Immer mehr Kurzarbeit in Salzgitter

Salzgitter.  Die Corona-Krise trifft den Industrie-Standort schwer. Die IG Metall warnt vor sozialen Verwerfungen.

Blick auf VW-Werk (vorne) und Salzgitter AG.

Blick auf VW-Werk (vorne) und Salzgitter AG.

Foto: Ingo Kugenbuch (ARCHIV)

Salzgitter ist mit der Salzgitter AG, VW, MAN, Alstom, Bosch sowie Mittelständlern und Zulieferern ein industrielles Herz Niedersachsens. Allein die fünf genannten Unternehmen beschäftigen zusammen etwa 21.000 Menschen. Die Corona-Krise trifft den Wirtschaftsstandort mit großer Wucht. Matthias Wilhelm, Chef der IG Metall Salzgitter-Peine, warnt im Gespräch mit unserer Zeitung vor sozialen Verwerfungen.

Die Produktion bei VW steht ebenso wie bei der Konzerntochter MAN. Bosch schränkt seine Produktion nach Angaben eines Sprechers seit Mittwoch ein. Davon sei auch das Werk Salzgitter betroffen, die Fertigung von Steuergeräten werde in dieser Woche heruntergefahren. Bis zum 4. April werde in Salzgitter zunächst in einem eingeschränkten Betrieb weitergearbeitet. „Derzeit führen wir Gespräche mit unseren Arbeitnehmervertretern für die Zeit nach dem 5. April, in denen es um Kurzarbeit geht“, teilte der Sprecher mit. Beim Schienenfahrzeug-Hersteller Alstom steht wegen der lange erwarteten Auftragslücke ohnehin Kurzarbeit an.

Sprecher der Salzgitter AG: Kurzarbeit derzeit kein Thema

Ein Sprecher der Salzgitter AG sagte unserer Zeitung, dass Kurzarbeit bei der Salzgitter Flachstahl derzeit kein Thema sei. Die Situation werde allerdings täglich neu bewertet, daher könne Kurzarbeit für die nächsten Wochen und Monate nicht ausgeschlossen werden.

Nach Angaben Wilhelms begrüßt die IG Metall ausdrücklich die von der Bundes- und Landespolitik beschlossenen Hilfspakete für die Unternehmen. Dazu gehöre der erleichterte Zugang zum Kurzarbeitergeld und das Erlassen der Sozialbeiträge für die Mitarbeiter. Durch diese Hilfe bestehe für die Unternehmen aber die Verpflichtung, „die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise nicht allein auf die Arbeitnehmer abzuwälzen“.

Daher fordert die Gewerkschaft nicht nur den Erhalt von Arbeitsplätzen. „Die Arbeitgeber sind auch verpflichtet, das Kurzarbeitergeld aufzustocken“, sagte Wilhelm – und zwar auf wenigstens 80 Prozent des Nettoeinkommens. Ohne Aufstockung erhalten kinderlose Arbeitnehmer als Kurzarbeitergeld
60 Prozent des Nettoeinkommens, Beschäftigte mit Kindern 67 Prozent. Ein Gegenbeispiel: Ein eigener Tarifvertrag sorgt dafür, dass VW das Kurzarbeitergeld sogar auf 100 Prozent aufstockt.

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Das Aufstocken sei aber keineswegs eine Selbstverständlichkeit, sagte Brigitte Runge, zweite Bevollmächtigte der IG Metall Salzgitter-Peine. Die Gewerkschaft verhandele daher aktuell mit etlichen Unternehmen über entsprechende Betriebsvereinbarungen. Dass es nicht in jedem Betrieb entsprechende verlässliche Regelungen gebe, sei „dramatisch. „Die Unsicherheit ist bei den Beschäftigten groß, weil vieles noch unklar ist.“ Wegen der mangelnden Bereitschaft einiger Unternehmen, das Kurzarbeitergeld aufzustocken, hakten dort Vereinbarungen zu Kurzarbeit, sagte Marion Koslowski-Kuzu, Kassiererin der Gewerkschaft.

Die IG Metall setzt sich auch dafür ein, dass Arbeitnehmer mit Kindern finanziell besser abgesichert werden, wenn sie wegen der geschlossenen Kitas und Schulen ihren Nachwuchs versorgen müssen. Sie müssten 90 bis 100 Prozent ihres Einkommens während der Betreuungszeit erhalten, um vor sozialen Härten geschützt zu werden, fordert die Gewerkschaft.

Mit Blick auf den Schutz der Arbeitnehmer vor einer Corona-Infektion berichteten die Gewerkschafter von einem Spagat in den Unternehmen. Das Interesse, die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise gering zu halten, kollidiere mitunter mit dem Schutzbedürfnis der Arbeitnehmer. Entsprechend unterschiedlich sei in den Unternehmen der Umgang mit dem Thema. „Grundsätzlich gibt es viele gute Ansätze, es bleibt aber noch viel zu tun“, sagte Runge. Als Beispiel nannte Koslowski-Kuzu Risikogruppen unter den Arbeitnehmern, die durch eine Corona-Infektion besonders gefährdet seien. „Es würde der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers entsprechen, diese Beschäftigten nach Hause zu schicken, wenn sie ein Attest vorlegen.“

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Gegenüber unserer Zeitung hatten sich Mitarbeiter der Salzgitter AG beschwert, dass das Unternehmen sie zu wenig vor einer Infektion schütze und ihre Sorgen von Führungskräften nicht ernst genommen würden. Diese Kritik wies der Unternehmenssprecher zurück. „Die zur Eindämmung der Auswirkungen der Corona-Pandemie von der Bundesregierung, dem Robert-Koch-Institut und der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen risikominimierenden Vorkehrungen und Richtlinien zum Schutz der Mitarbeiter und von deren Familien sowie Kunden, Lieferanten und Dienstleistern wurden umgehend eingeführt und werden strikt umgesetzt“, sagte er.

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Die Mitarbeiter würden seit einiger Zeit über Aushänge, das Konzern-Intranet sowie mündlich über die Verhaltens- und Hygieneempfehlungen informiert. „Wir verfügen über eine gut ausgestattete arbeitsmedizinische Einrichtung mit mehreren Ärzten auf dem Gelände der Salzgitter-Flachstahl, die mit den Gesundheitsbehörden in direktem Kontakt steht und auch Teil eines arbeitsmedizinischen Netzwerkes der Unternehmen in der Region ist“, sagte der Sprecher.

Wenn möglich werde den Mitarbeitern das Arbeiten im Homeoffice ermöglicht. „Das ist aus technischen und organisatorischen Gründen zurzeit leider nur bei einer relativ begrenzten Anzahl von Mitarbeitenden machbar. Wir sind mit Hochdruck dabei, die technischen Kapazitäten so schnell wie möglich zu erweitern“, sagte er und fügte hinzu: „Wir müssen in allen Fällen unsere Entscheidungen sorgfältig abwägen, weil wir auch schon jetzt an die Zeit nach der Corona-Krise denken müssen.“

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