Wolfsburgerin kritisiert Palliativstation im Klinikum

Wolfsburg.  Eine Wolfsburgerin sagt, ihre Schwester habe auf der Palliativstation des Klinikums Wolfsburg unnötig leiden müssen. Das steht zu der Behandlung.

Pressesprecher Thomas Helmke in der Palliativstation des Wolfsburger Klinikums. Das Foto entstand bei der Eröffnung im März 2017.

Pressesprecher Thomas Helmke in der Palliativstation des Wolfsburger Klinikums. Das Foto entstand bei der Eröffnung im März 2017.

Foto: Helge Landmann / Regios24 (Archiv)

Einen schönen Tod hat sich eine Wolfsburgerin für ihre Schwester gewünscht, als sie diese am Mittwoch vor Ostern auf die Palliativstation im Klinikum Wolfsburg begleitete. Die Erwartung erfüllte sich nicht. Die 37-jährige Krebspatientin litt aus Sicht der Wolfsburgerin in ihren letzten Tagen unnötige Qualen, weil ihr ein bestimmtes Medikament vorenthalten wurde. „Was da passiert ist, ist keine Palliativversorgung“, sagt die Hinterbliebene. „Ich will, dass das nicht noch einmal passiert.“

Die Patientin hatte schon lange unter Bauchspeicheldrüsenkrebs gelitten. Der Wunsch der vierfachen Mutter war, nicht in ihrem Wohnort in Süddeutschland zu sterben, sondern in ihrer Heimatstadt. Im Wolfsburger Hospiz. Doch das hatte keinen Platz frei. Nach Schilderung der Schwester machten sie die Ärztin, die das Aufnahmegespräch im Wolfsburger Klinikum führte, gleich darauf aufmerksam, dass die Patientin ein bestimmtes Medikament benötige: Xifaxan mit dem Wirkstoff Rifaximin. Eigentlich ein Antibiotikum. Doch in der Vergangenheit hatte es nach Erfahrung der Familie geholfen, die Ammoniakkonzentration im Körper der Patientin zu senken, die aufgrund der Metastasen in ihrer Leber schon einige Ammoniakvergiftungen hatte. „Das waren immer Höllenqualen“, so die Schwester.

Nach ihrer Erinnerung erklärte die Ärztin bei der Aufnahme, das Medikament müsse bestellt werden. Bereits am Gründonnerstag, also einen Tag später, sei es der Patientin schlechter gegangen. Am Karfreitag setzten Halluzinationen ein. Am Samstag hatte die 37-Jährige weitere Symptome, welche die Schwester von den Ammoniakvergiftungen kannte: starke Unruhe, Erinnerungslücken, unerträgliche Schmerzen. Das Medikament war immer noch nicht da. Die Schwester sagt, sie habe darum gebeten, die Ärztin vom Mittwoch hinzuzurufen, da sie Bereitschaft hatte. Sie sei jedoch vertröstet worden.

Als die 31-Jährige am Ostersonntag wieder ins Klinikum kam, habe eine Zimmernachbarin berichtet, dass ihre Schwester in der Nacht nur geschrien habe. Die Wolfsburgerin fand die Patientin in einem schrecklichen Zustand vor: Die Kranke habe gefleht, ihrem Leiden ein Ende zu setzen. Wieder fragte sie nach dem Medikament – und erhielt die Auskunft, es werde erst am Dienstag da sein. Am Mittag sei dann endlich die Ärztin angerufen worden. Gegen 13 Uhr sei diese eingetroffen und habe erklärt, dass eine Schwester das Medikament auf der Intensivstation „versteckt“ habe.

Gegen 14 Uhr erhielt die Patientin schließlich das Xifaxan. Eine Besserung erlebte sie nicht mehr: Sie sei um 15.35 Uhr nach der zweiten Beruhigungsspritze an diesem Tag und der Gabe von Morphium gestorben, sagt die Schwester.

Die Wolfsburgerin leitet selbst eine Station in einem Altenheim. Aus ihrer Sicht gab es keinen Grund, ihre Schwester in ihren letzten Lebenstagen so leiden zu lassen. Die Schwester hat Äußerungen der Ärztin so verstanden, dass es aus deren Sicht mehr oder weniger egal war, ob die Patientin eine Ammoniakvergiftung hatte, da sie sowieso sterben würde. Die 31-Jährige glaubt, dass die Ärztin weder die Bitte um das Xifaxan bei der Aufnahme richtig angenommen noch die Konsequenzen aus dem Vorenthalten des Medikaments überblickt habe.

Nach Darstellung des Klinikums war es medizinisch korrekt, das Medikament nicht zu geben. „Wir sind überzeugt davon, dass Rifaximin weder die Beschwerden der Patientin gelindert noch das Überleben verlängert hätte“, erklärte Pressesprecher Thomas Helmke auf Anfrage unserer Zeitung. In der Sterbephase gehe es darum, Therapiemaßnahmen oder eine künstliche Ernährung zu beenden und Medikamente abzusetzen. „Es kommen dann nur noch Medikamente zum Einsatz, die direkt der Linderung von Beschwerden dienen.“

Fehler räumt das Klinikum in der Kommunikation ein. „Es wurde nicht klar formuliert, dass Rifaximin in dieser Krankheitsphase keinerlei Nutzen für die Patientin hat. Auch unter der Nachfrage – die Schwester hatte zwischenzeitlich bereits mit dem Einschalten der Presse ,gedroht’ – wurde einem definitiven ,Nein’ zur Medikamentengabe aus dem Weg gegangen“, heißt es in der Stellungnahme. Und weiter: Palliativmedizin sei keine Aufgabe wie jede andere. „Patienten und Angehörige befinden sich in einer Extremsituation. Die Kommunikation mit den Angehörigen ist daher aus unserer Sicht das entscheidende Instrument, um diese in schwierigen Situationen mit einzubinden. Dies ist uns in diesem Fall leider misslungen.“ Man bedauere den Verlauf und entschuldige sich aufrichtig bei den Angehörigen für die im Rahmen der unzureichenden Kommunikation aufgetretenen Missverständnisse.

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