Endzeitstimmung im Kleingartenverein

Wolfsburg.  Eine fast schon gespenstische Stille herrscht in den Waldfrieden-Kleingärten. Bald ist auch für die letzten Gärtner Schluss. Die Anlage wird Bauland.

Gärten verwildern, Lauben stehen leer: 2019 schluckt das Baugebiet Hellwinkel-Terrassen das Gelände des Kleingartenvereins Waldfrieden.

Gärten verwildern, Lauben stehen leer: 2019 schluckt das Baugebiet Hellwinkel-Terrassen das Gelände des Kleingartenvereins Waldfrieden.

Foto: stephanie Giesecke

Eigentlich sollte es eine bunte Reportage werden, unter dem Motto „Letzter Sommer in der Laube“. Mit Kleingärtnern, die noch eine Gartensaison genießen, bevor der Kleingartenverein Waldfrieden seine Anlage an der Reislinger Straße am 31. Oktober an die Stadt Wolfsburg abgibt.

Ein Artikel über Kleingärtner, die in diesem Supersommer täglich ihre Blumen gießen, die ihr letztes Gemüse ernten, vielleicht noch einmal gemeinsam grillen oder feiern, bevor die Stadt Bagger zur weiteren Erschließung des Baugebiets Hellwinkel-Terrassen schickt. Und dann öffnet man an einem schwülen Augusttag die Pforte zum Lindenweg – und steht zwischen Gärten, in denen Unmengen von Zwetschgen ungeerntet an den Bäumen hängen, unter denen brusthoch aufgeschossenes Gras verdorrt. Vor Gartenwegen, auf denen ausrangierte Elektrogeräte auf ihre Abholung warten, und vor ehemaligen Gemüsebeeten, in denen ausgeblichene Erde vor sich hinstaubt.

Wippe, Schaukel und Sandkasten auf dem Kinderspielplatz linker Hand sind ebenso verlassen wie die Gartenstühle, die in einem Garten unter einem Baum stehen. Von den Giebeln und Türen vieler Lauben blättert die Farbe. Statuen werden unbewundert von Pflanzen erdrosselt, Grills und Gartenbänke sind dem Verfall anheimgegeben. Dazwischen liegen, fast schon surreal, einzelne Gärten, die noch tipptopp in Schuss gehalten sind. Am Südrand der Anlage etwa sind Buchsbäume perfekt in Form geschnitten, eine Windmühle aus Holz sieht aus wie frisch geputzt. Vielleicht sitzt jemand auf der nicht einsehbaren Terrasse? Offenbar nicht. Auf ein in den Garten gerufenes „Hallo?“ antwortet niemand. Die Stille ist enervierend. Mitten in der Innenstadt ist man völlig allein.

Ein paar Meter weiter aber zweigt ein Weg ab, und auf den tritt ein Paar mit Fahrrädern. Bora Stojadinovic und seine Lebensgefährtin kommen aus ihrem Garten, den sie bis zum Saisonende genießen wollen. „Das Gemüse und Obst müssen wir noch bis Oktober ernten“, sagt Stojadinovic. „Aber das Gefühl ist sehr schrecklich“, sagt sie. Nur ein paar Leute kämen noch in die Kleingartenanlage. Dabei hätten sie alle aus Stojadinovics Sicht noch Jahre ihre Parzellen genießen können. „Ich verstehe nicht, dass sie hier jetzt schon bauen“, sagt er. Er sehe doch, dass im schon erschlossenen Teil des Baugebiets Hellwinkel-Terrassen fast nichts passiere. „Die sollten erstmal das fertig machen, womit sie angefangen haben“, findet er.

Während des Gesprächs kommt ein weiterer Kleingärtner herbeigeradelt. „Bis zum letzten Tag“ werde er seinen Garten nutzen, sagt der 58-Jährige. „Ich habe die Laube selber gebaut, alles selber gepflegt, über 20 Jahre.“ Die Parzelle abzugeben, auf der er sich so gerne mit seiner Frau und dem Hund aufhält, fällt ihm schwer. Aber der Wolfsburger hat sich entschlossen, nach der Übergabe des Geländes einen Neustart zu wagen. Er hat schon einen neuen Garten, in der Anlage Ernteglück.

Darauf hat der Waldfrieden-Vorsitzende Wilfried Flint mit 74 Jahren keine Lust mehr. Er berichtet am Telefon, dass noch 70 der 118 Gärten verpachtet seien. Auch er selbst hat seinen Garten noch. „Ich nutze ihn aber nicht mehr so intensiv wie früher“, sagt er. „Man hat den Spaß daran verloren.“ Einbrecher hätten den Kleingärtnern die letzte Saison vermiest: Lauben seien aufgebrochen, Werkzeuge aus Schuppen gestohlen worden. Der Nachbarverein Steimker Berg, sagt Flint, habe vor einigen Jahren in seiner letzten Saison dasselbe Problem gehabt.

Bora Stojadinovics Kritik, dass das Waldfrieden-Kleingartengelände unnötig früh zu Bauland gemacht werde, teilt Wilfried Flint nicht. „Wir haben drei Jahre herausgeholt“, betont er. Die Gärtner seien von der Stadt Wolfsburg sehr großzügig entschädigt worden, andere Kleingärtner, ist der Vereinsvorsitzende sicher, hätten nicht so viel gezahlt. Ein bisschen plötzlich kommt das Ende seines Vereins aber auch für Flint. 2011 oder 2012 hätten die Verhandlungen mit der Stadtverwaltung begonnen, erinnert er sich, 2013 hätten sich Gärtner und Kommune geeinigt: „Da hat man zuerst immer gedacht, es ist noch lange hin“, erinnert sich Flint. „Aber die Zeit verrinnt, und dann steht man vor dem Ende.“

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder