Kellermann: VfL-Frauen können Top-Star Harder kaum halten

Wolfsburg.  Im großen Exklusiv-Interview spricht Ralf Kellermann, der Sportliche Leiter des Frauenfußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg, Klartext.

Ralf Kellermann (Mitte) präsentiert im Kreis des Trainerteams (von links) Arian Hingst, Chefcoach Stephan Lerch, Eike Herding und Theresa Merk die Meisterschale.

Ralf Kellermann (Mitte) präsentiert im Kreis des Trainerteams (von links) Arian Hingst, Chefcoach Stephan Lerch, Eike Herding und Theresa Merk die Meisterschale.

Foto: Darius Simka/regios24 / regios24

Der Aufstieg des Wolfsburger Frauenfußballs in die Weltspitze ist untrennbar mit dem Namen Ralf Kellermann verbunden. Der ehemalige Zweitliga-Torwart (elf Einsätze) war von 2008 bis 2017 Chefcoach des Frauen-Bundesligisten VfL, wurde 2014 zum Welt-Trainer gewählt und ist seit 2017 Sportdirektor des erfolgreichsten deutschen Klubs des vergangenen Jahrzehnts. Insgesamt gewann der 51-Jährige in seinen zwölf Jahren bei den „Wölfinnen“ 15 Titel: zweimal die Champions League, sechs deutsche Meisterschaften und sieben DFB-Pokale. Im Interview mit unserer Zeitung spricht er über den möglichen Titel Nummer 16, die sportliche Lage des Frauenfußballs in Deutschland und Europa sowie drohende personelle Verluste.

Herzlichen Glückwunsch zum erneuten Double-Gewinn. Welchen Stellenwert haben diese zwei Titel für Sie angesichts der coronabedingten langen Zwangspause?

Vielen Dank für die Glückwünsche! Diese Meisterschaft und auch der DFB-Pokal haben genau die gleiche Bedeutung wie in den Jahren zuvor. Wir hatten bis zur Corona-Unterbrechung 16 von 22 Bundesliga-Spielen absolviert, das Tabellenbild war am Ende der Saison genau das gleiche wie vor der Pandemie. Es ist unabhängig von Corona sehr hoch einzuordnen, dass wir es in beiden Wettbewerben wieder geschafft haben, die Titel nach Wolfsburg zu holen. Wenn wir in ein paar Jahren auf unsere Erfolge zurückblicken, werden die besonderen Umstände dieser Saison dafür sorgen, dass wir sofort an sie zurückdenken. Wir hoffen aber, sie bleibt ein Einzelfall. Denn so sehr die Fans es vermisst haben, bei unseren Spielen zu sein, so sehr haben wir alle beim VfL unsere Fans vermisst.

Sind Sie angesichts der Dominanz zuvor in der Liga eigentlich froh darüber, dass die SGS Essen Ihrer Mannschaft das Leben im Pokalfinale so schwer gemacht hat?

Wenn Essen in Köln sein wahres Gesicht gezeigt hat und damit in der Lage war, ein Pokalfinale auf diesem Niveau zu spielen und uns über 120 Minuten zu fordern, muss die Frage erlaubt sein, welches die SGS angesichts von 27 Punkten Rückstand auf uns oder zwölf Punkten Rückstand auf den Tabellendritten Hoffenheim gezeigt hat. Zwar sind der FC Bayern und wir als klare Favoriten in die Saison gegangen. Aber direkt dahinter fiel angesichts von vier Nationalspielerinnen von Format wie Lea Schüller und Lena Oberdorf immer der Name der SGS Essen. In der Liga blieb Essen aber deutlich hinter den Erwartungen zurück. Unabhängig davon, dass wir vor dem Endspiel wussten, dass Essen an einem guten Tag jede Mannschaft besiegen kann.

Was bedeutet es für den Stellenwert der Liga, wenn eine Mannschaft, die schon dreimal Pokal und Meisterschaft in Folge gewonnen hat, nun auch noch eine Saison ohne Niederlage abschließt?

Unsere acht Punkte Vorsprung auf Bayern und ein Riesenvorsprung im Torverhältnis mögen zwar auf eine klare Vormachtstellung hindeuten. Die gibt es aber nicht, wenn man einen Blick auf die direkten Duelle wirft: Wir haben in beiden Punktspielen in diesem Jahr unentschieden gespielt, und in den zwei Jahren davor hat jede Mannschaft jeweils eine Partie gewonnen. Noch dazu gab es in den zurückliegenden drei Jahren zwei sehr enge Pokalspiele, die wir knapp für uns entscheiden konnten, 2018 das Endspiel nach Elfmeterschießen und in diesem Jahr das Achtelfinale in der Schlussphase. Demnach sehe ich beide Mannschaften auf Augenhöhe. Die Bayern haben diesen großen Abstand zugelassen und die Meisterschaft verloren, indem sie in der Hinrunde zwei Spiele überraschenderweise verloren haben. Unsere große Stärke war es, dass wir alle Spiele gegen die vermeintlich schwächeren Teams für uns entschieden haben. Aber trotzdem gibt es in der Bundesliga keine alleinige Dominanz des VfL Wolfsburg, sondern eine von Wolfsburg und Bayern.

Wie sehen Sie die spielerische Entwicklung beim VfL hin zur Dominanz des vergangenen Jahres?

Wie sich unser Spielstil in den vergangenen Jahren im eigenen Ballbesitz weiterentwickelt hat, ist beeindruckend. Wir haben teilweise bis zu 80 Prozent Ballbesitz, und die Spiele gegen sehr tief stehende Gegner machen unseren Spielerinnen nicht immer Spaß. Dennoch ist unsere Mannschaft auch in diesen Partien immer hungrig, spielt auch bei einer 2:0-Führung weiter nach vorne und will das nächste Tor erzielen. Noch ein anderer Aspekt spielt dabei eine Rolle: Während wir es geschafft haben, uns kontinuierlich zu verstärken und weiterzuentwickeln, hat die Bundesliga insgesamt zahlreiche Spielerinnen an ausländische Klubs verloren, worunter die Qualität gelitten hat.

Ist es Hoffnung oder Befürchtung, dass Bayern mit seinen Neuzugängen wie Lea Schüller, Marina Hegering oder Klara Bühl die Lücke zum VfL schließen will?

Dass die Bayern eine Lücke schließen wollen, höre ich immer wieder. Doch da frage ich mich, um welche Lücke es da gehen soll. Der FC Bayern hatte vor dieser Saison klar geäußert, Meister werden zu wollen – und das angesichts seines hochkarätig besetzten Kaders zu Recht. In den vergangenen drei Jahren hat München den Kader immer weiter aufgerüstet. Eine Lücke gab es vielleicht in der Tabelle, die aber nicht mit der Qualität des Kaders zu begründen ist. Ich kann sagen, dass auch wir mit drei Spielerinnen in Gesprächen waren, die jetzt nach München gewechselt sind. Wir hatten aber dieses Mal keine Chance, diese Spielerinnen nach Wolfsburg zu holen. Was ich damit sagen will: Bayern hat einen Top-Kader, mit dem die Meisterschaft das Ziel sein muss. Die Kunst, und das ist uns in den vergangenen Jahren immer sehr gut gelungen, ist es aber, aus den vielen guten Einzelspielerinnen eine funktionierende Einheit auf den Platz zu bekommen und trotz der großen Konkurrenzsituation einen richtigen Teamspirit zu haben.

Wie erwarten Sie Hoffenheim, das in diesem Jahr lange um Platz 2 mitgespielt hat, Turbine Potsdam, das mit Hertha BSC kooperieren wird, und das neue Eintracht Frankfurt, in dem der 1. FFC aufgeht in der neuen Saison?

Man darf gespannt sein, ob Hoffenheim seine Leistung bei dieser Konstanz wiederholen kann. Die TSG hat schließlich auch einen Trainerwechsel, und durch die Erfolge wecken einige Spielerinnen Begehrlichkeiten bei anderen Vereinen. Aber vor der Entwicklung der TSG habe ich großen Respekt. Bei nur einem Bayern-Ausrutscher mehr hätte es Hoffenheim in die Champions League geschafft. Was ich in Potsdam mit der Kooperation beobachte, das gefällt mir. Wenn Turbine durch die Zusammenarbeit mit Hertha BSC wirtschaftlich andere Möglichkeiten und eine neue Perspektive bekommen kann, freut mich das, und es täte auch der Liga gut. Bei Eintracht Frankfurt ist es mit Blick auf Transfers bisher sehr ruhig. Aber wer Manager Siggi Dietrich, Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic sowie die Geschichte des 1. FFC kennt, der weiß, dass die Fusion nicht zustande gekommen ist, um in den kommenden Jahren nur um Platz 5 mitzuspielen. Da wird ein neuer Konkurrent heranwachsen, der die Liga bereichert. Im kommenden Jahr wird die Eintracht aber eher noch nicht um die Meisterschaft mitspielen können, so schnell geht das nicht.

Noch bevor im September die Liga startet, steht die Champions-League-Endrunde in Spanien an. Fürchten Sie, der gute Eindruck, den die Bundesliga mit dem Neustart gemacht hat, wird angesichts der viel kürzeren Vorbereitungszeit für den VfL und für Bayern im Vergleich mit den anderen europäischen Mannschaften leiden?

Der FC Bayern und wir können einerseits davon profitieren, dass wir in den vergangenen Monaten in der einzigen europäischen Liga Spielpraxis bekommen haben und viele Erfahrungen in Spielen ohne Zuschauer sammeln konnten. Auf der anderen Seite haben wir die kürzeste Vorbereitungszeit aller Teilnehmer dieser K.o.-Runde, durch das Pokalfinale haben wir sogar noch eine Woche weniger als Bayern. Der Vorteil der anderen Mannschaften ist, dass sie zielgerichtet auf das Turnier hinarbeiten können. Ich bin aber der Meinung, dass es alles Kopfsache ist. Wir denken nicht an einen zu kurzen Urlaub oder an eine zu kurze Vorbereitungszeit, sondern gehen mit sehr viel Selbstvertrauen und Vorfreude in das Finalturnier. Wir wollen natürlich den maximalen Erfolg, und wir sollten dankbar dafür sein, dass wir die Liga und den Pokal sportlich zu Ende bringen durften und dass auch die Champions League einen sportlichen Sieger bekommt.

Was ist für Sie der maximale Erfolg?

Das ist natürlich der Champions-League-Sieg! Doch es wäre nicht richtig, diesen von uns zu erwarten. Wir waren vor der Saisonunterbrechung absolut überzeugt davon, dass wir uns in zwei Spielen gegen Glasgow durchsetzen und dann zwei Halbfinalspiele gegen einen Gegner auf Augenhöhe hätten, der vermutlich Barcelona heißt. Jetzt ist es so, dass wir zwar als klarer Favorit in das eine Spiel gegen Glasgow gehen, doch dass in einem Spiel viel passieren kann, haben wir im Pokalfinale gegen Essen gesehen.

Der VfL geht nach den Abgängen von Lindahl, Maritz, Gunnarsdottir, Minde, Neto und Janogy mit fünf Spielerinnen weniger aus dem alten Kader in das Champions-League-Turnier. Immerhin dürfen nun neue Spielerinnen eingesetzt werden. Wie sehen Sie die Chancen mit dem dann neuen Kader?

Wir haben seit Ende letzter Woche Gewissheit, dass wir alle Neuzugänge für das Turnier melden können. Wenn wir in der Vorbereitungszeit von Verletzungen verschont bleiben und somit mit dem kompletten Kader an diesem Turnier teilnehmen könne, rechnen wir uns gute Chancen aus, in Spanien um den begehrten Titel mitzuspielen.

Mit Torhüterin Katarzyna Kiedrzynek, Lena Oberdorf, Pauline Bremer und Kathrin Hendrich stehen vier Neuzugänge bisher fest. Auf welchen Positionen sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Es ist bei unseren bisherigen Neuzugängen so, dass Kathy Hendrich in der Abwehr auf allen Positionen spielen kann. Lena Oberdorf kann Innenverteidigerin spielen, aber auch vor der Abwehr. Und Pauline Bremer sehen wir im offensiven Bereich, wobei sie auch bereits Außenverteidigerin gespielt hat. Wir suchen eine Offensivallrounderin, die wir eigentlich auch schon für die Champions League benötigen. Im Vergleich zur vergangenen Saison haben wir aktuell noch zwei Feldspielerinnen weniger im Kader. Angesichts des engen Terminkalenders ist unser Kader damit aktuell noch zu klein. Unsere eigenen Nachwuchsspielerinnen, von denen die eine oder andere die Vorbereitung bei uns absolviert, beziehen wir mit ein. Aber wir benötigen auch noch gestandene Spielerinnen, die wir in jeder Situation bringen können, die gleich Gas geben und zudem die Konkurrenzsituation im Kader hoch halten. Das aber wird gerade in Corona-Zeiten eine große Herausforderung.

Im Sommer 2021 laufen die Verträge der Spielerinnen Lena Goeßling, Anna Blässe, Lara Dickenmann, Zsanett Jakabfi, Joelle Wedemeyer, Fridolina Rolfö, Friederike Abt, Ingrid Engen und Pernille Harder aus. Die vier Erstgenannten sind dann zwischen 31 und 35 Jahren. Wartet im kommenden Sommer die größte Zäsur, seit Sie beim VfL arbeiten?

Wenn es so wäre, dass alle gehen würden, hätten wir sicherlich den größten Umbruch. Es ist aber nicht gesagt, dass die genannten Spielerinnen nicht weiter für den VfL spielen. Und man darf noch eines nicht vergessen: Wir hatten in den vergangenen Jahren zwar immer wieder Abgänge namhafter und wichtiger Spielerinnen. Trotzdem haben wir es immer geschafft, diese zu kompensieren. Die Gespräche mit diesen Spielerinnen haben wir schon vor einiger Zeit begonnen.

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass Pernille Harder bleibt?

Ich würde mich riesig freuen, wenn es so wäre. Aber es ist nahezu ausgeschlossen, mit ihr über eine Verlängerung zu sprechen. Pernille hat uns schon darüber unterrichtet, dass ein Verbleib über den Sommer 2021 hinaus nicht realistisch ist. Und in diesem Zusammenhang kann ich noch einen entscheidenden Punkt ansprechen.

Der wäre?

Es wird so kommen, dass im Viertelfinale der Champions League bei den Frauen nahezu die gleichen Mannschaften spielen wie bei den Männern, das betone ich aber auch schon lange. Machen Vereine wie zum Beispiel Real Madrid, Barcelona, der FC Chelsea oder auch Bayern München nicht ganz viel falsch, werden sie in naher Zukunft die Champions League dominieren. Wir werden das Feld sicherlich nicht kampflos räumen. Aber wir sind realistisch genug, um zu wissen, dass es eine riesige Herausforderung ist, noch möglich lange in diesem Konzert der Großen mitzuspielen. Zum Glück haben wir uns aufgrund unserer Erfolge in den vergangenen acht Jahren und der Kontinuität, die wir im Verein haben, ein gewisses Standing aufgebaut, das auch viele Spielerinnen zu schätzen wissen.

Sie sprechen die Kontinuität an: Auch der Vertrag von Trainer Stephan Lerch, der in seinen drei Jahren drei Mal das Double geholt hat, läuft in einem Jahr aus. Wollen Sie weiter zusammenarbeiten?

Wir haben uns bereits im Mai ausgetauscht, als wir vor dem Neustart im Quarantäne-Hotel waren. Ich habe Stephan dabei deutlich signalisiert, dass wir sehr interessiert sind, die Zusammenarbeit über 2021 hinaus fortzusetzen. Die Zusammenarbeit könnte nicht besser sein, sie ist geprägt von gegenseitigem Respekt und 100-prozentigem Vertrauen. Die weiteren Gespräche haben wir auf die Vorbereitungszeit vertagt. Aber den Wunsch, gemeinsam weiterzuarbeiten, haben wir von Vereinsseite klar hinterlegt.

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