Hollywood verfilmt Dieselgate – ein Wolfsburger führt Regie

Wolfsburg  Edward Berger wird das Dieselgate-Buch von Jack Ewing. verfilmen. Im Interview mit unserer Zeitung erklärt er, was das Publikum erwarten darf.

Im Mai 2011 eröffnete VW sein neues Werk in Chattanooga. Bei der Eröffnungsshow präsentierten der damalige VW-Chef Martin Winterkorn (links) und Werkleiter Frank Fischer (rechts) den jungen Schauspieler Max Page aus VW-Werbespot„The Force“. Das Time Magazine schrieb über den Spot: „Die Anzeige, die die Super-Bowl-Werbung für immer geändert hat.“ VW war in den USA auf dem Gipfel der Popularität.

Im Mai 2011 eröffnete VW sein neues Werk in Chattanooga. Bei der Eröffnungsshow präsentierten der damalige VW-Chef Martin Winterkorn (links) und Werkleiter Frank Fischer (rechts) den jungen Schauspieler Max Page aus VW-Werbespot„The Force“. Das Time Magazine schrieb über den Spot: „Die Anzeige, die die Super-Bowl-Werbung für immer geändert hat.“ VW war in den USA auf dem Gipfel der Popularität.

Foto: Markus Schlesag (Archiv)

. Der gebürtige Wolfsburger Edward Berger (49) verfilmt im Auftrag von Leonardo DiCaprio das Buch des New York Times-Journalisten Jack Ewing über Dieselgate. Im Interview mit unserem Redakteur Hendrik Rasehorn gab der Regisseur Einblicke in die Planungen.

Herr Berger, verraten Sie, wann die Entscheidung gefallen ist, dass Sie das Buch von Jack Ewing zum VW-Abgasskandal verfilmen?

Die Produktionsfirma „Appian Way“ von Leonardo DiCaprio war zunächst auf mich zugekommen. Sie mochten meinen Film „Jack“ und meine Miniserie „Patrick Melrose“ sehr. Es gab auch Treffen mit Charles Randolph, der aus dem Buch von Ewing das Drehbuch entwickelt. „Appian Way“ produziert den Film für das Major-Studio Paramount Pictures. Im Herbst war dort die entscheidende Sitzung. Ich stellte den Entscheidern mein Booklet mit Bildern vor, wie ich mir die Verfilmung vorstelle.

Das klingt wie ein Casting?

Im Grunde genommen war es das. Wahrscheinlich waren weitere Regisseure für dieses Filmprojekt im Rennen. Und wie bei jedem anderen Beruf, in dem man einen Auftrag bekommen will, muss man seine Ideen vorstellen und verkaufen. Schließlich sagte man zu mir: „Ed“, so nennen sie mich, „Ed, we would like to make this movie with you!“

Haben Sie bei diesem wichtigen Treffen Ihre Trumpfkarte ausgespielt, dass Sie gebürtiger Wolfsburger sind und Ihnen das örtliche Soziotop bekannt ist, wahrscheinlich besser als anderen Regisseuren, die ein Gefühl für Stadt und Werk erst erarbeiten müssen?

Ich habe natürlich meine persönliche Vergangenheit erwähnt, dass ich in Wolfsburg geboren und aufgewachsen bin, dass mein Vater viele Jahrzehnte bei Volkswagen gearbeitet hat und ich so einen Bezug zur Geschichte des Films habe. Mein Familienhintergrund war aber kein so großes Thema. Und ehrlicherweise muss ich auch sagen, dass ich seit fast 30 Jahren nicht mehr in Wolfsburg lebe.

Was für einen Film wollen Sie drehen: Eher eine Dokumentation, einen Film in der Tradition des künstlerisch-anspruchsvollen europäischen Kinos, oder einen amerikanischen Blockbuster?

Es wird ganz klar ein Hollywood-Film. Paramount macht große, kommerzielle Filme. Dieselgate filmisch umzusetzen ist ein schwieriges Thema, keines, nach dem der Markt schreit. Paramount finanziert diesen Film, weil sie glauben, dass er toll wird und sie damit Geld verdienen werden. Wir drehen einen unterhaltsamen Film mit Amerikanern als Helden für ein internationales Publikum. Natürlich müssen die Fakten stimmen – nichts wird erfunden. Ein journalistisch-aufklärerisches Interesse verfolgt der Film eher nebenbei.

Drehen Sie diesen Film, weil Sie das Thema interessiert, oder weil es Ihre große – vielleicht einmalige – Chance ist, in Hollywood zu reüssieren?

Bei jedem Projekt überlege ich mir, ob es zu mir passt oder nicht. Ich bin da sehr geduldig, denn ich bin überzeugt, ich kann keinen guten Film drehen, wenn ich mich dafür verbiegen müsste. Sonst bleibt eine Chance doch nur eine Chance und der Film wird nicht am Ende nicht realisiert, oder er wird gedreht und man steht als Regisseur hinterher schlechter da als vorher. Mich interessiert an diesem Projekt die klassische Geschichte David gegen Goliath. Da sind auf der einen Seite die Underdogs, die vollkommen unterfinanzierten Forscher an der Universität West Virginia, auf der anderen der einer der größten Automobilkonzerne und bekanntesten Marken der Welt.

Wie wollen Sie die Geschichte filmisch umsetzen?

Es gibt zwei Zeitlinien. Die eine zeigt die wenige Jahre umfassende amerikanische Geschichte der US-Wissenschaftler, wie sie VW auf die Spur gekommen sind. Parallel dazu wird die Geschichte der Familien Porsche und Piëchs geschnitten, in zeitlich geraffter Form von der Gründung des Werks in der Nazizeit bis zur Aufdeckung des Abgasskandals. Es zeigt, wie die Eigentümerfamilien, ihr Streit untereinander, die besondere deutsche Unternehmenskultur und der Druck auf die Forscher und Entwickler bei VW, Ergebnisse zu liefern, überhaupt erst den Weg für Dieselgate bereitet haben. Diese beiden Stränge der Geschichte rasen im Film aufeinander zu wie zwei Züge.

Wie kann man sich die visuelle Umsetzung vorstellen?

Es wird collagenhaft, lebendig. Ähnlich wie es Charles Randolph in seinem Drehbuch zu „The big short“ sehr gut umgesetzt hat. Sein außerordentlich innovativer Stil gefällt mir sehr.

Sie haben Ihren Vater erwähnt, der als Logistikmanager bei Volkswagen gearbeitet hat. Holen Sie sich bei ihm Rat für den Film?

Nein, ich rede erst über meine Projekte, wenn sie Hand und Fuß haben. Mein Vater war natürlich völlig entgeistert, als Dieselgate bekannt wurde, dass Menschen belogen und betrogen haben. Er hat sein Leben lang bei Volkswagen gearbeitet. Er sagte, so hat er sein Werk nie kennengelernt. Seine Generation steht für ehrliche, anständige Arbeit. Dahin muss VW wieder zurück.

Stehen Sie im Kontakt mit dem Autor Jack Ewing?

Er schickt mir und Charles Randolph ab und zu Presseberichte zu Volkswagen und hält uns so auf dem Laufenden. Kürzlich habe ich über das neue Elektroauto gelesen, dass Piechs Sohn Toni entwickelt hat. Darüber tauschen wir uns aus, er ist sehr gut informiert. Er und Randolph waren schon mehrmals in Wolfsburg. Ich lese viel, was mit dem Abgasskandal zu tun hat. Wenn wir mit der Drehbuchfassung vorangeschritten sind und es um die Fakten geht, oder neue Ideen, um die Story weiterzuentwickeln, wird der Austausch zwischen Ewing, Randolph und mir stärker werden.

Inwieweit ist Dieselgate in den USA überhaupt ein Thema, dass die Öffentlichkeit bewegt?

Amerika ist immer noch geschockt, rund 600.000 VW-Autos waren von der Abgasmanipulation betroffen, Verbraucher wurden vorsätzlich getäuscht. Bei jedem, der immer noch einen VW fährt, sitzt die Enttäuschung sehr tief. Mein Eindruck ist, dass die Amerikaner diese Art von Unternehmenskultur, die zu Dieselgate geführt hat, nicht kennen, das liegt ihnen nicht in den Genen. Die amerikanische Kultur legt hohen Wert auf Ehrlichkeit – lügen und betrügen gilt als schlimmes Vergehen.

Das erklärt, warum die US-Justiz sich nicht mit Strafzahlungen zufrieden gab, sondern zusätzlich mit Larry Thompson einen Monitor eingesetzt hat, der sicherstellen soll, dass sich kriminelles Geschäftsgebaren bei Volkswagen nicht wiederholt.

Das stimmt. Ich habe Thompson selbst noch nicht getroffen. Das wird mit Sicherheit passieren, wahrscheinlich dann auch häufiger.

Gab es Treffen mit VW?

Ich habe auch den Volkswagen-Chef Herbert Diess noch nicht kennengelernt, aber ich meine, dass Charles Randolph ihn schon getroffen hat. VW zeigt sich jedenfalls sehr offen und kooperiert beim Filmprojekt. Ich habe den Eindruck, man hat erkannt, dass in der Vergangenheit schwere Fehler gemacht wurden, die nur korrigiert werden können, wenn man nach vorne arbeitet.

Kann es nicht sein, dass VW deshalb etwas an der Zusammenarbeit liegt, weil man weiß, der Film wird so oder so gedreht, deshalb ist es besser zu kooperieren, um vielleicht so etwas Einfluss aufs Endprodukt zu bekommen.

Wahrscheinlich spielt das auch eine Rolle, das kann ich aber nicht beurteilen.

Könnten Sie es sich vorstellen, an Originalschauplätzen zu drehen? Oder ist das für die Handlung nicht notwendig?

Sehr sogar! Es wäre großartig, wenn wir das könnten und Volkswagen uns dabei unterstützen würde. Wir werden die Zusammenarbeit suchen.

Wird es im Film eine rein amerikanische Besetzung geben, oder könnten auch deutsche Schauspieler Rollen bekommen?

Soweit sind wir längst noch nicht mit den Vorbereitungen, darüber habe ich mir auch noch keine Gedanken gemacht. Wir müssen aufpassen, dass amerikanische und deutsche Akzente nicht gemischt werden, das wirkt immer zusammengewürfelt. Letztendlich müssen die Schauspieler auch aus Sicht von Paramount interessant sein.

Zum Beispiel Leonardo DiCaprio?

Seine Produktionsfirma darf man sich gar nicht so riesig vorstellen. Dort arbeitet vielleicht ein halbes Dutzend Leute, die nach Filmstoffen suchen, die DiCaprio interessieren, also Themen wie Umwelt oder Good Governance, und in denen er mitspielen könnte. Man darf man jedoch nichts vormachen, DiCaprio ist aktuell der am schwersten zu bekommende Schauspieler der Welt. Er kann es sich leisten, jedes Jahr nur einen Film zu drehen und dann meist mit einem Regisseur wie Martin Scorsese. Immerhin produziert er den Film.

Wann kommt der Dieselgate-Film in die Kinos?

Das ist ganz schwer abzuschätzen, wir stehen ja noch ganz am Anfang. Ich werde mich im Mai in New York mit Charles Randolph zusammensetzen. Das Drehbuch wird sicherlich noch mehrmals überarbeitet werden. Der Film muss eben für den internationalen Markt funktionieren. Bis zum Drehbeginn könnte es noch mindestens zwei Jahre dauern.

Hat das den Grund, dass Sie noch wissen wollen, wie die Justiz über Verantwortliche des Abgasskandals richten wird?

Nein, die Filmhandlung geht mit der Aufdeckung des Skandals und den ersten Verhaftungen zu Ende. Ich kann mir vorstellen, dass es im Abspann des Films noch eine Tafel zum Ausgang der Prozesse geben wird. Aber so etwas entscheiden wir erst im Schnitt.

Eine letzte Frage: Stand für Sie in jungen Jahren zur Diskussion, einen Berufskarriere bei Volkswagen einzuschlagen?

Eher nicht. Ich wollte immer etwas anderes als mein Vater machen und meinen eigenen Weg finden. Mich zog es auch früh weg aus der Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Ich hatte das Glück, das meine Eltern mir das ermöglicht und mich bei all meinen Zielen unterstützt haben. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar!

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