Häusliche Gewalt: Thomas schreit, schimpft und schlägt an Wände

Wolfenbüttel.  Der 31-Jährige hat Angst, dass aus seiner Wut eine Gewalttat wird. Der Mann erzählt, wie ihm bei der Täterberatungsstelle Wolfenbüttel geholfen wird.

Thomas (hier ein Symbolbild) beschimpft seine Lebensgefährtin. Er schlägt mit der Hand auf den Tisch und mit den Fäusten an die Wand. Als er merkt, er könnte seine Partnerin körperlich verletzen, sucht er Hilfe bei der Täterberatungsstelle in Wolfenbüttel.

Thomas (hier ein Symbolbild) beschimpft seine Lebensgefährtin. Er schlägt mit der Hand auf den Tisch und mit den Fäusten an die Wand. Als er merkt, er könnte seine Partnerin körperlich verletzen, sucht er Hilfe bei der Täterberatungsstelle in Wolfenbüttel.

Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Immer wieder war es diese unbändige Wut, die in Thomas (Name geändert, die Red.) hochkochte, ihn regelrecht übermannte. Erst waren es nur Schimpfwörter, die er seiner Partnerin an den Kopf warf, von denen er selbst aber sagt: „Sie sind nicht für Kinderohren geeignet.“ Doch sein kleiner Sohn hörte zu. Und dann hat er geschlagen – mit der Hand auf den Tisch, mit den Fäusten gegen Wände. Und dann sagt er nachdenklich: „Beinahe hätte ich ihr eine geklatscht.“

Thomas ist 31 Jahre alt, Berufskraftfahrer bei einem großen Unternehmen in Norddeutschland. Er fährt Tagestouren. Thomas stammt aus dem Harzvorland. Sein Sohn ist inzwischen sechs und gerade eingeschult worden. „Ich kämpfe darum, ihn endlich wiedersehen zu dürfen.“ Vor vier Jahren sah er ihn zum letzten Mal. Gemeinsam habe er mit der Kindesmutter entschieden, dass sich das Paar trennt. Verheiratet waren die beiden nie.

Verbale Auseinandersetzunge n – ja, die habe es eigentlich schon immer mit der Kindesmutter gegeben. „Wir trennten uns. Doch dann lief sie mir hinterher. Ich sollte mich kümmern“, erzählt Thomas. Das sei eine Zeit lang gut gegangen, doch dann habe es wieder so einen Konflikt gegeben.

„Ich war mit dem Kleinen an der Imbissbude. Wir haben Pommes gegessen. Auf dem Nachhauseweg hat sich der Kleine in die Hose gekackert“, beschreibt Thomas den Anlass für einen dieser Konflikte. Daheim habe er dafür Vorwürfe bekommen. „Sie warf mir vor, ich würde den Kleinen nicht windeln. Und dass ich unfähig bin“, erzählt er. Da habe er sie beschimpft mit Wörtern, die unter die Gürtellinie gingen.

Und dann die Sache mit dem Laufrad. Sein Sohn habe es nicht nach Hause schieben wollen. „Ich meine, das geht doch nicht. Wenn man ein Laufrad hat, muss man sich auch darum kümmern. Hat er aber nicht getan, hat es liegen gelassen.“ Seine Lebensgefährtin habe ihm Vorwürfe gemacht, das Laufrad sei ja schließlich teuer gewesen. Da habe er mit der Hand auf den Tisch gehauen. „Ich war auf 180“, sagt er. Dann überlegt er: „Wenn ich ihr eine geklatscht hätte, dann wäre sie verletzt worden, bestimmt ins Krankenhaus gekommen.“ Er ist kräftig, stämmig, sie zierlich.

Mehr zum Thema:

Angst vor einer Eskalation

Er habe Angst davor gehabt, dass so ein Streit irgendwann mal eskalieren könnte. „Ich wollte nicht, dass meine Wut, die ich immer hatte, sich in Gewalttätigkeit gegen jemanden entlädt“, beschreibt er seine damalige Situation. Zu dem Zeitpunkt hatte sich das Paar tatsächlich getrennt. Thomas kämpfte darum, wenigstens ein Umgangsrecht für seinen Sohn zu bekommen.

Doch dann ist er in einer Gerichtsverhandlung, als es genau darum ging, gegenüber dem Richter ausgeflippt. „Ich habe im Gericht mit der Hand auf den Tisch gehauen. Ich wollte doch nur meinen Sohn sehen.“ Doch der Richter habe seine Tonart kritisiert. Fazit: Ein Jahr lang durfte er seinen Sohn gar nicht mehr sehen. Von seiner Anwältin und vom Jugendamt bekam er Adressen von Einrichtungen, an die er sich habe wenden sollen, um seine Wut in den Griff zu bekommen. „Doch die Wartezeit war zum Beispiel bei der Familien- und Lebensberatung unwahrscheinlich lange“, erzählt Thomas. Zu den Adressen zählte auch die Täterberatungsstelle Häusliche Gewalt in Wolfenbüttel. Hier war die Wartezeit wesentlich kürzer. Es gab einen Erstkontakt und zwei Anamnesegespräche.

Hilfe bei der Täterberatung Wolfenbüttel

Dann kam die erste Gruppensitzung. Wie war die? „Ich kannte Gruppengespräche schon, weil ich wegen meiner Depression schon zweimal in psychologischer Behandlung war“, schildert Thomas. Er habe sich erst mal die anderen Gruppenteilnehmer angeschaut und dann dachte er sich: „Scheiße, ich hab’ ja schon Probleme, aber die anderen hat es ja noch viel härter erwischt.“ Zwei Sitzungen habe er „abgesessen“, doch dann habe er gemerkt: „Alter, das bringt ja vielleicht doch was.“ Er habe sich mit den anderen Gruppenteilnehmern ausgetauscht. Die einen seien jünger, die anderen älter als er gewesen. „Die Zusammenarbeit mit Vanessa war sehr gut“, sagt Thomas und lächelt. Vanessa Reupke ist bei der Täterberatung Häusliche Gewalt Ansprechpartnerin insbesondere für die Bereiche Wolfenbüttel, Wolfsburg, Helmstedt und Gifhorn.

In Gruppen- und Einzelgesprächen erarbeiteten sie, wo Thomas’ Wut herkommt. „Es war Trauer, Angst und Enttäuschung. Diese Gefühle hatte ich komplett verdrängt und in Wut umgemünzt, denn jedes Mal war ich machtlos, wenn die Kindesmutter es mal wieder geschafft hatte, ein Treffen mit meinem Sohn hinauszuzögern“, sagt Thomas nachdenklich. Vanessa Reupke habe ihn auch zu einer Gerichtsverhandlung begleitet, in der es um das Umgangsrecht mit seinem Sohn ging. „Ich möchte erst mal begleitete Umgänge haben“, sagt Thomas. Dass es nun immer noch nicht damit geklappt habe, sei der Corona-Pandemie geschuldet.

Aber Thomas ist zuversichtlich. Inzwischen hat er eine neue Partnerin, die zwei Kinder hat. „Wir verstehen uns super, albern viel rum“, sagt der 31-Jährige. Ja, wütend sei er manchmal immer noch, aber er macht etwas dagegen: „Tief durchatmen und nach der Arbeit am Abend zwölf Kilometer Radfahren. Das ist kräftezehrend. Da kann man gar nicht mehr so wütend werden. Ich habe mich im Griff“, sagt er und lächelt.

„Tatort“: Die Crime-Serie der Braunschweiger Zeitung

In unserer Crime-Serie zeigen wir drei Monate lang die verbrecherische Seite unserer Region: Die spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre und die harte Arbeit der Ermittler, die Täter ihrer Strafe zuführt – manchmal nach Jahrzehnten. Jede Woche rollen wir wahre Fälle zwischen Harz und Heide auf. Unsere Reporter sprechen mit Ermittlern, Richtern, Forensikern und Staatsanwälten über die Verbrecherjagd, begleiten eine Tatortreinigerin bei der Arbeit und stellen Vereine vor, die sich für die Interessen der Opfer einsetzen.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder