Der letzte fehlende Beweis

Wolfsburg  Der bildgewaltige und emotionale VfL-Fanfilm 20 zeigt die Seele des Vereins. Das Premierenpublikum jubelt.

Zwei Stunden können einem sehr lang oder auch sehr kurz vorkommen. „20 – DER Stress lohnt sich“ dauert zwei Stunden. Am Sonntagabend feierte die filmische Fandoku von VfL-Anhängern für VfL-Anhänger Premiere im Theater Wolfsburg. 20 Jahre Bundesliga-Zugehörigkeit der „Wölfe“ in bewegten Bildern als Fanszeneporträt – das kommt einem wie folgt vor…

Waren Sie schon einmal bei einem Poetry Slam, zu deutsch Poesie-Wettstreit? 20-Regisseur Chris Krüger gibt dem Zuschauer erst einmal etwas auf die Ohren. Schrecklich Schönes, zu Bildern, die sie auf keiner Ansichtskarte aus Wolfsburg finden. Wasser auf die Mühlen derer, die ihre Meinung von der Volkswagenstadt zuletzt in den 1990er-Jahren aktualisierten und den Worten der Off-Sprecherin nicht aufmerksam folgen. Schrecklich schön klingen diese. Oder halt schön schrecklich im Gehörgang der unverbesserlichen Wolfsburg-Ablehner.

Doch auch denen bauen die Väter des Films, neben Krüger sind es Lars M. Vollmering und David Bebnowski, eine Brücke, die bildgewaltige Doku mit Genuss zu schauen. Unabhängig davon, welchen Fußballverein sie im Herzen tragen. Auch auf die Gefahr hin, den roten Faden des Stücks zu verlieren, persiflieren sich die Protagonisten des Films in einer fiktiven TV-Talkshow selbst und bedienen jedes jemals über Wolfsburg und den VfL abgelassene Vorurteil. Rumms! Entwaffnend, Lästerer sind mit einem Schlag all ihrer Giftpfeile beraubt.

So schaut es sich gleich leichter, was Heike Waschull, Pascal Dornuf, Daniel Schmidt, Fynn Langehr und Chris Heise zu sagen haben. Am Beispiel der fünf VfL-Fans, aber auch weiterer Supporters, Ultras und Kuttenträger, erzählt der Film eine Geschichte von Arbeit, Fußball, Leidenschaft. Ein in der Fanszene geborener Slogan, den die VfL Fußball-GmbH nach dem Absturz in der vergangenen Saison nun für sich entdeckt hat und als ihr neues Leitbild propagiert.

Zurück zu den Wurzeln sozusagen, denen die eigenen Anhänger oft näher als die Klubverantwortlichen waren in den vergangenen Jahren. 20 kommt ohne klassischen Erzähler aus dem Off aus. Stattdessen fügte Regisseur Krüger die Interviews oft nahtlos aneinander. Dialoge zwischen aktuellen und ehemaligen VfL-Profis und Fans sprechen für sich. Bildgewaltig kommt der Film daher, dramatisch inszeniert, laut und doch auch leise und einfühlsam.

An manchen Stellen zerreißt es einem das Herz. Besonders, als Maria Nowak einen ihrer Briefe an ihren verstorbenen Vater Krzysztof Nowak vorliest, von 1998 bis 2002 Spielmacher der „Wölfe“. Der Pole musste seine Karriere beenden, weil er an der unheilbaren Krankheit ALS litt. Seitdem ist er die Nummer 10 der VfL-Herzen. 2005 starb er im Alter von 29 Jahren, Maria Nowak war seinerzeit erst vier Jahre alt. Betroffen schweigt das Premierenpublikum, Tränen fließen ungeniert. Die Weißblende zwischen den Sequenzen steht deutlich länger als gewöhnlich. Eine Ehrerbietung.

Doch das Auf und Ab der Gefühle muss weitergehen, ist unbeschreiblich. Unbekannte Anekdoten wechseln mit unvergesslichen Momenten, die jeder kennt. Klar, Aufstieg 1997, Meisterschaft 2009, Pokalsieg 2015. Stadionatmosphäre im Schauspielhaus, spontaner Jubel, tosender Applaus übertönen die Filmklänge. Man möchte die Wiedergabe stoppen, zurückspulen, um keine Silbe zu verpassen. Die „Wölfe“ haben etwas zu erzählen von Lust und Frust, von Liebe und Hass.

VfL-Trainer Andries Jonker, mit seiner Mannschaft Premierengast, schwärmt mitten in der Vorstellung seiner Sitznachbarin vor: „Das ist unglaublich! Es ist gut, dass die Jungs das mal sehen.“

Krüger und Co. brennen mit einem Budget von etwa 120 000 Euro, davon 53 000 Euro finanziert über Crowdfunding, immer wieder auch ein Bewegtbild-Feuerwerk in Grün und Weiß ab. Klar, der Film hat in den Augen eines Nicht-VfL-Fans Längen. „Fürs Fernsehen müssten wir eine halbe Stunde rausschneiden. Das wissen wir“, sagt Mitinitiator Bebnowski nach der Premiere.

Doch worauf kann ein VfL-Fan verzichten? Auf die Szene, in der Meisterheld Ashkan Dejagah mit zwei VfL-Anhängern in einer Fankneipe fast mythisch das Geheimnis seines Spitznamens Hooligan lüftet? Auf die Interviews mit Ikonen wie Marcel Schäfer, Diego Benaglio, Martin Petrov oder Roy Präger? Auf kurze Gastauftritte von Sprint-Ass Sven Knipphals, Nationalspielerin Martina Müller oder der VfL-Traditionsmannschaft? Auf den Rückblick auf die nervenzerfetzende Relegation gegen Eintracht Braunschweig?

Einen Film von VfL-Fans für VfL-Fans hatten die 20-Macher angekündigt. Die Standing Ovations am Ende der Uraufführung lassen nur einen Schluss zu: Die 921 VfL-Fans im ausverkauften Theater sind hellauf begeistert. Sie feiern keinen PR-Streifen, der die Erfolge des Klubs rühmt. Auch nicht noch einmal den jüngsten Sieg über den Erzfeind aus der Nachbarstadt. Sie feiern sich, das Herz und vor allem die Seele des VfL. Und ob 20 außerhalb der Stadtgrenzen ein Erfolg wird oder nicht – wen schert es?

Nach 20 Jahren Bundesliga haben die „Wölfe“ endlich das Selbstbewusstsein entwickelt, die zu sein, die sie nicht sein sollten oder durften in den Augen vieler Fußballanhänger anderer Klubs: Fans mit eigener Identifikation und einer Fankultur. VfL-Fans haben gejubelt, gelitten, gefiebert, geweint, gekämpft – und gewonnen! Der Film dokumentiert es unbestreitbar. In 120 Minuten. Kommt Ihnen das zu lang vor?

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