Analyse an der Börse – Fakten sind besser als Kaffeesatz

Wolfsburg  Technische Analysten spüren Trends am Aktien- und Rohstoffmarkt auf. Ihre Berichte sind Grundlagen für Beratungsgespräche im Privatkundengeschäft.

Händler, hier an der New Yorker Börse, kaufen und verkaufen. Die daraus resultierenden Veränderungen beobachten die Technischen Analysten.

Händler, hier an der New Yorker Börse, kaufen und verkaufen. Die daraus resultierenden Veränderungen beobachten die Technischen Analysten.

Foto: dpa

Sich zurückzulehnen und die Dinge auf sich zukommen zu lassen, zählt ganz und gar nicht zu den Stärken der Menschen. Wir wollen wissen, welcher Film in der kommenden Woche in die Kinos kommt, wie lange die Baustelle bestehenbleibt, wo der Dax am Ende des Jahres steht – und das alles möglichst verlässlich.

Letzterem hat sich Christoph Geyer verschrieben. Er weiß genau, wo wir uns gerade befinden, wenn es um Aktien, Rohstoffe und Märkte im Allgemeinen geht. Geyer ist Technischer Analyst bei der Commerzbank: „Ich bin vor 30 Jahren angetreten, um die Kaffeesatz-Aussagen zu korrigieren. Ich möchte, dass die Welt erfährt, dass die Technische Analyse eine seriöse Analysemethode ist.“

Kaffeesatz und Glaskugel also beiseite. Wo wird der Dax denn so kurz vor der Jahreswende stehen? Nun, eine konkrete Zahl wird ein Technischer Analyst schuldig bleiben. „Es geht um Tendenzen“, sagt Geyer. Und genau solch eine Tendenz hat Geyer im Gepäck. „Ich glaube, wir werden einen heißen Herbst bekommen.“ Der deutsche Leitindex erreiche im Jahresverlauf die 10 000 Punkte, rutsche dann allerdings deutlich ab. Im September oder Oktober werde der Dax sein Jahrestief haben. Dann sei ein guter Zeitpunkt, in den Aktienmarkt einzusteigen. 2015 werde dann aller Voraussicht nach ein gutes Anlage-Jahr, sagt Geyer. Dann beginne ein wichtiger Zyklus, der der Präsidentschaftswahl in den USA. Es ist das Jahr vor der Wahl mit seinen Wahlversprechen. Zudem sei 2015 aufgrund der 5 ein vielversprechendes Jahr. In den vergangenen Dekaden seien die Fünferjahre fast ausschließlich gute gewesen.

Das hört sich nun aber doch verdächtig nach Glaskugel und Aberglaube an. Geyer entgegnet: „Es gibt typische Zyklen, in denen Marktteilnehmer immer ähnlich reagieren. Die Technischen Analysten versuchen, diese Verhaltensweisen wiederzuerkennen.“

Eine tolle Unternehmensmeldung interessiere den Technischen Analysten nicht, sagt Geyer. Dafür gebe es die sogenannten Fundamentalanalysten, die einzelne Werte analysieren und beispielsweise Empfehlungen zum Kauf, Verkauf oder Halten von Aktien geben. Mit den Fundamentalanalysten tausche Geyer sich jeden Morgen aus. Deren Informationen gehen dann an die Berater, die sie an ihre Kunden weitergeben. „Mich interessiert, wie die Marktteilnehmer reagieren.“ Daraus ließen sich Trends ableiten.

Aber besteht da nicht die Gefahr der selbsterfüllenden Prophezeiung, dass alle entsprechend eines vorher festgestellten Trends handeln? So strotzend vor Macht, dass sich die Marktbreite daran hält, sei die Technische Analyse nun auch nicht, sagt Geyer. Zum einen handelten bei weitem nicht so viele Marktteilnehmer nach dieser Analysemethode wie vermutet wird, zum anderen sähen nicht alle Techniker zum gleichen Zeitpunkt das gleiche Muster. Selbsterfüllende Prophezeiungen seien daher kaum möglich.

Natürlich habe auch die Technische Analyse ihre Grenzen. „Dazu gehören unvorhersehbare Ereignisse wie der 11. September oder Fukushima.“ Zu Zeiten der Atomkatastrophe habe es Fondsmanager gegeben, die alle Aktien in Japan abgestoßen haben, weil sie nicht wussten wie es weitergehen würde. Doch auch hier gelte, dass Menschen in ähnlichen Situationen ähnlich reagieren. Ein Trend lässt sich also immer aufspüren, auch in extremen Lagen.

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