Täterberatungsstelle hilft Männern, die Frauen Gewalt antun

Wolfenbüttel.  Vom Topmanager bis zum Hartz-IV-Empfänger: Männergewalt ist ein Problem. Die Täterberatungsstelle Wolfenbüttel hilft gewalttätigen Männern.

Beate Ulrich (links) und Vanessa Reupke erläutern in der Täterberatungsstelle Häusliche Gewalt die Gewaltspirale und zeigen Chancen auszusteigen.

Beate Ulrich (links) und Vanessa Reupke erläutern in der Täterberatungsstelle Häusliche Gewalt die Gewaltspirale und zeigen Chancen auszusteigen.

Foto: Stephanie Memmert

Sie sind ein Spiegel der Gesellschaft – vom Topmanager bis zum Hartz-IV-Empfänger: Männer, die Frauen Gewalt antun, gibt es in allen sozialen Schichten, in allen Ethnien, in allen Bildungsschichten, in jedem Alter. Um aber Hilfe in der Täterberatungsstelle Häusliche Gewalt zu erhalten, müssen sie eine Voraussetzung erfüllen: Sie müssen Verantwortung übernehmen für das, was sie getan haben und sie müssen bereit sein, sich verändern zu wollen.

„Wer bei uns nur absitzen will, fällt sofort auf. Das läuft nicht“, sagt Beate Ulrich. Sie ist die Geschäftsführerin des Jugendhilfevereins in Wolfenbüttel und arbeitet mit einem Team praktisch in der Täterberatung. „Oft hören wir, dass es ja merkwürdig sei, dass Täter eine Beratung bei uns bekommen. Überhaupt, dass es für so etwas Geld gebe“, sagt Vanessa Reupke, die Erziehungswissenschaften studiert und gerade eine fachliche Qualifikation zur Täterarbeit begonnen hat.

Täterarbeit ist Opferschutz

Beate Ulrich erklärt die Idee dahinter: „Täterarbeit ist ein präventiver Baustein gegen häusliche Gewalt. Täterarbeit ist Opferschutz.“ Eben ein Steinchen im Mosaik von Frauenschutzhäusern, weiteren Opferberatungsstellen, Jugendämtern und Gerichten, um nur einige zu nennen. „Männer, die gewalttätig geworden sind oder befürchten, es zu werden, sollen eine Chance auf Veränderung haben. Frauen wollen oft gar nicht die Beziehung beenden, sondern die Gewalt“, sagt Beate Ulrich. Und: „Alle Männer hängen an ihren Kindern. Sie machen bei uns auch deshalb mit, weil sie die Beziehung zu ihren Kindern nicht verlieren wollen.“

Doch wie finden diese Männer den Weg zur Täterberatungsstelle? Die meisten Täterdaten meldet die Polizei nach häuslicher Gewalt der Beratungsstelle. Hier gibt es Kooperationsvereinbarungen zwischen der Polizei und den Täterberatungsstellen. Dann gibt es für Täter auch gerichtliche und staatsanwaltliche Weisungen, eine Täterberatungsstelle aufzusuchen. Schließlich gibt es die Selbstmelder. „Meist nach Druck von der Partnerin oder dem Partner oder auch dem Jugendamt“, erläutert Beate Ulrich. Männer, die sich von ganz allein an die Täterberatungsstelle wendeten, seien aber immer noch die Ausnahme.

Zuständig ist die Täterberatungsstelle Häusliche Gewalt für alle Männer von 18 Jahren an. Der älteste gemeldete Täter sei 86 Jahre alt gewesen. Die Kurse umfassen ein fortlaufendes Gruppenangebot und Einzelberatung. „Partnerschaftliche Gewalt verläuft häufig in einer Spirale. Oft wird sie immer schlimmer. Wir zeigen, wie man die Gewaltspirale durchbrechen kann“, schildert Vanessa Reupke.

Mehr zum Thema

Das Training dauert sechs Monate

Eine Täterberatung dauere ein halbes Jahr, wöchentlich drei Stunden. Wie kommt es zu der Gewalt? Was passiert in der Partnerschaft? Wie lässt sich die Tat rekonstruieren? Welche Notfallpläne könnte es geben? Was hat Gewalt in der Vergangenheit in der Familie bedeutet? All das wird in der Täterberatung aufgearbeitet.

Drei Täterberatungsstellen gibt es in der Region. Für den Standort Peine/Salzgitter/Wolfenbüttel besteht seit 2014 eine Kooperation mit der Labora gGmbH für Arbeit und berufliche Bildung. „Für die Kommunen sind wir gemeinsam der Ansprechpartner“, sagt Beate Ulrich. Seit 2019 werden zwei weitere
Täterberatungsstellen in Braunschweig sowie für den Bereich Helmstedt/Gifhorn/Wolfsburg vom Jugendhilfeverein Wolfenbüttel geführt.

Finanziert wird die Täterberatung über eine Landesförderung, über die Kommunen und über Bußgelder. „Aber die Förderung ist zu wenig, um alles bewältigen zu können“, sagt Beate Ulrich. Denn zu den Standards gehören auch Netzwerkarbeit wie runde Tische gegen häusliche Gewalt sowie die Arbeit der Interdisziplinären Koordinierungsstelle Häusliche Gewalt für die Region Braunschweig und die Teilnahme an Hochrisikofallkonferenzen.

Von allen Männern, die an den Kursen teilgenommen haben, sei ihnen keiner bekannt geworden, der wieder auffällig geworden wäre. „Wir hoffen, dass unsere Arbeit nachhaltig ist. Aber das müsste wissenschaftlich evaluiert werden“, sagt Beate Ulrich. Wenn die Täterberatungsstelle mehr Geld und größere Kapazitäten zur Verfügung hätte, könnte sie auch Täterinnenkurse, Paarberatung und das Projekt „Caring Dads“ („fürsorgliche Väter“) anbieten sowie sich explizit dem Problem partnerschaftlicher Gewalt von Menschen mit Migrationshintergrund widmen.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder