Golf und Co im Sturzflug – VW streicht viele Schichten

Wolfsburg.  VW hat für das komplette zweite Quartal vorsorglich Kurzarbeit beantragt. Bis Ende Mai fallen wegen fehlenden Absatzes. weitere Schichten aus

Der Absatz der VW-Modelle kommt einfach nicht in Gang. Das Unternehmen reagiert darauf mit neuen Schichtabsagen in Wolfsburg.

Der Absatz der VW-Modelle kommt einfach nicht in Gang. Das Unternehmen reagiert darauf mit neuen Schichtabsagen in Wolfsburg.

Foto: Julian Stratenschulte/picture alliance

Im April gab es auf dem deutschen Automarkt keine Modellklasse, die nicht massive Absatzrückgänge verbuchte. Das geht aus den Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) in Flensburg hervor. Vom Kompaktkönig Golf verkaufte VW im April in Deutschland beispielsweise nur 5681 Einheiten (April 2019: 18.514). Der Absatz brach im Vergleich zum auch nicht berauschenden April 2019 um fast 70 Prozent ein. Damit ist der Golf-Absatz noch schlechter als der Gesamtabsatzeinbruch in der einst so dominanten Kompaktklasse (minus 61,8 Prozent). Noch schlimmer: Dieses Desaster wird derzeit auch nicht durch den Absatz anderer VW-Bestseller kompensiert. Die Entwicklung ist dramatisch. VW reagiert darauf in den beiden letzten Maiwochen mit Schichtabsagen und weiteren produktionsfreien Tagen. Dem Antrag des Unternehmens stimmte der Betriebsrat am Dienstag zu.

Wie bereits berichtet, handelt es sich um Absagen für die Schicht 3 der Montagelinie 3 (Golf-Fertigung) am 15.,20., 25. und 29. Mai. An den Montagelinien 1 und 4 (Tiguan, Touran und Seat Tarraco) werden an diesen vier Tagen alle Schichten ausfallen. Zudem wird der Freitag, 22. Mai, zum Brückentag. Deshalb müssen die Beschäftigten für diesen Tag Freizeitansprüche entnehmen.

Faktisch ist der erst in der Vorwoche implementierte allgemeine Drei-Schicht-Betrieb im Stammwerk damit wieder beendet. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass VW gezwungen ist, auch diese Fahrweise nochmals zu korrigieren. Das Unternehmen selbst erwartet im zweiten Quartal keine grundsätzliche Besserung der Lage. Deshalb wird VW am Mittellandkanal wohl auch im Juni „auf Sicht“ fahren müssen.

Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann hatte zu Wochenbeginn bezüglich des Absatzmarktes von einem „Totalausfall“ gesprochen. Damit hat er nicht übertrieben. Dass die gesamte Automobilbranche am Boden liegt, verdeutlicht besonders der Niedergang der SUV-Klasse, der vom KBA das VW-Modell T-Roc zugerechnet wird. Im April 2019 legte das in Portugal gebaute Auto um 28,8 Prozent zu. 4531 der schicken Hochsitzer wurden in Deutschland verkauft. Der Trend ging damals eindeutig in Richtung SUV. Ein Jahr später verkaufte VW nur noch 2109 T-Roc-Modelle – der Absatz brach um 53,5 Prozent ein. Die gesamte Fahrzeugklasse verlor sogar fast 70 Prozent Absatz.

Nicht besser sieht es beim Geländewagen Tiguan aus, der dem Unternehmen jahrelang rasant steigende Absatzzahlen und vor allem eine prächtige Rendite bescherte. Im April 2019 verkauften die Wolfsburger 7313 Einheiten. Im April 2020 waren es nur noch 2757 – ein Rückgang um 62,3 Prozent. Der Tiguan verliert sogar deutlich im Vergleich zum durchschnittlichen Einbruch der Fahrzeugklasse (SUV: minus 45,9 Prozent). Retten kann in diesem Umfeld auch der Van Touran nichts. Nur noch 1167 Einheiten (minus 67 Prozent) fanden einen Käufer. Zum Vergleich: Im April 2019 sackte der Absatz sogar um über 30 Prozent ab. Dennoch verkaufte VW vor einem Jahr noch 3540 Einheiten der geräumigen „Familienkutsche“.

Besonders schlimm setzt die coronabedingte Kaufapathie dem Golf zu. Produktion, Präsentation und Verkauf des neuen Golf, auf den man in Wolfsburg so große Hoffnungen setzt, nahmen seit dem Produktionsbeginn im vorigen Sommer nie Fahrt auf. Das so wichtige Modell erlebte sein Debüt in einem bereits schwierigen Marktumfeld. Ernsthafte Probleme mit den Software-Updates sorgten für eine verpatzte Markteinführung. Dann kam im März der wirtschaftliche Zusammenbruch im Gefolge der Seuche. Das Fazit: Der einstige Verkaufsschlager kommt einfach nicht zu den Kunden.

Die Auswirkungen auf die Produktion in Wolfsburg sind schlimm. Fünf Wochen lang ruhte der Automobilbau. Ein wirklicher Neubeginn steht und fällt mit einem Ende der Coronaepidemie und der sie flankierenden Schutzverordnungen. Doch eine solche Entwicklung ist nicht abzusehen. Zudem können selbst Märkte, die sich bereits zu erholen schienen, jederzeit von einer zweiten Welle erwischt werden. Vorsorglich hat Volkswagen für das gesamte zweite Quartal Kurzarbeit beantragt – auch im Juni müssen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter somit noch keine Sorgen machen. VW stockt das Kurzarbeitergeld auf 100 Prozent auf.

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