Schluss mit Diesel-Frust – jetzt geht VW in die Offensive

Wolfsburg.  In Stuttgart demonstrieren „Gelbwesten“ gegen Diesel-Fahrverbote. Zeitgleich attackiert VW auf seiner Homepage die Abgas-Grenzwerte.

Demonstranten demonstrieren auf der B14 Neckartor gegen Deutschlands erstes flächendeckendes Diesel-Fahrverbot in Stuttgart.

Demonstranten demonstrieren auf der B14 Neckartor gegen Deutschlands erstes flächendeckendes Diesel-Fahrverbot in Stuttgart.

Foto: Oliver Willikonsky/picture alliance/dpa

Bislang hat Volkswagen einiges dazu beigetragen, die Akzeptanz der Diesel-Technologie nachhaltig in Frage zu stellen. Nach dem desaströsen Abgasbetrug in den USA und der inzwischen drei Jahre andauernden Diskussion um die Folgen inklusive drohender Fahrverbote fährt der Konzern jetzt auf breiter Front eine Kampagne für die Ehrenrettung des Selbstzünders. In diesem Zusammenhang werden die Messmethoden zur Ermittlung der Abgasbelastungen und die angeblichen gesundheitlichen Folgen zudem grundsätzlich in Frage gestellt.

Offenbar reagiert das Unternehmen auch gezielt auf die jüngsten Forderungen nach einem Tempolimit auf deutschen Autobahnen oder höheren Spritpreisen. Volkswagen-Vorstandsvorsitzender Herbert Diess hatte zusammen mit Betriebsratschef Bernd Osterloh zuletzt immer wieder einen „Feldzug“ gegen das Auto kritisiert und eine sachlichere Diskussion um den Diesel angemahnt.

Jetzt werden die Wolfsburger in einem langen Beitrag auf ihrer Medien-Homepage (www.volkswagen-newsroom) offensiv und zweifeln mit Bezug auf Wissenschaftler die Erkenntnisse über gesundheitliche Folgen von Feinstaub- und Stickoxidwerten (NO-x) an. Die öffentliche Diskussion darüber ist voll entbrannt. Der Absatz von Dieselfahrzeugen ist insbesondere in Deutschland deutlich rückläufig. Andererseits ist kein signifikanter Anstieg der Verkäufe von Elektroautos zu verzeichnen. Damit steht auch Volkswagen vor einem Dilemma. Ende nächsten Jahres greifen die strengere Anforderungen für den Ausstoß von Abgasen, die für die gesamte Flotte eines Autobauers ermittelt werden. Bis dahin wollen die Wolfsburger annähernd 100.000 in Zwickau zu fertigende reine Elektroautos der ID.-Familie auf die Straßen bringen. Ob die tatsächlich alle verkauft werden und ob damit die Abgas-Rechnung am Ende aufgeht, ist nicht ausgemacht. Wie alle anderen Hersteller kurbeln die Volkswagen-Marken zeitgleich nämlich den Absatz von SUV-Modellen an. Im Mix braucht gerade Volkswagen weiterhin einen hohen Anteil von Dieselfahrzeugen, um speziell die Kohlendioxid-Werte einhalten zu können.

„Inzwischen sind viele Dieselautos (und deren Fahrer) zur Lieblingszielscheibe der Nation geworden. Die aufgeheizte Debatte um Dieselfahrverbote hat große Teile der Bevölkerung massiv verunsichert“, heißt es in dem Volkswagen-Beitrag „Der Mythos vom Neckartor“. Die Straße Neckartor in Stuttgart ist zu einem Synonym im Kampf für oder gegen Fahrverbote geworden.

Am Wochenende fand dort die zweite Demo von Fahrverbotsgegnern statt. Die Stuttgarter Zeitung berichtet von rund 700 Teilnehmern. Organisiert hat sie das IG Metall-Mitglied Joannis Sakkaros, der bei Porsche arbeitet. Nicht wenige Medien konstatieren, dass der sogenannte Protest der Gelbwesten in Frankreich nun auch wegen der Dieselfahrverbote auch Deutschland erreiche. Sakkaros hatte indes ein anderes Problem: Die Alternative für Deutschland (AfD) nutzte die Demo, um sich als Retter des deutschen Diesels zu profilieren. Die AfD demonstrierte übrigens auch schon vor dem Tor des VW-Stammwerkes für den Diesel.

Die Stimmung ist also aufgeheizt. Volkswagen zitiert auf seiner Homepage einige Wissenschaftler als Kronzeugen für eine differenziertere Diskussion um die Folgen der verkehrsbedingten Luftverschmutzung an. Stellvertretend sei Professor Martin Hetzel, Ärztlicher Direktor des „Krankenhaus vom Roten Kreuz“ in Stuttgart, einer Lungenklinik, von VW mit Aussagen zitiert, die er in der ARD machte: „Der Feinstaubalarm ist eine einzige Volksverdummung. Denn Alarm ist ein Zeichen von großer und akuter Not. Der ist durch die Feinstaubbelastung in Stuttgart nicht gegeben. Es gibt keine Feinstauberkrankungen der Lunge oder des Herzens.“

Doch selbst unter anerkannten Lungenfachärzten (Pneumologen) gibt es stark divergierende Ansichten zu dem Thema. So schreibt die „ÄrzteZeitung“ eines Fachkongresses in Stuttgart: „Interessanterweise sehen selbst Lungenspezialisten dieses Thema verschieden. Das kann man etwa aus der Haltung der beiden Tagungspräsidenten ablesen – beides in Stuttgart tätige Pneumologen: So unterstützt Professor Martin Kohlhäufl, bis vor kurzem Chefarzt an der Klinik Schillerhöhe, die Feinstaub-Kampagne der Stadt, wofür sich der grüne Oberbürgermeister Fritz Kuhn in einem Grußwort ausdrücklich bedankt. Professor Martin Hetzel, Chefarzt am Krankenhaus vom Roten Kreuz, hält hingegen den „Antifeinstaub-Alarmismus“ für unangemessen. Denn eine akute Gesundheitsgefährdung liege während dieser Tage gar nicht vor.“ Ausdrücklich wird in dem VW-Beitrag die Deutsche Umwelthilfe (DUH) kritisiert, die Fahrverbote per Gerichtsurteil durchsetzt und der Diskussion dadurch eine bundespolitische Dimension gegeben hat.

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