Zuerst ein Maikäfer dann ein VW-Käfer

Wolfsburg  Rémy Markowitsch befasst sich im Kunstmuseumin einer Installation mit den Verbindungen zwischen Josef Ganz und Ferdinand Porsche.

Schwingachse, Einzelradaufhängung, Heckmotor, sparsam im Verbrauch, leichtes Rohrrahmen-Chassi. So sah der „Maikäfer“ aus, den Josef Ganz 1931 entwickelte und den die Standard-Fahrzeug-Fabrik Ludwigshafen 1933 als „Standard Superior“ auf den Markt brachte. Als „Volkswagen“.

Innovativ war die Verlegung des Motors ans Heck, bis dahin nur vom tschechischen Autobauer Tatra verwendet, die Pendelachse. Ganz war nah dran am späteren Käfer Ferdinand Porsches. Beide kannten sich. 1931 noch fuhr Sohn Ferry Porsche einen offenen „Maikäfer“. Ganz machte daraus ein Titelbild für die Zeitschrift „Motorkritik“. Ganz (1898 bis 1967) war Journalist und Ingenieur.

Der niederländische Journalist Paul Schilperoord erzählt „Die wahre Geschichte des VW-Käfers“ mit dem Zusatztitel „Wie die Nazis Josef Ganz die VW-Patente stahlen“ 2011 in einer inzwischen in viele Sprachen übersetzten Reportage. Das Kunstmuseum widmet Josef Ganz, dem Maikäfer, Ferdinand Porsche, dem VW-Käfer, Adolf Hitler, dem Stadt- und Werkgründer, sowie Heinrich Nordhoff, dem Nachkriegschef von Volkswagen eine ganze Abteilung in „Wolfsburg Unlimited“.

Da steht der rostbraune Maikäfer von Ganz im Foyer des Kunstmuseums, sind Titelblätter der „Motorkritik“ im Innern zu sehen, dazu Fotografien der Männer mit dem damals modischen Chaplin-Schnauzer (Hitler, Porsche, Ganz) und der Briefwechsel zwischen Nordhoff und dem später in Australien lebenden Ganz. Als sein „Maikäfer“ auf die Straßen rollte, kam Hitler in Deutschland an die Macht. Die Gestapo verfolgte den Ungar jüdischen Glaubens. Die deutsche Presse durfte nicht mehr über ihn berichten.

Im diese Ausstellung ergänzenden Katalog geht Ralf Beil, Direktor des Kunstmuseums, mit dem Künstler Remy Markowitsch in einem Interview mit Paul Schilperoord den Verflechtungen zwischen Ganz, Porsche und Hitler nach. Da finden sich erstaunliche Parallelen: die Motorisierungs-Idee, die Deckelung der Kosten.

Remy Markowitsch nimmt in sein Werk kunsthistorische, politische und ökonomische Bezüge auf. Er entwickelt seine Installationen mit Video und Fotografie wie vielschichtige Erzählungen. Für das Kunstmuseum, für „Wolfsburg Unlimited“, hat er „Nudnik“ mit dem Untertitel „Forgetting Josef Ganz“ gemacht.

Darin reflektiert Markowitsch in der Bildserie „Psychomotor“ die Faszination des Motors, des Autos und die erreichte Freiheit in der Bewegung des Menschen, wie auch die Fähigkeit, zuvor ungeahnt schwere Lasten zu bewegen. Markowitsch hält sie in Schwarz-Weiß, wodurch er die Ambivalenz der Motorisierung zeigt. Es ist der Mensch, der über Gut und Böse, auch der Nutzung einer technischen Erfindung, entscheidet.

SERVICE

Wolfsburg Unlimited

Rémy Markowitsch:

„Nudnik. Forgetting Josef Ganz“, Installation über den Konstrukteur des Maikäfers

und Chefredakteurs der „Motorkritik“. Ganz kannte Ferdinand Porsche. Heinrich Nordhoff stand später im Briefwechsel mit Josef Ganz.

Kunstmuseum, dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr,

Internet: www.kunstmuseum-wolfsburg.de

In dialektischen Foto-Collagen dechiffriert der Schweizer Künstler die Auto-Politik der Nazis: So zeigt „KdF 1938 – Silberfisch 1948“ den vor Freude strahlenden Hitler vor Porsches Käfer-Modell und dann den von den Briten geförderten Käfer aus Wolfsburg. „Mannheim 1933 - Moabit 1933“. Die Nazis entließen nach der Machtergreifung alle Ärzte und Pfleger jüdischen Glaubens des Berliner Krankenhauses 1933. Das waren 70 Prozent des Personals.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder