Wolfsburger Heimleiter: Es reicht, wenn einer das Virus hat

Christoph Grölz leitet das Wolfsburger Awo-Seniorenheim. Bisher gab es dort nur einen Coronafall. Doch vor dem Herbst ist die Sorge groß.

Christoph Grölz leitet das Awo-Pflegeheim in der Wolfsburger Goethestraße.

Christoph Grölz leitet das Awo-Pflegeheim in der Wolfsburger Goethestraße.

Foto: Stephanie Giesecke

Herr Grölz, wie waren die letzten Monate für Ihre Mitarbeiter und Sie?

Christoph Grölz: Speziell. Für die Mitarbeiter war es ziemlich belastend. Auf der einen Seite ist es eine psychische Belastung, weil sie ständig damit rechnen müssen, dass das Virus irgendwann in der Einrichtung grassiert. Die Situation in Wolfsburg ist besonders, der Druck wegen der Situation in der Nachbareinrichtung extrem hoch. Und es ist auch eine körperliche Belastung, den ganzen Tag mit Mundschutz herumzulaufen. Am Anfang hatten wir auch noch Schutzkittel. Im April oder Mai schwitzt man darunter ganz schön.

Wolfsburger Heimleiter: Wir mussten die Einrichtung kurzfristig abschotten

Wann haben Sie gemerkt, dass mit Corona auch etwas auf Ihr Heim zukommt?

Im März. Erst haben wir die Angehörigen gebeten, bitte unbedingt ihre Hände zu desinfizieren. Und dann gab es eine ständige Steigerung. Den Spagat hinzubekommen zwischen den Sicherheitsanforderungen und den Bewohner- und Angehörigenbedürfnissen nach Kontakt oder Ausgang war eine Herausforderung. Wir mussten die Einrichtung kurzfristig abschotten. Der Speisesaal wurde geschlossen, die unterschiedlichen Wohnbereiche getrennt, so dass sich die Bewohner nicht mehr untereinandermischen.

Haben die Bewohner das gleich verstanden?

Im Großen und Ganzen haben sie es verstanden. Es war sogar streckenweise so, dass die Bewohner selbst darauf gedrängt haben, dass wir nicht zu früh lockern. Die Bewohner haben schon registriert, was im Hintergrund im Hanns-Lilje-Heim geschah.

Ob der Heimbewohner an Corona starb, ist nicht klar

Da hat man Angst bekommen?

Ja, ganz klar. Bei den Angehörigen gab es anfangs ein bisschen Aufregung. Wir haben aber sehr früh versucht, Kontakte über Skype hinzubekommen, und haben auch relativ früh versucht, wieder zu lockern. Ungefähr Anfang Juni haben wir wieder eine Besuchsperson reingelassen und durchweg Begegnungen mit zwei Metern oder zweieinhalb Metern Abstand im Garten ermöglicht. Das hat gut geklappt.

Im Hanns-Lilje-Heim waren schon einige mit Corona infizierte Bewohner verstorben, als es bei Ihnen im Awo-Heim auch einen Todesfall gab.

Es war ein Bewohner verstorben und ich hatte darum gebeten, im Nachhinein einen Abstrich zu nehmen. Der war positiv. Dann fing das ganze Prozedere an: Abstrich auf dem gesamten Wohnbereich, Quarantäne auf dem gesamten Wohnbereich. Der Bewohner lebte auch noch in einem Doppelzimmer, aber zum Glück war da nichts. Es ist nicht mehr nachzuvollziehen, woher er es hatte. Er muss auch nicht unbedingt an Corona gestorben sein. Es ist ein bisschen mysteriös.

Quarantäne im Demenz-Wohnbereich: „Eigentlich kaum umsetzbar“

Wie lange hat es gedauert, bis Sie Entwarnung hatten?

Das ging relativ schnell. Die Ärztin rief mich am Sonntagabend zu Hause an und sagte, dass der Abstrich des Verstorbenen positiv war. Dann kam das Gesundheitsamt und wir haben für Montag die Tests vereinbart. Etwa zwei Tage später waren alle Bewohner und Mitarbeiter getestet. Das Ganze haben sie nach 14 Tagen noch einmal wiederholt. Es war nichts.

Wie haben Sie die Zeit erlebt, in der niemand wusste, wie die Testergebnisse ausfallen würden?

Die war natürlich belastend, vor allem für die Bewohner. Die Bewohner des Dementenwohnbereichs standen unter Quarantäne. Es ist schon schwierig, ihnen klarzumachen, dass sie in ihren Zimmern bleiben und Abstand halten sollen. Das ist eigentlich kaum umsetzbar, nach zehn Minuten haben sie es teilweise schon wieder vergessen, aber auch bei den kognitiv nicht eingeschränkten Bewohnern ist es schwer.

Pflegekräfte haben Angst, das Coronavirus einzuschleppen

Wie stehen die Mitarbeiter zu der Ansteckungsgefahr, der sie ausgesetzt sind?

Ich glaube, die meisten Mitarbeiter haben weniger Angst gehabt, sich anzustecken. Sie haben eher die Befürchtung, dass sie das Virus mit einschleppen und was dann passieren könnte. Es gab keine massenhaften Krankmeldungen, obwohl wir auch Mitarbeiter haben, die selbst zur Risikogruppe gehören.

Eine Zeit lang wurden Pflegekräfte sehr bejubelt. Wie nimmt man das in so einer Situation wahr?

Es wurde durchaus Anteil genommen. Da kamen Musiker, die im Hof musiziert haben, es kamen Spenden, Präsentkörbe. Das haben die Mitarbeiter schon registriert und unterschiedlich reagiert.

Erzieherinnen halfen in Wolfsburger Altenheim

Haben sich Freiwillige zum Helfen gemeldet?

Ja! Die Awo-Kitas waren ja geschlossen und den Erzieherinnen wurde freigestellt, hier zu arbeiten. Sechs oder sieben kamen für einige Wochen. Das war eine gelungene Aktion. Für die Erzieherinnen war es eine positive Bereicherung und für die Bewohner auch mal etwas Anderes.

Haben Sie die versprochenen Dankesboni schon erhalten?

Ja, sie kamen gerade mit dem letzten Gehalt. Aber das hat ein bisschen Ärger produziert, weil man diese Boni nur erhält, wenn man in der gesamten Zeit weniger als 14 Tage krank war. Natürlich muss man irgendwo eine Grenze ziehen, aber so haben es die einen bekommen und die anderen nicht.

Senioren beim Stadtbummel – Sorgen für den Heimleiter

Wie sieht es heute aus? Finden regelmäßig Abstriche statt? Haben Sie für den Fall der Fälle Tests?

Wir haben ein paar. Regelmäßige Kontrollen finden nicht statt. Aber wenn wir der Meinung sind, wir brauchen Tests, dann geht es sehr schnell. Wenn wir einen Verdachtsfall haben, können wir beim Gesundheitsamt anrufen und es würde sehr zeitnah getestet. Wir haben jetzt auch ein Angebot, dass Mitarbeiter, die aus dem Urlaub zurückkommen, sofort kostenlos getestet werden.

Wie alarmiert sind Sie, wenn ein Bewohner hustet?

Da sind wir relativ rigoros. Seit vier Monaten messen wir morgens bei jedem Bewohner die Temperatur. Nur bei den Bewohnern lässt die Sensibilität langsam nach. Sie können ja auch wieder in die Stadt. Das ist natürlich schön für sie, aber es ist auch eine etwas zweischneidige Angelegenheit. Nach wie vor liest man jeden Morgen die Zahlen für Wolfsburg und macht sich so seine Gedanken, was passiert, wenn jetzt die ganzen Leute aus dem Urlaub zurückkommen.

Das Notfallszenario: Im laufenden Betrieb isolieren

Was ist Ihre Sorge?

Sind Bewohner in der Stadt, ist das für uns ein Risikofaktor. Wir wissen nicht, wie sie sich in der Stadt verhalten. In der Innenstadt trägt kein Mensch Mundschutz, also werden es die Bewohner auch nicht tun. Und die Angehörigen: Einige sind sicher sehr vorsichtig, andere nicht. Es reicht halt, wenn einer das Virus hat. Es ist ein Pulverfass. Da hofft man, dass es irgendwie gut geht.

Haben Sie diese Befürchtungen in der Hochzeit der Pandemie belastet?

Das beschäftigt einen. Man macht sich natürlich Gedanken über den Worst Case. Was passiert, wenn wir es im Heim haben? Dann müssen wir isolieren. Versuchen Sie mal, im laufenden Betrieb zu isolieren! Man hat sich schon überlegt, welchen Flügel man dann eventuell evakuiert. Aber da wohnen auch Menschen. Erstmal müssten die Gesunden umziehen, damit die Infizierten dahin können. Das ist schon eine richtige Herausforderung.

Heimleiter: Tipps vom Landesgesundheitsamt „nicht immer ganz realitätsnah“

Aber es gibt einen Plan für den schlimmsten Fall.

Den haben wir sehr früh entwickelt. Wir hoffen, dass er nie zum Einsatz kommt. Der Teufel liegt bekanntlich im Detail, und ob es so funktioniert, wie wir es uns überlegt haben, ist noch einmal eine ganz andere Frage. Aber ja: Wir haben für alle Möglichkeiten einen Notfallplan.

Standen Sie ganz allein davor, oder hatten Sie versierte Unterstützung und Beratung?

Vom Träger. Was vom Landesgesundheitsamt kommt, ist nicht immer ganz realitätsnah.

Mit einem Impfstoff rechnet er in diesem Jahr noch nicht

Was erhoffen Sie sich für die nächsten Monate?

Dass wir irgendwann einen Impfstoff bekommen – logisch! Wenn das jetzt in den Winter reingeht... Alte und pflegebedürftige Menschen sind anfälliger für viele Erkrankungen. Kommen Corona und die normalen Grippeviren zusammen, dann wird es aber richtig dramatisch. Wenn dann morgens einer hustet, 38 Grad Fieber hat und wir unterscheiden sollen, was es denn nun ist… Aber machen wir uns keine Illusionen: Den Impfstoff werden wir wahrscheinlich dieses Jahr nicht mehr kriegen. Wir werden da im Herbst oder Winter vermutlich noch große Probleme bekommen.

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