DB Schenker will Flugtaxis spätestens ab 2023 einsetzen

Berlin.  DB Schenker meistert die Corona-Krise ohne Staatshilfe, sagt Vorstandschef Jochen Thewes. Entstanden ist auch eine neue Paket-App.

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Die Regierung hat verschiedene Maßnahmen beschlossen, um Deutschland aus der wirtschaftlichen Krise herauszubringen. Welche der Maßnahmen sich an Verbraucher richten, erläutert das Video.

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Ob Masken, Lebensmittel oder große Maschinen und Spezialtransporte von Industrieprodukte – das Logistikunternehmen DB Schenker befördert für seine internationalen Kunden, Waren in die ganze Welt. Wie die Bahn-Tochter die Herausforderungen der Corona-Krise meistert, berichtet Vorstandschef Jochen Thewes im Gespräch mit unserer Redaktion.

Herr Thewes, haben Sie sich wie viele Deutsche in der Corona-Zeit auch Vorräte angelegt?

Jochen Thewes: Nein, ich hatte vollstes Vertrauen, dass die Lieferketten in Europa funktionieren – und habe deshalb nicht gehamstert. Jedem dürfte jedoch klar geworden sein, dass volle Regale kein Naturgesetz und Lieferketten sehr komplex sind.

Wie stellen Sie in Pandemie-Zeiten den weltweiten Warennachschub sicher?

Thewes: Mit sehr viel Kreativität und dem vollen Vertrauen in unser Netzwerk und unsere erfahrenen Mitarbeiter in 130 Ländern. So haben wir medizinische Masken aus China nicht nur im Laderaum, sondern auch auf den Sitzen von Passagierflugzeugen nach Europa transportiert. Wir haben alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um Güter zu transportieren - zu Land, zu Wasser und in der Luft. Deshalb konnten wir auch in der Krise gut und zuverlässig liefern.

Können Sie wieder in vollem Umfang liefern oder sind Lieferketten noch unterbrochen?

Thewes: Es gibt immer noch starke Einschränkungen bei der Kapazität. Dazu muss man wissen, dass der Großteil der weltweiten Luftfracht im Laderaum von Passagierflugzeugen transportiert wird, die derzeit aber fast alle am Boden parken. Zwischen Nordamerika und Europa werden sonst 80 Prozent der Luftfracht im Rumpf von Passagiermaschinen befördert, zwischen Asien und Europa sind es 40 Prozent. Hier kommt es noch zu Verspätungen. In Europa hat sich nach der Öffnung der Grenzen der Güterverkehr auf der Straße wieder normalisiert und pendelt sich langsam auf das Vorkrisenniveau ein.

Warum setzen Sie nicht noch stärker auf Luftfracht und nutzen die parkenden Passagiermaschinen?

Thewes: Eine Passagiermaschine, zum Beispiel ein Airbus A350, kann rund 25 Tonnen Fracht mitnehmen. Eine Cargo-Maschine transportiert rund 100 Tonnen, bei gleichen Betriebskosten. Die Frachtpreise in Passagiermaschinen sind also höher und damit für viele Unternehmen nicht interessant.

Werden alle Kunden gleich behandelt oder unterscheiden Sie zwischen wichtigen und nachrangigen Gütern?

Thewes: Wir versuchen natürlich, zuerst unsere Bestandskunden zu bedienen. Aber wir verstehen uns in dieser Krisenzeit auch als Versorger der Bevölkerung und erfüllen einen gesellschaftlichen Auftrag. So haben wir beispielsweise einen China-Shuttle zwischen Shanghai und München aufgelegt, über den medizinische Schutzkleidung nach Europa geflogen wird.

Lufthansa kämpft um ihren Fortbestand. Wie wichtig ist der Konzern für Sie?

Thewes: Die Lufthansa ist für den Wirtschaftsstandort Deutschland und für uns ein wichtiger Partner, um hochwertige deutsche Exportgüter zu transportieren.

Wo entstanden für Sie in der Krise bisher die größten Probleme?

Thewes: Die größten Ausfälle gab es in der Industrie – insbesondere durch die Autoindustrie. Wenn deren Produktion stillsteht, stehen auch die Aktivitäten in unseren Lägern still, weil die Belieferung von Teilen und Ersatzteilen in die Produktion nicht mehr läuft. Zudem gab es eine große Nachfrage in Europa zum Beispiel nach Laptops oder Monitoren für das Homeoffice. Die Hauptproduktion sitzt jedoch in China. Als dort die Fabriken still standen, gab es auch für unsere Kunden, also Zulieferer, Hersteller und Einzelhandel, Engpässe.

An den Frachtmengen kann man ablesen, wie es der Wirtschaft insgesamt geht. Wie beurteilen Sie danach die Zukunft?

Thewes: Auf der Angebotsseite mache ich mir weniger Sorgen, da die Produktion überall langsam wieder hochfährt. Probleme sehe ich bei der Nachfrage. Die steigende Arbeitslosigkeit in mehreren Ländern sowie große Unsicherheiten bei Konsumenten und Einkäufern werden die Nachfrage wohl noch eine ganze Weile dämpfen. Die Seefrachtvolumen, über die der Welthandel läuft, haben sich um 7 bis 9 Prozent reduziert. Das ist ein signifikanter Rückgang, den wir in dieser Form bisher noch nicht erlebt haben.

Wie stark hat die Krise DB Schenker erwischt?

Thewes: Unser Seefrachtvolumen ist um 9 Prozent, die Luftfracht um 11 Prozent bis April zurückgegangen. In Frankreich ist nach dem Lockdown das Geschäft praktisch von der Klippe gefallen – und bis zu 50 Prozent eingebrochen. Aber es gibt seit zwei Wochen wieder einen Anstieg im einstelligen Bereich. Die Frage bleibt: Ist dies ein Strohfeuer, handelt es sich um Nachholeinkäufe oder ist es ein dauerhafter Anstieg?

Was bedeutet die Krise für die Arbeitsplätze?

Thewes: Die Sicherheit unserer Mitarbeiter und die Aufrechterhaltung der Qualität unserer Transporte hatte klar Priorität. Glücklicherweise haben wir unsere Transportsysteme bereits im Vorjahr auf die Cloud umgestellt, so dass rund 30.000 Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten konnte. Wir glauben aber auch, dass die Krise vorbeigeht, die Nachfrage zurückkehrt und wir an dem Aufschwung teilhaben können. Deshalb haben wir von Kündigungen so weit es ging abgesehen und andere Arbeitsmarktmaßnahmen genutzt – wie Überstundenabbau, Urlaub und teilweise Kurzarbeit.

Was passiert, wenn es zu einer zweiten Infektionswelle kommt?

Thewes: Wir sind sehr zufrieden, wie wir den ersten Lockdown bewältigt haben. Durch die Erfahrungen im Homeoffice, in den Büros, mit Desinfektionsmitteln, Abstandshaltern etc. sehen wir uns auch für weitere Wellen gut gerüstet. Auch bei der Versorgung der Bevölkerung sehen wir keine Probleme. Wichtig ist, dass die Grenzen für den Güterverkehr offen bleiben. Nur so können Lieferengpässe verhindert werden – sowohl bei Schutzkleidung als auch bei Lebensmitteln. Ich bin zuversichtlich, dass die Politik hier pragmatisch vorgeht: Güter, die für eine stabile Versorgung der Bevölkerung und Wirtschaft wichtig sind, müssen frei über die Grenzen handelbar sein.

Die Globalisierung wird derzeit stärker in Frage gestellt. Was bedeutet das für einen weltweiten Logistiker?

Thewes: Die Krise war sicher ein Rückschlag für die Globalisierung. Doch diese wird sich wieder erholen. Globalisierung und freier Handel haben weltweit zu mehr Wohlstand geführt. Die starke Abhängigkeit von China ist dabei jetzt allen stärker bewusst geworden. Es ist deshalb zu erwarten, dass einige Produktionen von dort abwandern. Für einen Logistiker wie DB Schenker spielt das aber eigentlich fast keine Rolle, ob wir Kleidung aus Rumänien, Kambodscha oder Äthiopien transportieren, da wir in alle Regionen der Welt liefern können. Allerdings sehe ich künftig bei der Wahl der Produktionsstandorte eine Verschiebung: Standen früher die Kosten bei der Entscheidung im Vordergrund, werden es in Zukunft stärker die Nachhaltigkeit und der Risikofaktor des Standorts sein.

Werden künftig mehr Güter von der Straße auf die Schiene oder Schiffe verlagert?

Thewes: Es gibt schon heute einen Anstieg der Kundennachfrage für den Schienengüterverkehr, zum Beispiel zwischen China und Europa. Das merken wir deutlich bei unserem China-Zug, den wir gemeinsam mit unserer Konzernschwester DB Cargo sehr erfolgreich als transeurasische Landbrücke betreiben. Wir bieten unseren Kunden Schienentransporte an, wo immer es sinnvoll ist. Am Ende zählt die intelligente Verknüpfung aller Verkehrsträger.

Wann werden Lastwagen autonom über die Straßen rollen?

Thewes: Die technischen Voraussetzungen für einen autonomen Transport sind bereits ausgereift, autonome Lastwagen könnten zumindest auf weniger befahrenen Straßen bald eingesetzt werden. Doch aufgrund des Regulierungsbedarfs sehe ich hier in den nächsten drei bis fünf Jahren noch keinen konkreten Fortschritt.

Schenker hat sich an dem Flugtaxi-Hersteller Volocopter beteiligt. Was versprechen Sie sich von dem Einstieg?

Thewes: Wir sehen hier ein neues, zusätzliches Verkehrsmittel. So gibt es beispielsweise in Norwegen viele Inseln, die heute nur kompliziert per Lastwagen und Fähre erreichbar sind. Hier könnten Güter mit einer Drohne sehr viel schneller und ökologischer transportiert werden. Oder als last-Mile Zubringer für Schiffe, die nicht extra am Hafen anlegen wollen. Spätestens 2022 oder 2023 werden wir die Drohnen testweise in entlegenen Gegenden einsetzen – unter Einhaltung aller rechtlichen Vorgaben auch in Deutschland.

Haben Sie aus der Corona-Krise auch neue Produkte entwickelt?

Thewes: Für die Paketübergabe haben wir eine sogenannte „No-touch-Signatur“ entwickelt. Damit können Lieferungen bei der Übergabe aus drei Metern Abstand per Unterschrift auf dem eigenen Smartphone quittiert werden, um Ansteckungen zu vermeiden. Die Technologie wird gerade in Österreich, Spanien, Finnland und Portugal getestet und kommt Mitte Juni auch nach Deutschland.

Die Logistik ist eine Männerdomäne. Wann gibt es die erste Frau im Schenker-Vorstand?

Thewes: Das Problem hat leider die ganze Branche. Unsere Themen sind so spannend, es geht um Technologie, Ökologie, Welthandel, Nachhaltigkeit und vieles mehr. Trotzdem schaffen wir es noch zu selten, Frauen den Weg bis in die Führungsspitze zu öffnen. Wir arbeiten daran, das zu ändern. Ich bin zuversichtlich, dass wir bald die erste Frau bei uns im Vorstand haben werden.

Welche Pläne haben Sie an Ihrem Firmensitz Essen?

Thewes: Wir streben dort keine Veränderungen an. Der Standort ist für uns wichtig und gut. Wir haben ein wunderschönes Bürogebäude, in dem wir uns wohlfühlen. Durch die vielen Universitäten im Ruhrgebiet haben wir auch Zugang zu gut ausgebildeten Arbeitskräften. Um den Finger auf den Kosten zu halten, werden wir den Standort derzeit aber nicht weiter ausbauen.

Schenker war in den vergangenen Jahren immer ein Gewinnbringer des Mutterkonzerns Bahn. Ist angesichts der Finanznot des Staatskonzerns ein Verkauf von DB Schenker geplant?

Thewes: Diese Frage müssten Sie unserem Gesellschafter stellen. Wir bei DB Schenker konzentrieren uns voll und ganz darauf, die Versorgung der Menschen und Unternehmen mit Waren aus der ganzen Welt sicherzustellen und Schenker weiter gut durch die Pandemie zu navigieren. Ich kenne derzeit keine Verkaufspläne. Wir arbeiten gut mit unserem Eigentümer zusammen.

Bekommen auch Sie in der Krise Staatshilfen?

Thewes: Ich erwarte nicht, dass DB Schenker frisches Eigenkapital benötigen wird. Wir tun alles, damit wir gut durch die Krise kommen und auch in diesem Jahr mit einem Gewinn abschließen.

• Was ist DB Schenker?

DB Schenker gilt als weltweit führender Anbieter von globalen Logistikdienstleistungen. Das Unternehmen ist an mehr als 2100 Standorten mit 76.200 Mitarbeiter vertreten, davon arbeiten 17.400 in Deutschland. Der Logistiker ist ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn und nutzt Land-, Luft- und Seeverkehre zum Transport der oft komplexen Frachten. Jochen Thewes (49) leitet DB Schenker seit 2015 als Vorstandschef.

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