So bleiben Sie trotz Corona-Isolation psychisch stabil

Berlin.  In der Corona-Krise ist Isolation gefordert. Doch die kann sehr belastend sein – besonders für Menschen mit seelischen Erkrankungen.

Die Psyche in der Corona-Krise: 6 Tipps für mentale Gesundheit

Der Ausbruch des neuen Coronavirus sowie die damit einhergehende häusliche Isolation machen vielen Menschen Angst. Sehen Sie im Video, wie Sie Ihre Psyche in dieser Zeit stärken.

Beschreibung anzeigen

Quarantäne bringt Menschen an ihre Grenzen. Obwohl sie in erster Linie eine Schutzmaßnahme ist, kann sie auch zur Belastungsprobe werden: Häufig leidet insbesondere die Psyche darunter, im eigenen Haus oder der Wohnung eingesperrt zu sein. Denn die Maßnahme schließt Menschen weitestgehend vom Sozialleben aus – besonders für Menschen mit psychischen Erkrankungen kann das zum Problem werden. Dennoch: Routinen, Bewegung und Apps können Betroffenen helfen, gut durch diese Zeit zu kommen.

Welche psychosozialen Langzeitfolgen Quarantäne für Betroffene haben kann, untersuchten jüngst Mediziner des Alumnifachnetzes für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DCAPP). Dafür untersuchten sie erste statistische Daten eines psychologischen Dienstes der chinesischen Millionenstadt Wuhan, in der das neue Coronavirus Sars-CoV-2 Ende vergangenen Jahres vermutlich zuerst ausgebrochen war. Die Provinz war zwei Monate lang von der Außenwelt abgeschottet.

Zudem analysierten die Forscher 2144 Hotline-Anrufe, die zwischen dem 4. und 20. Februar dieses Jahres eingegangen waren. Fast die Hälfte der Anrufer (47,3 Prozent) hatte Angstzustände, 19,9 Prozent Schlafprobleme und 16,1 Prozent depressive Symptome. Emotionaler Stress habe sich zudem vielfach in Form körperlicher Beschwerden gezeigt. Darunter durch Herzklopfen, Atemnot, Engegefühl in der Brust, Magen-Darm-Beschwerden, Schwindel, Kopfschmerzen und Einschlafstörungen.

Corona-Quarantäne: Bewegung hilft, Stress abzubauen

Empfehlungen, die diese psychologischen Auswirkungen verhindern oder zumindest minimieren sollen, haben wiederum Wissenschaftler des King’s College in London erarbeitet: Zuallererst dürfe eine Quarantäne nur so lange andauern wie unbedingt nötig und etwa die Dauer der maximalen Inkubationszeit – bei Sars-CoV-2 zwei Wochen – nur in Ausnahmefällen überschreiten. Zudem könne es Betroffenen helfen, die Maßnahme als einen Dienst für die Gesellschaft und somit als selbstbestimmt zu begreifen.

Menschen, die isoliert wurden, sollten sich darüber hinaus sinnvoll beschäftigen, raten die englischen Forscher. Demnach könne es – wenn möglich – hilfreich sein, berufliche Tätigkeiten von zu Hause aus weiterzuführen. Sie empfehlen Betroffenen darüber hinaus, Sport zu treiben. Bewegung helfe nicht nur dabei, fit zu bleiben, sondern auch, Stress abzubauen. Denn Angst ist vor allem eine körperliche Reaktion, die beispielsweise durch Entspannungsübungen abgeschwächt werden kann.

Felix Lobrecht gibt Fitness-Tipps für die Corona-Quarantäne
Felix Lobrecht gibt Fitness-Tipps für die Corona-Quarantäne

Und obwohl der direkte Kontakt mit anderen Personen untersagt ist, kann es die Psyche entlasten, etwa mit der Familie in Kontakt zu bleiben. „Es ist wichtig, jede Möglichkeit zu einem Austausch zu ergreifen, die sich uns bietet, beispielsweise via Telefon oder Videotelefonie. Denn das heißt dann auch: Wir sind nicht alleine“, bestätigt Psychologin Birgit Langebar­tels. Das sind die besten Videochats gegen die Einsamkeit.

Psychisch Kranke und Demente trifft Isolation besonders schwer

Heftiger noch treffen ungewollte Isolation und der Verlust sozialer Kontakte allerdings psychisch Kranke. „Für Menschen mit Angsterkrankungen fördert die Corona-Krise das Grübeln über Katastrophen und damit eine Zunahme von Angst“, sagt Heike Winter, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen.

Wer empfänglich für Verfolgungs- und Bedrohungsgefühle ist, könnte den Eindruck gewinnen, Opfer einer internationalen Verschwörung zu sein. Deshalb gelte grundsätzlich, den Medienkonsum aktuell bewusst zu gestalten und sich nur zu bestimmten Zeiten mit Corona zu beschäftigen, rät Winter. Beispielsweise nur morgens, mittags oder abends durch eine Tageszeitung.

Auch dementen Menschen kann eine angeordnete Isolation in besonderem Maße zusetzen, weil sie oftmals nicht verstehen, warum sie ihr Leben nicht wie gewohnt weiterführen dürfen. Das könne dazu führen, dass sie aggressiv reagieren, sagt Birgit Langebartels. Eine sehr belastende Situation, nicht nur für die Patienten selbst, sondern auch für deren Angehörige oder Betreuende.

Häusliche Quarantäne: Die wichtigsten Infos auf einen Blick
Häusliche Quarantäne- Die wichtigsten Infos auf einen Blick

Depressive sollten ihre Tagesstruktur aufrechterhalten

Wer spürt, dass der Druck zu groß wird, sollte sich Unterstützung suchen. Familie und Freunde können ein wichtiger Rückhalt sein – eine weitere Anlaufstelle ist die Telefonseelsorge, die unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder 116 123 erreichbar ist. Für Menschen, die sich in einer Depression befinden, sind die mit der Krise verbundenen Einschränkungen ebenfalls um einiges schwerer zu bewältigen.

„Je nachdem, wie stark sich Betroffene bereits in ihrer Depression zurückgezogen haben, kann eine Quarantäne ihre Symptome nochmals verschlimmern“, so Psychologin Langebartels. Sie könnten in einen Teufelskreis quälender Gedanken geraten und daran scheitern, den Austausch mit Außenstehenden aufrechtzuerhalten.

So bestünde das Risiko, dass sich Betroffene weiter zurückzögen. „Alltag ist der Königsweg, der aus der depressiven Stilllegung herausführt, und nicht nur die Belastung, vor der man sich schonen sollte“, gibt die Autorin („Leben im Leerlauf“) zu bedenken. Sie rät Betroffenen deshalb dazu, ihre Tagesstruktur aufrechtzuerhalten. Acht Wege, Menschen mit Depressionen zu unterstützen.

Psychotherapie gibt es in der Corona-Krise auch per Videochat

Um die psychotherapeutische Versorgung während der Corona-Krise zu erleich­tern, haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband zudem Sonderregelungen beschlossen: Psychotherapeutische Sprechstunden gibt es bis zum 30. Juni nun auch via Videotelefonie.

„Dabei werden ausschließlich Programme zertifizierter Anbieter verwendet, die verschlüsselt und besonders sicher sind. In einigen Bundesländern ist es zudem möglich, auch telefonische Therapie wahrzunehmen“, sagt Verhaltenstherapeutin Winter.

Ein weiterer Begleiter durch die Krise: die kostenlose App Moodpath. Sie wurde in Zusammenarbeit mit der Freien Universität Berlin entwickelt und soll helfen, unerkannte Depressionen zu erkennen und die Behandlung begleiten. Aktuell haben die Macher auf die Corona-Krise reagiert und ihr Angebot mit Fragen und Übungen aufgestockt, die auf die besonderen Herausforderungen dieser Tage eingehen – wie Einsamkeit, Langeweile, Angstzustände.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder