Wolfsburgerin spendet Ehemann eine Niere

Wolfsburg.  Plötzlich war der Japp auf Kuchen da, dafür die Höhenangst weg. Thomas Männicke lebt mit einer Niere seiner Frau. Sie wollen anderen Mut machen.

Sabine Männicke hat ihrem Mann Thomas eine Niere gespendet. Sport ist für die beiden ein wichtiger Baustein. Hier sind sie bei ihrer regelmäßigen Nordic Walking Runde in der Wolfsburger Natur unterwegs.

Sabine Männicke hat ihrem Mann Thomas eine Niere gespendet. Sport ist für die beiden ein wichtiger Baustein. Hier sind sie bei ihrer regelmäßigen Nordic Walking Runde in der Wolfsburger Natur unterwegs.

Foto: Darius Simka / regios24

Vielleicht kann man sie die Steinmeiers von Wolfsburg nennen: Sabine und Thomas Männicke. Die 53-Jährige spendete ihrem Mann (60) eine Niere. Im WN-Interview erzählen sie ihre Geschichte aus Höhen und Tiefen, Ängsten, Freude und Zuversicht. Die Nierentransplantation war vor sechs Jahren, aber eigentlich hat für die beiden alles viel früher begonnen ...

Zunächst das Wichtigste: Wie geht es Euch?

Beide: Richtig gut! Auch wenn wir in der aktuellen Corona-Zeit noch mehr aufpassen müssen als andere.

Thomas: Ich bin ja Hochrisikopatient ...

Sabine: … und ich Risikopatientin. Wir müssen uns eben vor schweren Infektionen, insbesondere unserer Nieren schützen und ganz aktuell vor Corona, aber auch bei der Einnahme von Medikamenten, die nierenschädlich sind.

Thomas, vor 30 Jahren hast du die Diagnose einer genetischen Erkrankung deiner Nieren bekommen. Gesundes Gewebe wurde dabei nach und nach zerstört. Kanntet ihr Euch da schon?

Thomas: Noch nicht ganz. Seit 1995 haben wir aber zusammen gearbeitet und 2002 hat es dann gefunkt. Geheiratet haben wir fünf Jahre später.

Wie seid ihr mit der Nierenkrankheit umgegangen?

Sabine: Ich wusste ja schon sehr lange, dass Thomas irgendwann mal eine neue Niere benötigen würde. Zu seinen Terminen beim Nephrologen habe ich ihn meistens begleitet und viele Information bekommen, wann es für ihn Zeit wird eine Nierenersatztherapie zu beginnen. Dass ich einmal seine lebensrettende Spenderin sein würde, war mir bis dahin nicht in den Sinn gekommen. Wir waren ja immer davon ausgegangen, dass nur Blutsverwandte spenden können. Ich habe mir natürlich gewünscht, dass die Zeit, bis er ein neues Organ benötigt, noch in weiter Ferne liegt. Und so war es ja schließlich auch. Bis es dann doch akut wurde.

Wie wurdet ihr betreut und wie habt ihr erfahren, dass Sabine als Spenderin in Frage kommt?

Thomas: Aufmerksam darauf hat uns unser lieber Freund und Internist Dr. Ghassan Sowan gemacht. Wir dachten, die Lebendspende ist nur innerhalb der Familie möglich. Er führte aber das Beispiel von Familie Steinmeier an. Und so beschäftigten wir uns erst einmal mit diesem Thema. Dann hat uns die Medizinische Hochschule in Hannover auf dem weiteren Weg sehr eng begleitet. Ein super Team! Vorab mussten die Blutgruppen bestimmt werden. Dass Sabine Universalspender ist, war erst einmal eine gute Voraussetzung. Wir hatten aber natürlich die Sorge, was so auf den Spender zukommen kann. Was ist, wenn die verbleibende Niere erkrankt? Und was ist, wenn die gespendete Niere abgestoßen wird?...

Sabine: Ich hatte etwa 50 Untersuchungen, da ich ja sozusagen auf Herz und Niere geprüft wurde. Bis die Freigabe kam, waren dann eineinhalb Jahre ins Land gegangen. Manche Untersuchungsergebnisse mussten auch noch einmal genauer betrachtet werden. Die Nierenspende sollte ja schließlich zum Erfolg führen und mir keinen Schaden zufügen. Es soll ja sichergestellt werden, dass der Spender nach der Spende wieder zurück in den Alltag kann. Der Empfänger wiederum soll möglichst keine schweren zusätzlichen Erkrankungen haben, wie zum Beispiel Krebs, was Thomas ja glücklicherweise auch nicht hatte.

Thomas: Zwar hatte ich mich schon mit der Bauchfelldialyse angefreundet und mich auch mit einem Betroffenen ausgetauscht. Trotzdem hat mich die Aussicht gefreut, das umgehen zu können. Allerdings war mir das allerwichtigste, dass meine Frau sich völlig frei entscheiden kann. So habe ich auch Sabine kurz vor dem Eingriff noch gesagt, dass sie noch auf dem OP-Tisch nein sagen kann. Meine liebe Frau hat dann allerdings auf dem OP Tisch sogar noch den Arzt gebeten, ihr Zettel und Stift zu bringen, damit sie ihm ihre E-Mail-Adresse aufschreiben kann. Er sollte ihr von ihrer der Niere ein Foto machen und ihr schicken. Damit wir uns ein Bild von ihr machen können. Das Bild habe ich jetzt immer bei mir. Ich habe die Niere Sabina getauft.

Vor der Transplantation gab es allerdings noch weitere Probleme...

Thomas: Ja. Die kleinere, rechte Niere von Sabine - die leistungsstärkere Niere verbleibt immer beim Spender - war geeignet, jedoch handelte es sich um eine sogenannte Doppelniere. Das kommt recht häufig vor. Der eine Teil war aber schlecht durchblutet. Das war zunächst ein Ausschlusskriterium. Was das mit einem macht, ist kaum zu beschreiben. Kurz vor dem Ziel und doch nicht angekommen. Nach einer Spezialuntersuchung in der MHH hat sich herausgestellt, dass die Teilniere eine Y-Arterie hatte, die in der Bewegung teilweise abgeklemmt war. Damit hatten wir das Go für die Transplantationsstation. Vorab musste die Ethik-Kommission noch die Freiwilligkeit der Spende testieren. Danach noch ein Kurzurlaub auf Mallorca bei Sabines Eltern, die beiden leben dort seit 21 Jahren, und dann ab nach Hannover in die Klinik.

Am 28. Oktober 2014 war die Transplantation, zehn Tage nach der OP bist du, Thomas, schon aus dem Krankenhaus entlassen und zur Reha geschickt worden. Sabine, wie schnell warst du nach der Organ-Spende wieder fit?

Sabine: Ich habe ebenfalls 10 Tage in der MHH verbracht und bin dann gemeinsam mit Thomas in die 3-wöchige Reha gefahren. Bei der Reha haben wir beide sehr viele Informationen erhalten, zum Beispiel was bei der Ernährung zu beachten ist oder welche Medikamente für uns ein No-Go sind. Da wir ein Vierteljahr nicht schwer heben durften, haben uns liebe Freunde unterstützt. Insgesamt war ich 3 Monate zu Hause, das ist natürlich nicht bei jedem so, und bin dann über 6 Wochen wieder eingegliedert worden.

Thomas: Ich hatte komischerweise auf einmal Japp auf Kuchen. Das sind Eigenschaften von Sabine. Hintergrund ist, dass Zellerinnerungen vom Spender auf den Empfänger übergehen können. Später haben wir auch festgestellt, dass meine leichte Höhenangst und der Schwindel weg waren.

Sabine: Und ich bin heute glücklich, dass ein einmal selbstgebackener Kuchen dann auch zügig weggeht ...

Sport, Bewegung, reisen - dies ist alles für Euch Lebenselixier. Inwieweit hat Euch das geholfen?

Thomas: Ich habe schon in der Reha wieder angefangen, Sport zu machen und um belastbarer und fitter zu werden. Nach drei Monaten sind wir beide wieder Abfahrts-Ski gelaufen. Die Niere arbeitet prächtig und erledigt ihre Aufgabe vorbildlich. Über die Lebensdauer der Niere kann man viel nachdenken, kann man Statistiken wälzen, kann man sich mit anderen Patienten unterhalten. Von der Spontanabstoßung bis hin zu mehr als 30 Jahre Transplantatüberleben ist alles drin. Ich freue mich einfach über jeden Tag und lebe auch jeden Tag sehr bewusst.

Größtmögliche Sorgsamkeit mit der Gesundheit ist da bestimmt ein Muss ...

Sabine: Auf jeden Fall. Ich brauche den Sport für meinen Ausgleich und um Stress abzubauen und natürlich um fit zu bleiben. So nebenbei müssen wir den Kuchen ja auch abarbeiten. Und ja, ich merke schon, dass ich nur eine Niere habe. Zumal ich eine sehr lange Narbe habe, die mir oft Schwierigkeiten bereitet. Außerdem bin ich schneller erschöpft und nicht mehr so leistungsfähig, wie vorher.

Wie helfen Ernährung, Psyche, Lebenseinstellung bei alldem?

Sabine: Ich denke, eine ausgewogene Ernährung ist völlig ausreichend. Wenn man jetzt noch möglichst salzarm isst, mit guten Ölen, Obst, Gemüse, Vollkorn Produkten, einmal die Woche Fisch und maßvoll Fleisch und Wurst zu sich nimmt und ausreichend trinkt, das heißt drei Liter pro Tag, dann ist alles gut. Medikamente sehr sparsam zu sich nehmen - bitte möglichst keine Schmerzmittel wie Ibuprophen, ASS, Diclofenac und Naproxen wenn man bereits nierengeschädigt ist. Wenn man das beherzigt ist schon viel gewonnen. Und unbedingt auf den Blutdruck achten, der kann, nicht richtig eingestellt, viel Schaden, gerade auch bei den Nieren anrichten.

Thomas: Als immunsupprimierter Mensch muss ich auch beachten, kein rohes Fleisch oder rohen Fisch zu essen. Hintergrund ist, dass Bakterien oder Viren, die von einem gesunden Immunsystem abgewehrt werden, zu gefährlichen Infektionen führen können. Auch vor Schimmel muss ich mich in Acht nehmen. Das neue Organ bewirkt eine maximale Freiheit für mich. Ich muss aber mein Leben lang Immunsuppressiva einnehmen, die mein Immunsystem herabsetzen. Dadurch wird eine Abstoßung des neuen Organs verhindert.

Wo holt ihr Euch die fachliche Unterstützung?

Thomas: Gespräche mit Ärzten und Praxisteams helfen und vor allem die mit Betroffenen, die eine ganz eigene Expertise haben. Gerade die Dialysestation in Weyhausen ist hier eine große Hilfestellung. Die Ärzte und das ganze Team sind einfach toll. Hier wird aufgeklärt, unterstützt und es gibt immer ein offenes Ohr. Dazu wird man selbst immer erfahrener und eigenverantwortlicher. Das ist ja auch das Ziel! Und durch den regelmäßigen Sport und sicherlich auch durch den allgemeinen Lebenswandel habe ich heute Nierenwerte, die ich vielleicht vor 15 Jahren hatte. Sport, Ernährung, persönliche Einstellung - das sind meine Bausteine zur Krankheitsbewältigung. Wenn dann noch der richtige Partner da ist, dann ist alles möglich ...

Wie hat Euer Umfeld damals reagiert?

Thomas: Alle sehr positiv - die meisten sagten einfach toll und vor allem mutig von Sabine!

Ihr wollt andere Betroffene ermutigen und engagiert euch mittlerweile in verschiedenen Gruppen und Initiativen.

Sabine: Man setzt sich intensiv mit dem Thema auseinander und erfährt immer neue, interessante Dinge und kann somit anderen Betroffenen zu Seite stehen.

Thomas: Anders als Sabine bin ich ja seit kurzem im Vorruhestand und kann mich der Sache voll widmen. Als Patientenbegleiter für Nierenerkrankte habe ich sehr viel Spezialwissen erlangt. Und ich habe gelernt, jeder Patient ist völlig anders, jeder hat seine ganz individuelle Geschichte. Ich habe die Leitung der Regionalgruppe Gifhorn-Wolfsburg des Landesverbandes Niere Niedersachsen übernommen. Wichtig ist unserem Verein die Unterstützung von Betroffenen und auch die Vorsorge. Schätzungen zufolge gibt es bundesweit mehrere Millionen chronisch Nierenerkrankte in allen Stadien. Und viele wissen gar nicht, dass sie möglicherweise Probleme haben. Nieren leiden leise, es tut nicht weh. Aufklärungsarbeit, Fachvorträge, Austausch, gemeinsame Aktivitäten, darum geht es bei uns.

Unser nächstes Treffen haben wir unter Einhaltung der Corona-Regeln am 28. August in Gifhorn im Hotel Deutschen Haus. Wir freuen uns über jeden Interessierten, der sich sehr gerne an mich wenden kann. Gemeinsam sind wir im Beirat des SLOD tätig (Selbsthilfe Lebend Organspende Deutschlands e.V.). Dabei wollen wir den Angehörigen zur Seite stehen, die Rahmenbedingungen einer Lebendspende optimieren und das gesellschaftliche und soziale Umfeld verbessern.

Die Arbeit als Patientenbegleiter machst du ja noch nicht so lange. Welche Erfahrungen hast du schon?

Thomas: 2019 fing es so gut mit ersten Gesprächen an. Und dann hat uns die Corona Pandemie mächtig dazwischengefunkt. Alle Dialysepatienten und die Transplantierten sind ja faktisch Hochrisikopatienten. Hier gilt es Abstand zu halten und dabei ist gerade Nähe so wichtig. Daher starte ich in Kürze mit der Dialyse Station Gifhorn einen Feldversuch, wo wir die erste Kontaktaufnahme per Telefon, Mail, oder Facebook anbieten. Auch über Videogespräche kann man schon viel erreichen. Aber es ist eben immer nur ein Ergänzungsmedium.

Vergangenes Jahr habt Ihr Euch einen großen Traum erfüllt...

Thomas: Es war noch besser als gedacht - und ich kann mir sehr viel denken und ausmalen. Neun Wochen Florida! Wir hatten die Zeit, das Land wirklich zu erfassen und die Leute näher kennen zu lernen. Und so nebenbei lernt man sich selbst auch noch besser kennen.

Sabine: Ich hatte mir eine 6-monatige Auszeit vom Job genommen, um den Vorruhestand mit Thomas gebührend einzuleiten. Unsere Zeit in Florida war echt toll und ich habe diesen Urlaub nach einem anstrengenden Jahr 2019 wirklich genossen.

Noch einmal zurück zu eurem Engagement, das aus eurer Geschichte entstanden ist. Was ratet Ihr Betroffenen?

Beide: In jedem Fall immer einmal mehr aufzustehen als hinzufallen! Und sich mit anderen austauschen, Gruppen anschließen. Dann merkt man, dass man längst nicht allein mit allem ist.

(Anmerkung der Redaktion: Die Autorin hat die beiden beim Sport im Fitness-Studio kennengelernt.)

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