Jedes zehnte Kind in Wolfsburg ist übergewichtig

Wolfsburg.  Von Sprachschwierigkeiten ist jedes fünfte Kind betroffen. Abzuwarten ist, wie die Coronakrise die Gesundheit der Kinder beeinflussen wird.

Im Prinzip wird jedes Kind vor der Einschulung untersucht: Vor dem Schuljahr 2020/2021 gelang das aufgrund der Coronakrise nicht in allen Fällen.

Im Prinzip wird jedes Kind vor der Einschulung untersucht: Vor dem Schuljahr 2020/2021 gelang das aufgrund der Coronakrise nicht in allen Fällen.

Foto: Markus Scholz / dpa

Jedes fünfte Kind in Wolfsburg hat Sprachschwierigkeiten. Jedes zehnte Kind leidet unter Störungen im Bereich Wahrnehmung und Verarbeitung; ebenfalls jedes zehnte Kind ist von Übergewicht betroffen. Das sind die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen aus dem Jahr 2019 – die aktuellsten und verlässlichsten Daten, da vor dem laufenden Schuljahr aufgrund der Coronakrise lediglich 905 von 1216 Schülern untersucht wurden.

Nachzulesen ist die Statistik im Sozialentwicklungsbericht der Stadt. Dr. Jennifer Siemann, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie beim Sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamtes, sieht darin keinen Anlass zu gesteigerter Besorgnis. „Bezieht man die Entwicklung seit 2012 mit ein, ergeben sich keine eindeutigen Trends“, bilanziert Siemann. Tatsächlich weist jede der Kurven Höhen und Tiefen auf; erhebliche Zunahmen sind aber nicht zu beobachten in dem acht-Jahre-Intervall, das die Statistik beschreibt.

Coronakrise verursacht Bildungslücken

Was die Sprachschwierigkeiten betrifft, sei die Entwicklung sogar leicht rückläufig, freut sich Siemann. „Hier haben wir durch die frühen Hilfen Erfolge erzielen können“, sagt die Medizinerin. Sprach- und Lernschwierigkeiten tauchten vor allem auch bei Familien mit Migrationshintergrund auf; die Stadt habe seit 2015 viele Angebote gestartet, um gerade Kindern aus geflüchteten Familien zu helfen, etwaige Bildungslücken zu schließen, sagt Bildungsdezernentin Iris Bothe. Insbesondere die gezielte Sprachbildung in den Kitas für alle Kinder sei ein Teil der positiven Entwicklung.

Durch die Coronakrise wurden viele dieser Angebote ausgesetzt. „Vier oder fünf Monate ohne Lernförderung verursachen eine spürbare Lücke“, so Bothe. Es sei eine Herausforderung für die Schulen, diese Lücken jetzt zu schließen. Durch das Projekt Lernförderung des Bildungsbüros mit dem Bildungshaus unterstütze die Kommune hier intensiv die gezielte Förderung von Kindern und Jugendlichen. Auch was die Gesundheit der Wolfsburger Kinder betrifft, dürften Schulschließungen eine gewisse Auswirkung gehabt haben. „Es wird spannend sein, wie sich die Zahlen durch die Krise verändert haben“, sagt Siemann.

Niederschwellige Angebote durch Coronakrise eingeschränkt

Ihre Erfahrung aus der Arbeit im sozialpsychiatrischen Dienst habe ihr den Eindruck vermittelt, dass viele Kinder und Jugendliche ohne den Druck aus der Schule im Frühjahr weniger angespannt seien. „Vielleicht kommt dieser Eindruck aber auch schlicht daher, dass Kontrollinstanzen wegfielen – etwa dadurch, dass besorgte Lehrer nicht mehr die Eltern oder andere Stellen ansprechen konnten.“

Überhaupt habe Corona ihre Arbeit wesentlich beeinflusst. Niederschwellige Angebote wie die offene Sprechstunde wurden eingeschränkt. Statt sich anonym beraten lassen zu können, müssen Hilfesuchende nun ihre Kontaktdaten angeben – damit im Falle eines Corona-Falls die Infektionskette nachvollziehbar bleibt. „Wir suchen Möglichkeiten, weiter offen und anonym zu arbeiten, etwa, indem wir mit den anfragenden Menschen spazieren gehen“, sagt Jennifer Siemann.

Schwere psychischer Symptome nimmt durch Corona zu

Im März, als Schulen und Geschäfte schließen mussten, sei der Kontakt zu vielen Menschen spürbar weniger geworden, erinnert sich die Medizinerin. „In den Folgemonaten war das nicht mehr der Fall. Vor allem über das Telefon haben wir wieder viele Menschen in ihren Krisen begleiten können.“ Die Schwere der Symptome und die Sorgen seien durch Corona größer geworden, ist Siemanns Eindruck. Durch den längeren Aufenthalt in den eigenen vier Wänden seien zum Beispiel Misstrauen und andere paranoide Symptome verstärkt worden. Auch die Unsicherheit über die Entwicklung der Pandemie spiele eine Rolle: „Dass daraus Ängste entstehen, ist klar“, sagt Siemann, „das betrifft nicht nur Menschen mit psychischen Erkrankungen.

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