Movimentos Akademie: Sprünge in die Freiheit

Wolfsburg  Die Tanzklasse und die Gruppe Tanzwärts der Movimentos-Akademie proben im Theater.

Proben für Movimentos.

Foto: regios24/Anja Weber

Proben für Movimentos. Foto: regios24/Anja Weber

Verdis Gefangenenchor, Schillers Epos Wilhelm Tell – große Musik, große Dichtung gibt es über die Freiheit. Die Autostadt entfacht unter dem Movimentos-Motto Freiheit ein wahres Festival der künstlerischen Auseinandersetzung.

Die jungen Leute der Movimentos-Akademie sind so frei, davon unbeeindruckt eigene, beeindruckende Beiträge zu zeigen. Die beiden Hauptproben zeigten im Scharoun-Theater Aufführungsreife. Der NDR filmte. Es ist zugleich ein Jubiläum. Zehn Jahre Movimentos-Akademie sind auch zehn Jahre tänzerische Umsetzung eines philosophischen Themas. Minutenlang dauert das Intro der Tanzklasse. Nur Licht, nur Rauch. Erst dann bewegen sich auf abgedunkelter Bühne junge Tänzerinnen und Tänzer auf dem Boden. Im diffusen Licht der Kegel, im aufsteigenden Rauch.

Sie bewegen sich, als seien sie angekettet, müssten erst ihre Kräfte entdecken, entfalten und einsetzen, um ihre Fesseln zu sprengen. Metronomisch hämmert der Bass dazu, gespielt von Sven Bünger. Melodisch übernimmt die Gitarre. Dennis Graf lässt sie vibrieren, auch aufheulen und jauchzen. Manchmal überlagern sich beide Instrumente. Die Musiker stehen mit auf der Bühne, getaucht in blau-grünes Licht.

Die Musik unterstreicht, was die 8 bis 19 Jahre alten Mädchen und Jungen in modernem, poetischem Tanz ausdrücken. Die Unterdrückung der Menschen, die Gewalt, die Verdummung und Vernebelung, auch die Gleichgültigkeit, immer wieder geht es darum, sich davon zu befreien, sich zu lösen. Auch zurückzufallen.

Mit ekstatischem, dynamischem Rock’n’Roll spielen die beiden Musiker den Sturm (auf die Bastille, gleich, wo und wann sie errichtet ist). Die Tänzer wirbeln dazu aufrecht und selbstbewusst über die Bühne, dabei verbinden sie die Figuren durch pantomimische Einlagen.

Abrupt endet alles. Stille. Choreograf Daniel Martins lächelt zufrieden. Auch Sonja Böhme wirkt gelöst. Das Filmteam des Fernsehens macht Interviews. Die vom Tanzenden Theater Wolfsburg betreute Tanzklasse hat ihre Probe bestanden. In grau abgestuften Tönen, einem zurückhaltend beleuchteten Bühnenbild mit Schattenspiel, Pas de Deux und Gruppentänzen, begleitet von zwei Musikern.

Umbaupause. Gregor Zöllig versammelt elf junge Frauen auf der Bühne. Sie umarmen einander wie eine Fußball-Elf, nehmen letzte Anweisungen entgegen. Der Chefchoreograf des Staatstheaters Braunschweig ist ein exakt arbeitender Mann. Kaum hat die Probe begonnen, stoppt er sie. Der Beamer stört. Ausschalten. Alles von vorn.

Rauch auch in dieser Inszenierung über die Freiheit, auch Lichtkegel, die auf die Tänzerinnen fallen. Sie sind 16 bis 27 Jahre alt, damit etwas homogener in der Gruppe „Movimentos Tanzwärts“. Moderner Ausdruckstanz auch hier, aber weniger poetisch, viel härter, intensiver, aggressiver. Ihre langen Haare nutzen sie wie Masken. Auf der Stirn sind sie in Pastellfarben geschminkt.

Zöllig setzt auf Einzelleistung, so bewegt sich eine Tänzerin am Boden, als sei sie gefesselt. Er führt die Tänzerinnen zu Gruppen zusammen, um einzelne hervortreten zu lassen. Es ist ein wirkungsvolles Mittel, um auszudrücken, dass Einzelne ausgestoßen sein können, sich aber auch selbst isolieren. Sie beobachten die Gruppe, setzen sich von deren Fehlentwicklungen ab und machen so eine Erneuerung möglich. Freiheit muss immer wieder errungen werden, nicht nur politisch. Auch durch Vorurteile, Manipulation, Verführung und Verachtung ist sie bedroht.

Das untermalt auch in dieser Choreografie eine sich metronomisch gleichförmig wiederholende Musik, die mitunter an Kraft und Dynamik zunimmt.

Freiheit ist Kampf um Freiheit. So wie in der Schlussszene: ein Sprung aufs Trampolin in die Freiheit.

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