Eine Frau, die mehr war als Kafkas Geliebte

Wolfsburg  Alena Wagnerová hauchte der Milena Jesenská in ihrem Vortrag wieder Leben ein: Einer Frau mit wahrer Größe.

Alena Wagnerová sprach über das Leben von Milena Jesenskà.

Alena Wagnerová sprach über das Leben von Milena Jesenskà.

Foto: rs24/ Nehlsen

Eine Frau mit Leidenschaft, eine Frau mit einem starken Willen, und vor allem: Eine Frau mit Empathie. „Milena Jesenská gehört zu einem Frauentypus, der gerne als ,exaltiert‘ belächelt wird“, sagt Alena Wagnerová in der Stadtbibliothek. Sie wurde vom Verein Prag Live eingeladen, um über die tschechische Journalistin Milena Jesenská zu referieren, die zu oft auf ihre Rolle als Geliebte Franz Kafkas reduziert wird. „In ihrer Fähigkeit zur Empathie, ihrer Leidenschaft und Intelligenz prägten Frauen wie sie die mitteleuropäische Kultur wesentlich mit.“

Wagnerová schildert das Schicksal einer von inneren Widersprüchen gezeichneten Frau – ihr wildes Temperament stand einem zarten Herzen gegenüber, schildert die deutsch-tschechische Autorin Wagnerová, und sie muss eine unwiderstehliche Aura gehabt haben. Nicht nur Kafka war hingerissen von Milena. Sogar die Nazis müssen beeindruckt gewesen sein von der eigenständigen, mutigen Frau, das lasse sich aus Berichten aus dem KZ Ravensbrück schließen, sagt Wagnerová. Das KZ Ravensbrück: Dort endete die Lebensreise Milenas, eine bewegte Reise, die die 1896 geborene Tschechin in viele unterschiedliche Milieus führte. Die Wiener literarische Gesellschaft, die Prager Avantgarde und der Kommunismus zählten dazu – und stets strebte Milena einen Posten als politische Journalistin an. Sie schrieb, und das außerordentlich gut, für Zeitschriften und Zeitungen. Ihre Reportagen aus Krisengebieten, etwa über die Sudetendeutschen, finden noch heute Beachtung. „Es ist, als würde man eine Konservendose öffnen, und in eine längst vergangene Zeit eintauchen“, beschreibt Wagnerová den besonderen Stil Milena Jesenskás.

So in etwa fühlt es sich auch an, Wagnerovás Vortrag zu lauschen. So viele Ideale verkörpert Wagnerovás Schilderung von Milena Jesenská, man kann nicht anders, als mitgerissen zu sein. Mit ihren Worten haucht sie ihr wieder Leben ein, einer Frau voller Entschlossenheit und Lieblichkeit, mit einem schwebenden Gang, poetischer Anmut und einer „hellsichtigen Klugheit“, wie es ein Zeitgenosse formuliert.

Was bleibt uns also heute von dieser beeindruckenden Figur, deren Tod 73 Jahre zurück liegt? „Ihre Souveränität behielt sie auch als Gefangene“, sagt Wagnerová, „sie liebte die Menschen für die Menschen selbst, auch wenn es ihre politischen Feinde waren. Sie verlor nie ihren aufrechten Gang. Das ist einer der kostbarsten Werte der mitteleuropäischen Kultur, den es zu erhalten gilt.“

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder