannahme des Wolfsburger Modehauses Hempel Bestellungen aus dem neuen Onlineshop.

Nina Meyer (links) und Khawla Meri bearbeiten in der Warenannahme des Wolfsburger Modehauses Hempel Bestellungen aus dem neuen Onlineshop.

Foto: Helge Landmann / regios24

Im Modehaus Hempel in der Wolfsburger City-Galerie hat die Coronapandemie eine Entwicklung beschleunigt, die in der Luft lag, die aber ohne die virusbedingte Kundenflaute wohl erst in ein paar Jahren gekommen wäre: Das vor fast 90 Jahren in Gifhorn gegründete Familienunternehmen ist ins Onlinegeschäft eingestiegen.

Mit einem eigenen Shop, für dessen Kunden einige Verkäufer seit zwei Wochen neben ihrer eigentlichen Tätigkeit Pakete packen. Technisch, erzählt Annette Hempel, sei das nicht ganz ohne gewesen. Die Vorbereitungen hätten Monate in Anspruch genommen. Die neuen Prozesse wollten durchdacht, die Warenannahme umgestellt, die Mitarbeiter geschult werden. Immerhin gab es keinen Programmieraufwand: Das Modehaus Hempel gehört einem Verbund von Geschäften an, von dem es ein Shop-Paket einkaufen konnte und der die Produktdaten liefert.

Laufkundschaft fehlt, aber vor der Post stehen die Wolfsburger Schlange

Annette Hempels Herz schlägt für die Beratung, für das Einkaufserlebnis vor Ort. Die Entscheidung für den Onlineshop war eine pragmatische: „Wenn wir es nicht anbieten, tun es andere. Derjenige, der online kaufen möchte, kauft online. Ob Hempel da mitspielt oder nicht“, stellt sie fest.

Die Erkenntnis, dass sie ins Netz muss, hat auch Bettina Schnobel getroffen. Die gebürtige Wolfsburgerin, die seit 30 Jahren das Haushaltwarengeschäft Schnobel in der Poststraße 1 führt, muss in der Coronakrise ohne die Laufkunden und Spontankäufer aus den umliegenden Büros auskommen. Der Umsatz fehlt. Und zugleich sieht Schnobel gleich nebenan vor der Post ständig lange Schlangen von Kunden, die ihre Retourenpakete loswerden möchten.

Haase betreibt zwei Onlineshops und handelt auf den großen Plattformen

„Die Zukunft liegt im Internet“, sagt Bettina Schnobel. Auch wenn sich die Ladeninhaberin bis jetzt nicht durchringen konnte, online aktiv zu werden: Im kommenden Jahr will sie sich damit befassen. „Es geht nicht anders.“

Während viele Wolfsburger Geschäfte im ersten Corona-Lockdown für ihre Mitarbeiter nichts zu tun hatten, wurde bei Haase Schreiben und Schenken hinter geschlossenen Türen weiter geschafft. Die Verkäufer seien jeden Tag da gewesen und hätten Bestellungen abgearbeitet, erzählt Geschäftsführer Marcel Kirschner. Schon seit Jahren betreibt die hinter dem Geschäft stehende Blue Ink GmbH zwei Onlineshops für Schreibgeräte und Schulranzen, bespielt auch die großen Marktplätze im Internet.

Überraschung: In der Pandemie ging das Onlinegeschäft zurück

Ein weiteres Standbein sei das, sagt Kirschner. Doch selbst damit kann man in der Coronapandemie Überraschungen erleben. Kirschner erinnert sich, wie er zu Beginn der Krise extra viel Verpackungsmaterial bestellte, weil er dachte, dass sich nun drei Viertel des Geschäfts online abspielen würden. Doch es kam anders: Das Onlinegeschäft sei in diesem Jahr zurückgegangen, das Kundenaufkommen im Laden gestiegen, so Kirschner. Kartons und Klebeband liegen auf Halde.

Als Gelddruckmaschine darf sich der Einzelhandel das Onlinegeschäft ohnehin nicht vorstellen: Amazon , Ebay und wie sie alle heißen langen den Verkäufern in die Tasche. Und die Käufer sind es gewohnt, dass ihnen ab einer bestimmten Bestellgrenze die Versandgebühren abgenommen werden: Extrakosten für den Handel. Kunden schicken Artikel zurück, statt sie zu behalten und zu bezahlen. Retouren, die am Ende nur gekostet haben und Arbeit verursachen.

Hempel will am Kerngeschäft festhalten, aber auch am neuen Onlineshop

Annette Hempel sieht das Kerngeschäft ihres Modehauses jedenfalls auch in Zukunft im stationären Handel: mit persönlichem Kontakt und persönlicher Beratung und Kunden, die nach dem Einkauf noch in der Nähe Kaffee trinken oder essen gehen. Den Onlineshop nach der Pandemie wieder zu schließen, zieht sie trotzdem nicht in Betracht: „Vielleicht war es genau das Richtige.“

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