Zulieferer Continental erwägt offenbar Werksschließungen

Gifhorn.  Autoexperte Stefan Bratzel erwartet Jahre des Umbruchs in der Zuliefer- und Fahrzeug-Industrie. 20 Prozent der Arbeitsplätze könnten wegfallen.

Die Continental-Zentrale in Hannover.

Die Continental-Zentrale in Hannover.

Foto: Holger Hollemann / dpa (ARCHIV)

Wie ernst ist die wirtschaftliche Situation beim Autozulieferer Continental? Anfang des Monats hat das Unternehmen aus Hannover, zu dem ein Werk mit rund 1400 Mitarbeitern in Gifhorn gehört, angekündigt, dass ein Abbau von Arbeitsplätzen unumgänglich ist. Vielleicht könnten sogar ganze Werke geschlossen werden. Die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ berichtete, dass neun Fabriken vor dem Aus stünden. Betroffen sei die Sparte „Powertrain“, also das Segment Antriebsstrang. In Gifhorn werden dagegen Bremsen und Komponenten für luftgefederte Fahrwerke produziert.

Auf Nachfrage konkretisierte ein Continental-Sprecher die Sparpläne des Unternehmens nicht und äußerte sich auch nicht zu möglichen Fabrik-Schließungen. „Wir schauen uns alle Geschäftsbereiche an“, sagte er. In wenigen Wochen wolle das Unternehmen dann zu Ergebnissen kommen. Zudem würden Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern geführt.

Auslöser des Sparprogramms seien die Transformation zu neuen Techniken – etwa die E-Mobilität – sowie die konjunkturelle Entwicklung. „Dadurch entsteht Handlungsbedarf.“ In Europa, in China sowie in Nordamerika sei die Produktion von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen rückläufig.

„Anfang des Jahres haben wir für 2019 mit einer Seitwärtsbewegung des weltweiten Automarkts gerechnet“, sagte der Sprecher. Inzwischen erwarte Continental für das laufenden Jahr, dass die Autoproduktion in Europa um 3 Prozent sinkt, in China um 10 Prozent und in Nordamerika um 2 Prozent. Weltweit sei mit einem Rückgang von etwa 5 Prozent zu rechnen.

Für Professor Stefan Bratzel, der das Auto-Institut der Fachhochschule in Bergisch Gladbach leitet, ist die aktuelle Entwicklung bei Continental beispielhaft für den Zustand der gesamten Branche. „Die sieben fetten Jahre sind vorbei. Durch die Überlappung der technischen Transformation, die große Investitionen in Forschung und Entwicklung erfordert, und der konjunkturellen Probleme auf wichtigen Märkten wird der Druck enorm verstärkt“, sagte er unserer Zeitung.

Berechnungen seines Instituts seien zum Ergebnis gekommen, dass allein durch den Ausbau der E-Mobilität 15 bis 20 Prozent der Arbeitsplätze in der Branche bis 2030 verschwinden könnten. „Dabei haben wir zugrundegelegt, dass der Anteil der E-Autos bei den Neuzulassungen im Jahr 2030 bei 50 Prozent liegt.“

Der Prozess des Umbruchs stehe erst am Anfang. Bratzel erwartet daher, dass weitere Zulieferer, aber auch Autobauer Stellenabbau und Werksschließungen ankündigen. Außer Continental hat zum Beispiel Bosch bereits den Abbau von Arbeitsplätzen beschlossen, darunter in seinem Werk in Salzgitter. Der Autoexperte rechnet jedoch nicht damit, dass beide Unternehmen in eine existenzielle Krise rutschen – zumal sie mit ihren Produkten breit aufgestellt seien.

Bei der E-Mobilität bewegten sich die deutschen Unternehmen im internationalen Vergleich aktuell zwar nur im Mittelfeld – allerdings mit Zug nach vorne. „Das ist ein Aufholprozess“, sagte der Autoexperte.

Die technische Transformation sorgt laut Bratzel nicht nur dafür, dass zum Beispiel die Diesel-Produktion sinkt und damit auch der Bedarf an entsprechenden Zulieferteilen. Mit den neuen Techniken gebe es auch neue Fahrzeug-Produzenten wie Tesla – und die suchten sich neue Partner. Bratzel geht davon aus, dass die Branche noch in den nächsten Jahren kräftig durchgerüttelt wird. „Die große Transformation wird bis etwa 2025 ein zentrales Thema bleiben.“

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