Detmeroderin kämpft gegen Liebesbetrüger im Internet

Wolfsburg  Die Wolfsburgerin Uschi Tschorn verlor 2000 Euro und ihr Vertrauen an einen Internet-Betrüger. Damit ist sie noch glimpflich davongekommen.

Im August 2017 richtete Uschi Tschorn die Facebook-Seite „SOS Selbsthilfe Liebesbetrug“ ein. Inzwischen erhält sie fast täglich Anrufe verzweifelter Opfer von sogenannten Scammern.

Im August 2017 richtete Uschi Tschorn die Facebook-Seite „SOS Selbsthilfe Liebesbetrug“ ein. Inzwischen erhält sie fast täglich Anrufe verzweifelter Opfer von sogenannten Scammern.

Das Böse lauerte nicht im Dunkeln und es hatte keine hässliche Fratze, sondern ein attraktives Gesicht und eine harmlose Frage zu Uschi Tschorns Hobby, der Tiffany-Technik. Die Facebook-Nachricht von einem netten Deutschamerikaner ging im November 2015 bei der Detmeroderin ein. Drei Monate später stand die Polizei vor Tschorns Tür, sie selbst unter Geldwäsche-Verdacht, und um 2000 Euro ärmer war sie auch.

Die heute 62-Jährige war Opfer eines Internetbetrügers geworden. Der angeblich erfolgreiche Geschäftsmann hatte sich über Facebook und in Telefonaten ihr Vertrauen erschlichen. Er brachte Tschorn dazu, ihm nach einem angeblichen Überfall Geld für seine angebliche Tochter zu schicken, ließ Smartphones an ihre Adresse senden und nutzte ihr Konto, um dort Geld zu parken. Wie sich später herausstellte, gehörte es Frauen, die ebenso betrogen worden waren wie sie selbst. Und den Deutsch-Amerikaner gab es gar nicht. Sein Gesicht gehörte einem anderen, dessen Foto gestohlen worden war. Geschrieben und telefoniert hatte Tschorn mit Kriminellen – in Ghana, wie sie herausfand. Love-Scamming nennt sich das. Uschi Tschorn ist eine Expertin dafür geworden.

Im August 2017 hat sie die Facebook-Seite „SOS Selbsthilfe Liebesbetrug“ eingerichtet. Im Oktober strahlte der SWR die Dokumentation „Betrogene Liebe“ aus, in der die Seite auftauchte. Seitdem klingelt in Detmerode fast jede Nacht das Telefon. „Meine Hauptarbeitszeit ist ab 21 Uhr, und das geht oft bis 6 Uhr früh“, sagt Tschorn. Die Anruferinnen: Verzweifelte Frauen, die wissen wollen, ob sie einem Betrüger auf den Leim gegangen sind oder ob der Mann, dem sie ihr ganzes Geld geschickt, für den sie Häuser verkauft, Kredite aufgenommen, ihre Familien verlassen haben, nicht doch noch eines Tages an ihrer Tür klingeln könnte.

Uschi Tschorn berichtet von Dramen. Von Betroffenen, die nicht mehr arbeiten können und Therapien benötigen. Von einer Frau, die sich das Leben nahm, während sie telefonierten. Von einer Ärztin, die ihren Rat suchte, um Patienten besser zu verstehen. Sie berichtet auch von den Tätern, die ihrer Einschätzung nach zu 99 Prozent in Afrika sitzen. Und sie schildert, was sie auf einer Reise nach Ghana erlebte, die sie mit einem SWR-Team unternommen hat. Die Scammer, die sie dort getroffen hat, seien „arme Schweine“, stellt sie fest. „Aber wer gibt ihnen das Recht, so mit uns zu verfahren?“

Die Täter sitzen weit weg, die Opfer sind mitunter ganz nah. Uschi Tschorn betreut auch Frauen aus Wolfsburg und den benachbarten Landkreisen. Sie begleitet sie zur Bank, füllt, wenn die Schulden sie erdrücken, den Kühlschrank oder einen leeren Tank. Wobei Scamming nicht nur Frauen betrifft, wie Tschorn betont. Männliche Opfer allerdings meldeten sich normalerweise nicht: Sie haben laut der Detmeroderin nicht nur die Scham zu überwinden, einer Betrügerin aufgesessen zu sein. Sie würden meistens auch mit anzüglichen Bildern erpresst, Sex-Filmchen, die sie von sich gemacht haben.

Tschorns Arbeit ist nicht unbemerkt geblieben. Sie berichtet von Drohungen. Ostern sei ihr Internet-Zugang gehackt worden, und am Montag sei sie benachrichtigt worden, dass jemand 100 Euro mit ihren Kreditkarten-Daten abgehoben habe. Doch aufzugeben kommt für die Detmeroderin nicht in Betracht. „Ich bin kein Opfer“, sagt sie. „Das ist meine Art, mich zu wehren.“

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