Silvester-Randale in Wolfsburg – Täter haben sich gefilmt

Westhagen.  Nach den Silvester-Ausschreitungen in Westhagen will die Stadt Wolfsburg die Krawallmacher in Regress nehmen.

Ein Ausschnitt aus einem Youtube-Video, das die Ausschreitungen an Silvester in Westhagen zeigen soll.

Ein Ausschnitt aus einem Youtube-Video, das die Ausschreitungen an Silvester in Westhagen zeigen soll.

Foto: Screenshot: Hendrik Rasehorn

Die Ausschreitungen in Westhagen an Silvester und die Angriffe auf Polizei und Feuerwehr (wir berichteten ausführlich) dürften noch lange nachwirken. Nicht nur, weil gegen mögliche Tatverdächtige ermittelt wird und ihnen im Fall einer Verurteilung harte Strafen drohen. Offenbar wurden von der vollkommen enthemmten Randale auch Videos gedreht, die nun im Netz kursieren.

Jetzt hat sich auch Polizeivizepräsident Roger Fladung zu den Vorfällen in Wolfsburg und in der Region geäußert: „Diese Ereignisse machen sehr betroffen und wir werden sie erneut zum Anlass nehmen, die Strategien und Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt gegen Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste zu überprüfen.“ Respektlosigkeit, Gruppenverhalten und übermäßiger Alkoholkonsum seien Katalysatoren dieser Gewaltexzesse. Diese Ursachen, entstünden nicht erst in der Silvesternacht. „Wir werden die Geschehnisse sorgfältig aufarbeiten. Es ist wichtig, dass diese Gewalttaten in deutlichen Rückmeldungen aus Politik und Gesellschaft verurteilt worden sind. Die eingesetzten Polizistinnen und Polizisten nehmen diese Reaktionen als eine wichtige Unterstützung ihrer Arbeit wahr“, sagte er weiter.

In der Silvesternacht hatten Täter am Schulzentrum Scheiben zertrümmert und Feuerwerk in den Klassenräumen gezündet. Aufgrund des Brandmeldealarms rückten gegen 0.30 Uhr Feuerwehr und Polizei an. Auf dem Marktplatz wurden sie aus einer Menge von 50 Personen heraus mit mutmaßlich illegalen Böllern beworfen. Als sich die Einsatzkräfte im Schulzentrum ein Bild von den Räumen machen wollten, wurden sie von draußen mit Feuerwerksmunition aus Schreckschusswaffen beschossen.

Auf Youtube wurde am 1. Januar das 52-sekündige Video „Brandstiftung im Gymnasium Westhagen“ hochgeladen. Es stellt einen Zusammenschnitt mehrerer Videoschnipsel dar. Ob alles, was da zu sehen ist, aus der Silvesternacht stammt, lässt sich für die WN-Redaktion nicht verifizieren und ist laut Polizeisprecher Sven-Marco Claus Gegenstand laufender Ermittlungen. Es spricht aber viel dafür, dass die Täter sich selbst gefilmt haben.

Im ersten Videoschnipsel, den ein „Yusuf“ gedreht haben soll, sind ein Dutzend Personen an der Seite eines Gebäudes zu sehen. In einem Raum lodern Flammen und es steigt Rauch auf, während einige Personen wohl Knaller durch ein Loch im Fenster werfen. Andere zücken ihr Handy und scheinen Aufnahmen zu machen. Das nächste Video, das ein „Khaled“ aufgenommen haben soll und die die Flammen im Gebäude zeigt, trägt den Titel „Das war’s Schule“. Man hört klirrende Glasscheiben und Johlen.

In einem weiteren Videoschnipsel versucht ein junger Mann eine Glastür am Gebäude einzutreten, während ein anderer möglicherweise Leuchtmunition ins Gebäude hinein abgefeuert. Im letzten Videoschnipsel wird mit einem Handy durch eine zerstörte Scheibe in einen Raum gefilmt. Dann wechselt die Perspektive. Ein junger Mann filmt sich selbst und ruft mit aufgeputschter Stimme: „Seht was wir gemacht haben. Bevor die Amcas (Anmerkung: das türkische Wort bedeutet in der Einzahl „Onkel“, in der Mehrzahl kann es mit „Polizei“ oder „Bullen“ übersetzt werden) kommen, rennen wir weg“, und danach „Yallah“, was übersetzt „Los geht’s“ bedeutet.

Wolfsburgs OB Klaus Mohrs hatte sich am Neujahrstag entsetzt über die Angriffe auf Einsatzkräfte gezeigt. AfD-Ratsherr Thomas Schlick machte die mutmaßlichen Tätervideos auf seiner Facebook-Seite publik. „Was ist nur aus unserem Land geworden“, schrieb er unter einem.Auch der reichweitenstarke rechtsextreme Blog „Politically Incorrec“ griff die Silvester-Randale auf und hetzte zum Youtube-Video: „Die Sehnsucht mancher moslemischer Migranten nach Chaos und Verwüstung“.

Randale im Wolfsburger Stadtteil Westhagen

Die Gefahr, dass das Video von Rechtsextremen instrumentalisiert werden könnte, sieht auch Claus. „Deshalb ist es wichtig, dass wir mit unseren Ermittlungen schnell vorankommen.“ In der Silvesternacht wurden vier renitente junge Männer, die den Anweisungen nicht folgen wollten, Handschellen angelegt. Zu dem Quartett zählte ein 18-Jähriger aus Wolfsburg, ein 22-Jähriger aus Goslar und ein 23-Jähriger aus Ronnenberg bei Hannover. „Sie sind allesamt deutsche Staatsbürger“, so Claus auf Nachfrage. Zur Herkunft der vierten Person konnte er gestern keine Auskunft geben, da die beteiligten Beamten den Polizeieinsatz noch nicht vollständig im internen System erfasst hatten.

Bei den drei festgesetzten Männern wurden Schreckschusspistolen sichergestellt. Zwar dürfen solche Waffen außerhalb der eigenen Wohnung geführt werden, aber nur, wenn der Besitzer einen Kleinen Waffenschein hat. Solche Waffen sind auch nur zur Verteidigung in Notwehr gedacht. An Silvester damit in der Öffentlichkeit herumballern ist verboten. Noch am Donnerstag war der Boden vor dem Schulzentrum übersäht mit Platzpatronen-Hülsen.

Offenbar hatte die Randale in Westhagen einen Vorlauf. Eine Leserin schrieb unserer Redaktion, dass es bereits einen Abend vor Silvester auf dem Marktplatz hoch herging, dass sie die Polizei alarmiert habe. Wegen der Lautstärke tippte sie auf illegale Feuerwerkskörper. Claus bestätigte, dass die Polizei am 30. Hinweise auf illegales Feuerwerk in Westhagen bekommen hatte und Beamte dort Streife fuhren, allerdings niemanden dingfest machen konnten.

Die Sprecherin der Stadt Sabrina Dünschede teilte auf Nachfrage mit, die Silvester-Randale habe die Feuerwehr bewegt. „Sie sind schockiert, dass der bundesweit zu beobachtende Trend, Einsatzkräfte an ihrer Arbeit zu hindern und sie sogar physisch zu attackieren, auch in Wolfsburg zum Tragen kommt. Umso mehr, da die Frauen und Männer sich selbst als Helfer verstehen, die den Menschen ermöglichen wollen, sorglos zu feiern.“ Von der Polizei, die den Einsatz geleitet hat, fühlt sich die Feuerwehr sehr gut unterstützt, so dass keiner der Anwesenden zu Schaden kam. „Es habe sich gezeigt, dass sich deeskalierendes Verhalten bewährt.“

Zur Klärung der Schadenshöhe – die Polizei ging bei ihrer ersten Schätzung von 10.000 Euro aus –, müsse zunächst untersucht werden, wie schwer der Fußboden in den betroffenen Klassenräumen beschädigt wurde, teilte auf Nachfrage Sabrina Dünschede von der Stadt-Pressestelle mit. Darüber hinaus muss der Klassenraum gestrichen und etwa ein Viertel des Mobiliars ersetzt werden. In weiteren drei Räumen ist der Fußbodenbelag auszutauschen. Sechs Fensterscheiben müssen ausgetauscht werden, möglicherweise mitsamt der Rahmen. Durch die Platzpatronen sind ebenfalls Eingangstüren in Mitleidenschaft gezogen worden – ob hier ebenfalls ein Austausch erforderlich ist, steht zur Beurteilung noch aus. Die Stadt Wolfsburg geht davon aus, dass der Schaden den Verursachern nach deren Verurteilung zur Last gelegt werden kann.

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