Schutzschirmverfahren: Wolfsburger Frisör-Gruppe Klier in Not

Wolfsburg.  Europas größter Frisör-Dienstleistungskonzern mit rund 1500 Läden und 9200 Mitarbeitern will sich mit einem Schutzschirmverfahren sanieren.

Europas größte Friseurfamilie ist die „Klier Hair Group“. Der Verwaltung hat ihren Sitz im Wolfsburger Gewerbegebiet Heinenkamp.

Europas größte Friseurfamilie ist die „Klier Hair Group“. Der Verwaltung hat ihren Sitz im Wolfsburger Gewerbegebiet Heinenkamp.

Foto: Hendrik Rasehorn

Paukenschlag im Wolfsburger Gewerbegebiet Heinenkamp am Sitz der Klier Hair Group. Die Geschäftsführung hat nach Informationen unserer Zeitung heute entschieden, beim Amtsgericht Wolfsburg die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens zu beantragen. Es handelt sich um ein sogenanntes Schutzschirmverfahren. Das Gericht sieht mit der Genehmigung dieses Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung offenkundig gute Chancen, dass die Klier-Gruppe mit ihrem selbst eingeschlagenen Sanierungskurs Erfolg haben kann.

Der Corona-Lockdown hat die Klier-Gruppe hart getroffen

Ein Klier-Sprecher bestätigte am Mittag die Exklusivmeldung unserer Zeitung. Er teilte zum Grund der Insolvenz mit: Die behördlich angeordneten Ladenschließungen im Zuge der Corona-Krise und die anschließende Kundenzurückhaltung in den vergangenen Monaten habe auch bei der Klier Hair Group zu erheblichen Umsatzausfällen geführt. Da die in der Folge beantragte Überbrückungsfinanzierung bereits wieder aufgebraucht ist, habe die Klier Hair Group auf der Grundlage einer intensiven Überprüfung der Gesamtsituation beschlossen, sich aufgrund drohender Zahlungsunfähigkeit unter den gerichtlichen Schutzschirm zu begeben und dieses Sanierungsinstrument konsequent für eine nachhaltige Sanierung und Zukunftssicherung zu nutzen. Die rund 9.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deren Löhne und Gehälter in den kommenden drei Monaten von der Bundesagentur für Arbeit übernommen werden, wurden heute über die aktuelle Situation und das weitere Vorgehen informiert.

Klier-Chefs glauben an die Sanierung und den Neustart

Die Geschäftsführung der Klier-Gruppe ist unverändert weisungs- und handlungsbefugt. „Wir sind überzeugt von einer profitablen Zukunft der Klier Hair Group“, werden die geschäftsführenden Gesellschafter Michael und Robert Klier zitiert. „Mit der Einleitung des gerichtlichen Sanierungsverfahrens haben wir dafür die Weichen gestellt. So können wir uns nachhaltig aufstellen und die Klier Hair Group in einem stark umkämpften Markt erfolgreich positionieren. Gemeinsam mit unserem hochmotivierten Team werden wir den Neustart schaffen.“

Condor-Sanierer soll auch Klier durch die Krise begleiten

Als Sachwalter wird der der Rechtsanwalt Silvio Höfer zur Seite gestellt. Als Sanierungsgeschäftsführer wurde Detlef Specovius (Schultze & Braun) mandatiert. Er führt auch die Fluggesellschaft Condor und das Modeunternehmen Esprit durch die Insolvenz. Ebenfalls neu bei der Klier Hair Group ist Michael Melzer, der als Chief Executive Officer (CEO) den Vorsitz der Geschäftsführung übernimmt. In dieser Funktion wird er die Führung und strategische Ausrichtung der gesamten Gruppe verantworten. „Mit Michael Melzer gewinnen wir einen erfahrenen Top-Manager, um unser Geschäftsmodell kontinuierlich weiter zu entwickeln und insbesondere über die Forcierung der Marken- und Vertriebsstrategie nachhaltig und langfristig zu stärken“, wird die Aufsichtsratsvorsitzende Bettina Klier zitiert.

Familiengeführtes Traditionsunternehmen mit Millionenumsatz aus Wolfsburg

Die Klier-Gruppe wurde vor mehr als 70 Jahren gegründet und ist familiengeführt. Die fünf Gesellschafter Bettina, Christian, Michael, Robert und Susanne Klier sind die Kinder von Hubertus und Joachim Klier, die das Unternehmen Frisör Klier gegründet und innerhalb von drei Jahrzehnten zum größten Friseurkonzern Europas ausgebaut haben. Michael und Robert Klier gehören heute der Geschäftsführung des Unternehmens an. Verwaltungsstandorte sind Düsseldorf und Wolfsburg.

Großes Problem: das Filialnetz

Die Klier-Gruppe zählt laut aktuell 1500 Salons und Shops in Deutschland und im Ausland (Österreich, Tschechien und der Slowakei). Die Auslandsgesellschaften agieren unabhängig und befinden sich nicht in einem Schutzschirmverfahren. Zur Klier-Gruppe gehören die Marken Essanelle, Super Cut, Hair Express, Frisör Klier, Styleboxx, Cosmo und Beautyhairshops. Der Konzernumsatz betrug 2017 317,7 Millionen Euro.

Das größte Problem ist nach Informationen unserer Zeitung das Filialnetz. Es gibt zu viele Salons, die nicht profitabel genug sind. Zudem ist die Expansion der Gruppe an ihre Grenzen gestoßen. Alle Filialen werden ausschließlich in gemieteten Standorten, zum Beispiel in SB-Warenhäusern, Kaufhäusern, Centern und Citylagen (in sogenannten „1a-Lagen“) betrieben.

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