VW-Finanzvorstand Witter: Die Situation ist unter Kontrolle

Wolfsburg.  Im Interview erläutert Witter, wie VW mit der Corona-Krise umgeht, warum die politischen Entscheidungen richtig seien und wofür er dankbar ist.

VW-Finanzvorstand Frank Witter.

VW-Finanzvorstand Frank Witter.

Foto: Darius Simka / regios24 (ARCHIV)

Produktionsunterbrechung, Kurzarbeit: Die Corona-Krise trifft auch den Autobauer Volkswagen, der in unserer Region der mit Abstand größte Arbeitgeber ist. Im Interview erläutert VW-Finanzvorstand Frank Witter, wie der Konzern mit der Krise umgeht, was sie für strategisch wichtige Entscheidungen wie die Elektro-Mobilität bedeutet und warum er trotz aller Anspannung Dankbarkeit empfindet.

Herr Witter, können Sie sich an eine Situation erinnern, die mit der Corona-Krise vergleichbar wäre?

Ich habe in meinem Leben einige Krisen erlebt, sei es Wirtschaftskrisen oder die Diesel-Krise bei Volkswagen. Etwas Vergleichbares gab es aber nicht. Das Besondere an der Corona-Krise ist, dass es neben den wirtschaftlichen Konsequenzen in erster Linie um die Unversehrtheit von Leib und Leben geht. Trotz dieser angespannten Situation dürfen wir aber unseren Mut und unsere Zuversicht nicht verlieren.

Gibt es etwas, das Ihnen in der Corona-Krise Mut macht?

Ja, zum Beispiel, dass ich viel Solidarität wahrnehme. Viele Menschen bieten Schwächeren ihre Hilfe an, zum Beispiel wenn es um das Einkaufen geht. Das sind tolle Zeichen der Solidarität und Gemeinschaft. Ich bin aber beispielsweise auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Einzelhandel dankbar, die wirklich Bemerkenswertes leisten und so die Grundversorgung der Bevölkerung gewährleisten. Zudem bewährt sich unser Gesundheitssystem, obwohl es in der Vergangenheit oft kritisiert wurde. Dafür und den vielen dort Tätigen bin ich ausgesprochen dankbar. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Bugwelle der Corona-Infektionen noch nicht durch ist.

Wie ist die Stimmung bei Volkswagen?

Sie ist nicht anders als in der Bevölkerung insgesamt. Bei unseren Mitarbeitern steht an erster Stelle die Sorge um die Gesundheit ihrer Familien. Was wir alle derzeit erleben, ist eine komplette Erdung. Wir alle beschäftigen uns in diesen Tagen mit den Fragen, was wichtig und essenziell ist, wie wir Leib und Leben schützen können. Mit Blick auf ihre Arbeitsplätze bauen die Menschen bei VW darauf, dass das Unternehmen stabil und insgesamt gut aufgestellt ist.

Gilt das uneingeschränkt oder mit einem Fragezeichen?

Natürlich fahren wir in dieser Ausnahmesituation auf Sicht, es gibt demnach auch Fragezeichen. Wir haben zwar 2019 in einem schon schwierigen Umfeld ein sehr gutes Ergebnis erzielt. Dazu gehört auch eine Nettoliquidität im Automobilbereich von mehr als 21 Milliarden Euro. In der aktuellen Situation bleiben aber trotz aller Anstrengungen große Kostenblöcke erhalten, während die Einnahmen deutlich zurückgehen. Da die Lieferketten nicht stabil sind und auch die Nachfrage in vielen Märkten eingebrochen ist, haben wir unsere Fabriken für zunächst zwei Wochen geschlossen. Das ist für das Unternehmen natürlich ein Stresstest. Wir haben bereits frühzeitig begonnen zu handeln, das Herunterfahren ist daher geordnet abgelaufen und die Situation unter Kontrolle.

Was unternehmen Sie, um die Stabilität zu bewahren?

An erster Stelle steht – neben der Gesundheit unserer Mitarbeiter – die Liquiditätssicherung. Deshalb stellen wir viele Positionen auf der Ausgabenseite auf den Prüfstand. Wir haben zudem weltweit Zugang zu bestätigten Kreditlinien von mehr als 20 Milliarden Euro. Wir haben normalerweise auch Zugang zu Geld- und Kapitalmärkten, was im Moment aber erschwert ist. Daher ist die Überlegung der Europäischen Zentralbank sehr zu begrüßen, gegebenenfalls auch Wertpapiere – sogenannte Commercial Paper – von Nicht-Banken zu kaufen. Wir verfügen also über eine Vielzahl von Instrumenten, um das Unternehmen stabil zu halten.

Wo sparen Sie auf der Ausgabenseite?

Das können Beraterleistungen sein, wir verschieben aber auch Projekte und überprüfen sämtliche Fixkosten. Die Optimierung der Auszahlungen ist ganz wichtig, weil die Einnahmen deutlich zurückgegangen sind. Es gibt insgesamt doch eine erhebliche Schwungmasse, die wir beeinflussen können.

Wie steht es um strategisch wichtige Projekte, etwa die Elektro-Mobilität?

Sie haben nach wie vor oberste Priorität, wichtige Funktionen im Unternehmen bleiben natürlich erhalten. Das gilt zum Beispiel für die Elektro-Fahrzeuge und für die Software-Entwicklung. Es gibt derzeit auch keinerlei Anzeichen dafür, dass gesetzliche Rahmenbedingungen verändert werden, zum Beispiel für die CO2-Grenzwerte. Diese Ziele sind ausschließlich mit einem höheren Anteil von elektrifizierten Fahrzeugen zu erreichen. An dieser Faktenlage hat sich nichts geändert, entsprechend handeln wir.

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Wie lange reichen die finanziellen Reserven von Volkswagen?

Das hängst stark von der weiteren Entwicklung ab: Wie lange muss die Produktion unterbrochen werden? Wie lange haben die Händler geschlossen? Wie entwickelt sich der Absatz überhaupt in den nächsten Monaten? Eine pauschale Antwort ist nicht möglich. Es handelt sich um eine ernste Krisensituation. Und das gilt nicht nur für Volkswagen, sondern auch für die Zulieferer, den Handel, kleine Unternehmen und Freischaffende. Da kommen viele derzeit an ihre finanziellen Grenzen. Wir sind aber nach den erfolgreichen letzten Geschäftsjahren finanziell robust aufgestellt und zuversichtlich, die Krise erfolgreich zu bewältigen.

Erwarten Sie staatliche Unterstützung? In der Finanzkrise hat zum Beispiel die staatliche Abwrackprämie stabilisierend gewirkt.

Die Kreditsonderprogramme der Kreditanstalt für Wiederaufbau sind extrem wichtig, um zum Beispiel Zulieferer und Handel zu stabilisieren. Ich möchte es noch einmal betonen: Von allen Instrumenten ist in der aktuellen Situation die Liquiditätsversorgung am wichtigsten, auf ihr muss der Fokus liegen. Nur so können wir die Kernprozesse in den Unternehmen stabilisieren.

Wie bewerten Sie das Vorgehen der Politik?

Wir begrüßen die entschlossene Reaktion der Politik. Die beschlossenen Maßnahmen sind kraftvoll, das ist in einer solchen Situation sehr gut!

Nachdem die Produktion unterbrochen wurde, wird Volkswagen für voraussichtlich 80.000 Mitarbeiter Kurzarbeit beantragen. Ein Tarifvertrag sorgt dafür, dass das Unternehmen das Kurzarbeitergeld auf 100 Prozent aufstockt. Wie lange kann sich VW diese Zusatzzahlung leisten?

Die Arbeitsplatzsicherheit und das Einhalten vertraglicher Vereinbarungen haben bei Volkswagen traditionell einen sehr hohen Stellenwert. Daher gehe ich davon aus, dass wir auch in der aktuellen Krise diesem Anspruch gerecht werden können.

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Stehen die VW-Beschäftigten daher in einer besonderen Verantwortung, den Handel mit ihrem Konsum zu stabilisieren?

Für eine nachhaltige Erholung der Wirtschaft ist der Konsum sehr wichtig. Dabei denke ich nicht nur an den Einzelhandel, der in diesen Zeiten Herausragendes leistet, sondern auch an Hotels, Gaststätten, Handwerk und die vielen anderen Bereiche des täglichen Lebens.

Wie bewerten Sie die Entwicklung des VW-Aktienkurses? Kommt nun nach dem Absturz die ebenso schnelle Erholung?

Ich kann mich nicht an einen solch dramatischen Einbruch der Börsenindizes erinnern. Das ist der Ausdruck der Unsicherheit der Investoren. Beispiellos war auch der Dienstag, an dem es in die andere
Richtung ging. Ich warne aber vor zu viel Euphorie, zumal wir das Schlimmste beim Thema Coronavirus vermutlich noch nicht überstanden haben. Die Spitze der Infektionswelle in Europa kommt erst noch, das gilt besonders auch für Amerika. Wir werden lernen müssen, Stück für Stück in die Normalität zurückzukehren. Wir werden auch erfahren, welche Auswirkungen die enorme zusätzliche Staatsverschuldung, zu der die Corona-Krise führt, auf die Geld- und Kapitalmärkte hat oder wie stabil das Bankensystem sein wird. Wir können nicht davon ausgehen, dass es nach der Krise sofort wieder steil nach oben geht. Ein gesunder Realismus ist hier wichtig, aber Zuversicht brauchen wir auch.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie in die Zukunft?

Mit einer großen Dankbarkeit, vor allem für diejenigen, die jetzt unsere medizinische Versorgung und die Grundbedürfnisse absichern, die in den Altenheimen oder in der Behindertenbetreuung weiter täglich arbeiten. Das ist beispielhaft! Es geht für uns jetzt darum, die Gesundheit der Menschen zu schützen und die Wirtschaft insgesamt vor Langfristschäden zu bewahren. Wir alle hoffen, dass es möglichst schnell wieder aufwärts geht. Was wir jetzt benötigen, ist die schon angesprochene Zuversicht, Klarheit in den Entscheidungen, Mut und Rückgrat.

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