Tesla-Konkurrent Nikola: Was hinter dem Skandal steckt

Berlin.  Der Lkw-Bauer Nikola will Tesla Konkurrenz machen. Doch es gibt massive Betrugsvorwürfe. Das könnte sich auf deutsche Firmen auswirken.

Die Erfolgsgeschichte von Elon Musk

Er ist eine der reichsten menschen der Welt mit über 80 Milliarden US-Dollar und wird als "Da Vinci des 21. Jahrhunderts" gefeiert. Das ist die Geschichte von Elon Musk

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Satte Bässe wummern, die Beleuchtung ist gedimmt, auf der Leinwand hinter der Bühne leuchtet eine Illustration von sechseckigen Molekülen. Dann kommt Trevor Miltons großer Auftritt. Acht Clydesdale-Pferde ziehen eine Bierkutsche des US-Brauers Anheuser-Busch auf die Bühne, ganz oben auf einer Kiste Budweiser sitzt Milton. Das Publikum jubelt. Milton strahlt. Er genießt die Show sichtlich, das Rampenlicht.

Eineinhalb Jahre liegt dieser Auftritt zurück, noch heute ist er im Netz zu finden. Dieser Moment war ein Ausgangspunkt für eine Erfolgsgeschichte, die viele an Tesla und Elon Mus k erinnerte. Denn Trevor Milton ist selbst ein Gründer, auch er hat es auf emissionsfreie Verkehrsantriebe abgesehen.

Und der Name seines 2014 gegründeten Start-Ups ist an eine Kampfansage an Elon Musk: Milton lies sich für sein Start-Up, das es sich zum Ziel gesetzt hat, Lkws in Serie mit Elektro- und Wasserstoffantrieben zu produzieren, den Namen Nikola eintragen, also den Vornamen des berühmten Erfinders Nikola Tesla.

Doch mit den Vergleichen von Elon Musk und Trevor Milton ist es seit diesem Montag vorbei. Nikola sieht sich massiven Betrugsvorwürfen ausgesetzt. Die Anschuldigungen wies Nikola zwar zurück, dennoch trat Trevor Milton am Montag zurück. Anstatt der Frage, ob Nikola das nächste Tesla wird, stellt sich aktuell wohl er die Frage, ob Nikola nicht das nächste Wirecard wird. War alles nur ein großer Bluff?
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Nikola: Massive Betrugsvorwürfe von einem Leerverkäufer

Die Betrugsvorwürfe, erhoben am 10. September durch das US-amerikanische Analysehaus Hindenburg Research, hatten es in sich. Von einem „verschachtelten Betrug“, der „auf Dutzenden von Lügen im Laufe der Karriere seines Gründers und Vorstandsvorsitzenden Trevor Milton beruht“, war dort zu lesen. Die Liste der Vorwürfe ist lang. Der Kernvorwurf: Nikola würde überhaupt keine eigene Technologie besitzen und sei somit nicht mehr als „heiße Luft“.

Die Recherche wurde untermauert mit vermeintlichen E-Mails, Fotos von Mitarbeitern und Screenshots. Allerdings stammte die Analyse von einem Leerverkäufer, im Börsen-Jargon „Shortseller“ genannt. „Shortseller“ verdienen Geld damit, indem sie auf fallende Kurse spekulieren. Und im Falle von Hindenburg Research klappte das.

Nach dem Hoch der Aktie am 8. September, als Nikola eine Partnerschaft mit General Motors (GM), drittgrößter Autohersteller der Welt, verkündete, stürzte das Wertpapier bis zum 11. September, dem Tag nach der Veröffentlichung um über 40 Prozent ab. Hindenburg Research hat also vermutlich gut Kasse gemacht mit den Vorwürfen. Aber macht es sie deshalb falsch?

Nikola soll Laster einen Berg heruntergerollt haben

Nikola reagierte 14 Stunden später auf die Anschuldigungen, sprach von einem „aktivistischen Leerverkäufer“, dessen Motivation darin bestehe, „den Markt zu manipulieren“. „Um eines klar zu stellen, dies war kein Forschungsbericht und er ist nicht korrekt. Dies war ein Vorwand für Leerverkäufe, die von Gier getrieben wurden“, hieß es in der Stellungnahme des Start-Ups.

Und doch musste Nikola Eingeständnisse machen. So warf Hindenburg Research dem Truck-Bauer vor, dass für ein Werbevideos des Lkws „Nikola One“ das Unternehmen den Sattelschlepper auf einen Hügel geschleppt habe und ihn anschließend einfach hintergerollt habe. Dem Zuschauer werde in dem Video suggeriert, der Truck fahre selbstständig, in Wirklichkeit rolle er aber nur aufgrund des Gefälles. Nikolas Antwort: Man habe nie behauptet, dass der Truck eigenständig fahre. Zwar wurden die Vorwürfe als falsch dargestellt, entkräftet werden konnte sie aber nicht.

Nikola- Das Video zum Elektro-Lkw Nikola One

Und die Liste der Vorwürfe ist lang. Sie reichen von einer angeblichen Photovoltaikanlage auf dem Dach der Nikola-Zentrale, die laut Hindenburg Research aber gar nicht existiert, bis zu der Behauptung, dass Nikola bei der Präsentation seines Lkws „Nikola One“ ein Stromkabel unter der Bühne verlegt habe, um so überhaupt die elektrischen Systeme präsentieren zu können. Die Enthüllung sei eine „totale Farce“. Ein weiterer Vorwurf: Das Auftragsbuch des Start-Ups sei „gefüllt mit Flusen“.

Scheitert der emissionsfreie Truck?

Dass Nikolas Ziele mehr als ambitioniert waren, war von Beginn an klar. Schon im kommenden Jahr will Nikola den ersten vollelektrischen Lkw auf die Straße bringen, 2023 sollen Lkws mit Wasser-Stoffbrennzelle vom Band rollen. Zum Vergleich: Als Martin Daum, Vorstandsvorsitzender von Daimler Trucks, in der vergangenen Woche das Konzept zur Produktion von Elektro- und Wasserstoff-Lkws vorstellte, war von einer serienmäßigen Produktion bei Elektro-Lkws mit bis zu 500 Kilometer Reichweite frühestens im Jahr 2024 die Rede. Bis 2039 will Daimler, das mit Volvo kooperiert, auch mit der Truck-Sparte emissionsfrei sein.

Frank Schwope, Autobranchen-Experte der NordLB, zeigt sich im Gespräch mit unserer Redaktion skeptisch, was die zeitnahe Produktion von Wasserstoff-Lkws angeht. „Ich halte die Dekade des serienmäßigen Wasserstoff-Antriebs noch nicht für gekommen“, sagt Schwope. Zwar werde es bald Testmodelle geben, mit einer serienmäßigen Produktion von Nutzfahrzeugen mit Wasserstoff-Brennzelle rechnet der Analyst aber ab dem kommenden Jahrzehnt.

Gegenüber Nikola zeigt sich Schwope skeptisch: „Ich befürchte, dass bei Nikola sehr viel heiße Luft dabei war“, sagt er. Zwar hätte Nikola vielleicht den Anspruch gehabt, wie Tesla wahrgenommen zu werden. „Ich bezweifle allerdings, dass ihnen das in der gesamten Branche gelungen ist“, sagt Schwope.

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Stephen Girsky wird neuer Nikola-Chef

Das sieht Thomas von Unwerth, Professor für Alternative Fahrzeugantriebe an der Technischen Universität Chemnitz, anders. „Nikola ist bisher ein Vorreiter gewesen und war in dieser Funktion ein wichtiger Treiber für die Branche“, sagte der frühere Projektleiter für Volkswagens Brennstoffzellenfahrzeuge in China unserer Redaktion. Allerdings sei der Status „sehr undurchsichtig“. Klarer agiere Daimler. „Daimler profitiert gerade bei der Elektro-Batterie von der Kenntnis aus den eigenen Pkw-Systemen und transfiert diese in die Nutzfahrzeug-Sparte“, sagte von Unwerth.

Nun gehe es darum, die Kosten zu reduzieren. Gelingt das, könne der Wasserstoff-Antrieb noch in diesem Jahrzehnt serienreif werden. „Wir waren noch nie so nah dran an einer serienmäßigen Einführung von Wasserstoff-Antrieben wie heute“, sagt von Unwerth. „Es wäre natürlich schade, wenn Nikola als Treiber wegfallen würde“, so der TU-Professor.

Trevor Milton jedenfalls fällt als Gesicht von Nikola nun weg. „Der Fokus sollte auf dem Unternehmen und seiner weltverändernden Mission liegen, nicht auf mir“, schrieb er in einer Erklärung, die er auf Twitter postete. „Ich werde euch jetzt von der Seitenlinie zujubeln“, so der 39-Jährige weiter.

Das Vertrauen in Nikola erschütterte der Rücktritt dennoch. Die Nikola-Aktie stürzte am Montag zeitweise um fast 28 Prozent ab. Als neuer Chef soll nun der ehemalige stellvertretende Vorsitzende von GM, Stephen Girsky, das Ruder herumreißen.

Bosch und Iveco sind Partner

Ob das gelingt, darauf wird man auch in Deutschland genau achten. Denn Nikola hat auch hierzulande Partnerschaften geschlossen. In der Fertigungsstätte des Lkw-Bauers IVECO in Ulm will Nikola den „Nikola Tre“ bauen. Und für den Brennstoffzellenantrieb des 40-Tonners „Nikola Two“ kooperiert Nikola mit Bosch. Der Stuttgarter Zulieferer soll unter anderem das Brennstoffzellen-Steuergerät sowie den Kompressor liefern.

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Auch auf Bosch war Hindenburg Research in seinen Anschuldigungen eingegangen. Demnach soll ein Bosch-Sprecher bestätigt haben, dass noch keine Lkws hergestellt wurden. „Aussagen in dem Bericht, die einem Bosch-Mitarbeiter zugeschrieben werden, wurden aus dem Zusammenhang gerissen und sind nicht zutreffend“, teilte Bosch daraufhin der „Wirtschaftswoche“ mit. Doch Bosch arbeitet nicht nur mit Nikola zusammen, es ist auch in das Start-Up investiert.

Tesla-Chef Elon Musk in Berlin - Gespräche mit Bundesministern
Tesla-Chef Elon Musk in Berlin - Gespräche mit Bundesministern

Strategische Partnerschaften – doch was stammt von Nikola?

Ist Nikola nun also ein neues Tesla oder das nächste Wirecard? Am Ende ist es wohl weder das eine noch das andere. Tesla hat den Automobilmarkt mit seiner Technik aufgemischt, investiert viel in die Forschung und die Weiterentwicklung des Elektro-Antriebs. Wirecard hingegen frisierte offenbar seine Bilanzen und wurde so zum Scheinriesen.

Nikola hingegen hat bisher kaum nennenswerte Umsätze zu verzeichnen. Nach dem Börsendebüt im Juni standen im ersten offiziellen Quartalsbericht, den Nikola im August vorlegte, gerade einmal 36.000 US-Dollar an Erlösen zu Buche. Und das Geld stammte nicht aus der Truck-Fertigung, sondern aus der Installation von Solaranlagen für Trevor Milton.

Ein Unternehmen ohne großen Umsätze – aber mit viel Vision. Das verzückte so manchen Anleger. Als Nikola im Juni an die US-Technologiebörse NASDAQ ging, war viel Fantasie im Spiel. Das Unternehmen war zwischenzeitlich an Börsenkapitalisierung mehr wert als Ford und Fiat-Chrysler.

Diese Fantasie hat nun einen sehr deutlichen Schatten erhalten. Allerdings hat Nikola geschickte Partnerschaften eingefädelt. GM und Bosch, das Wasserstoffnetz soll zudem mit dem norwegischen Unternehmen Nel in Angriff genommen werden.

Die Frage am Ende bleibt, was nun eigentlich von Nikola selbst kommt. „Der wahre Wert für GM scheint das Branding zu sein“, schreiben die Leerverkäufer von Hindenburg Research. Wie viel der Name Nikola ohne seinen twitterfreudigen Gründer Trevor Milton jetzt noch wert ist, wird sich zeigen müssen.

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