Hat der VfL Wolfsburg (k)eine Vision von sich selbst?

Wolfsburg.  Geschäftsführer Schmadtke rätselt über Gründe für fehlende Euphorie bei Fußball-Bundesligist VfL Wolfsburg. Ein Fan-Trio hat bereits eine Vision.

Dieses Bild vom Protest der VfL-Fans stammt aus der Saison 2017/18, als die „Wölfe“ auf dem Weg zur zweiten Relegationsteilnahme in Folge waren. Die Auswirkungen des damaligen sportlichen Tiefs spürt der Klub noch heute, obwohl zuletzt zweimal in Serie ein Europa-League-Platz erreicht wurde. Ist es ein Imageproblem ob mangelnder Vision?

Dieses Bild vom Protest der VfL-Fans stammt aus der Saison 2017/18, als die „Wölfe“ auf dem Weg zur zweiten Relegationsteilnahme in Folge waren. Die Auswirkungen des damaligen sportlichen Tiefs spürt der Klub noch heute, obwohl zuletzt zweimal in Serie ein Europa-League-Platz erreicht wurde. Ist es ein Imageproblem ob mangelnder Vision?

Foto: Darius Simka / regios24

Zweimal in Folge einen Europapokalplatz erreicht – und trotzdem vermissen die Verantwortlichen des Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg die „Euphorie“ rund um den Klub. Geschäftsführer Jörg Schmadtke sagt: „Da ist ein bisschen wenig passiert. Wir müssen uns Gedanken machen, woran das liegt.“ Das hatte ein Fan-Trio bereits vor einem Jahr getan und seine Gedanken in „Unsere Vision des VfL Wolfsburg“ festgehalten und den „Wölfen“ zukommen lassen.

David Bebnowski (36) ist gut bekannt in der aktiven Fanszene. Seit seinem elften Lebensjahr ist er Anhänger des VfL. Er war Gründungsmitglied der ersten Ultragruppierung in Wolfsburg, gehörte zu einem Kreis meinungsführender Fans, der schon 2000 die Gründung des Wolfsburger Fan-Dachverbands Supporters (seit 2006 ein eingetragener Verein) anschob, und ist einer der drei Initiatoren der 2018 uraufgeführten erfolgreichen VfL-Filmdoku „20 – DER Stress lohnt sich“.

Anschauliche 15-seitige Präsentation

Zusammen mit seiner Schwester Marike Bebnowski, die er als treibende Kraft des Projekts bezeichnet, und Franziska Sander verfasste er 2019 die anschauliche 15-seitige Präsentation einer Vision des VfL.

Bebnowski weiß, wovon er spricht. Nicht nur aus eigener Erfahrung. Der Historiker und Sozialwissenschaftler schrieb als Student seine Zwischenprüfung im Fach Sozialwissenschaften zum Thema Entwicklung der Ultras. Der intellektuelle Umgang mit Fußball und Fan-Sein gehörte für ihn und seine beiden Mitstreiterinnen immer dazu. Auf Schmadtkes eingangs erwähnte Äußerung zitiert er für eine schnelle erste Antwort aus der Vision: „Der VfL ist hochprofessionell aufgestellt. Aber wir brauchen eine emotionale Verbindung mit Lokalkolorit.“

Schmadtke: „Keine Euphorie verspürt“

Und zwar zu den Fans. Die durchschnittliche Zuschauerzahl sank innerhalb der vergangenen vier Jahre um 2000 Besucher pro Heimspiel. 2016/17, als der VfL am Ende erstmals in die Relegation musste, waren es noch 26.386 Zuschauer im Schnitt. 2017/18, der zweiten Relegations-Spielzeit in Folge, kamen noch 25.149. 2018/19 (24.030) und 2019/20 (24.036/wegen Corona durften nur 13 von 17 Heimspielen vor Fans ausgetragen werden) pendelte sich der Schnitt auf einem Niveau ein, das Schmadtke als nicht ausreichend empfindet.

So stellt der Geschäftsführer fest: „In der vorletzten Saison habe ich nach dem 8:1 gegen Augsburg am letzten Spieltag und dem sechsten Platz keine Euphorie rund um den VfL verspürt – jedenfalls keine, die sich in den Zuschauerzahlen oder im Dauerkartenverkauf widergespiegelt hätte.“

Klub rätselt über die Gründe

Die Ursachenforschung des VfL hat aber offenbar noch kein Ergebnis erbracht. Schmadtke führt weiter aus: „Ich weiß nicht genau, woran das liegt. Die Erklärung, dass die Menschen nach den zwei Relegationen zuvor den VfL ein bisschen leid waren, lasse ich nicht mehr gelten. Zumal die Unterstützung während der Relegation relativ groß war, wir mit Bruno Labbadia danach erfolgreichen Fußball gespielt haben – und wir dann 13 Spieltage lang in der abgelaufenen Saison nicht verloren haben.“ Dafür sei eben ein bisschen wenig passiert und der Klub müsse sich Gedanken machen, woran das liege.

„Der VfL braucht ein vom sportlichen Erfolg unabhängiges Leitbild.“ Darin sind sich die Verfasser der VfL-Vision einig. Sie schreiben: „Fans mögen den VfL. Weil er so ist – obwohl er so ist.“ Bebnowski rät: „Wolfsburg muss in seiner Einzigartigkeit verstanden werden. Die Stadt ist nicht nur der Standort von VW. VW ist hier nicht wie ein Raumschiff gelandet, sondern von den Menschen aus Wolfsburg zu dem gemacht worden, was es ist.“

„Leitbilder für eine breite Fan-Basis“

Zwei aus der Fanszene heraus entstandene Slogans drücken diese Verbindung seiner Meinung nach treffend aus. „Werk, Stadt, Verein“ und „Arbeit, Fußball, Leidenschaft“. Das seien Werte, die das Zeug haben, einer breiten Fan-Basis als Leitbilder zu dienen.

Dass sich bereits bemerkbar macht, dass Mutterkonzern VW aufgrund der Diesel-Affäre und nun aufgrund der Corona-Krise sein Tochterunternehmen VfL nicht mehr so finanzstark wie ums Meister-Jahr (2009) und Pokalsieger-Jahr (2015) herum ausstatten kann, sieht Bebnowski nicht als Nachteil an. In weniger erfolgreichen Jahren sei der VfL oft zur „Lachnummer“ verkommen, wenn die Wirklichkeit den Ansprüchen nicht standhielt. „Der VfL verbrennt Geld“ – diesen Vorwurf habe der Klub oft hören müssen. In der Visions-Präsentation heißt es dazu: „Nur in sportlichen Glanzzeiten gelingt es dem VfL mit seiner Ausrichtung, Sympathien zu erringen. Denn nur dann steht der immense Aufwand in einem gesunden Verhältnis zum Ertrag.“

„Der richtige Mix“ macht es

Dass zur dauerhaften Identifikation geeignete Leitbilder allein nicht ausreichen, ist Bebnowski klar. „Ein Mix aus der richtigen Vision und aus Erfolg ist erforderlich.“ Diese Vision auch den Spielern zu vermitteln, gehöre jedoch unbedingt dazu. Wout Weghorst, Maximilian Arnold und Xaver Schlager zählt er als positive Beispiele für die Verkörperung der VfL-Vision auf. Mit Hilfe solcher Transfers könne der VfL ein Narrativ entwickeln, das geeignet sei, die Kultur des Klubs zu transportieren.

Die VfL-Vision der Bebnowski-Geschwister und Sanders enthält sechs konkrete Vorschläge, wie Sympathien zurückgewonnen werden können. Diese lauten:

Identifikation auf allen Ebenen stärken, in dem die Werte des VfL „vom Praktikanten bis zum Stürmerstar“ allen vermittelt werden.

Nachhaltigkeit in der Klubführung schaffen, die unabhängig von wechselnden Personen ist.

Im Marketing die Verbindung zwischen „Werk, Stadt, Verein“ regelmäßig stark in den Fokus stellen.

Die Kommunikationsstrukturen zwischen VfL und VW optimieren.

Das Wir in den Vordergrund stellen. Daraus kann eine Identität entstehen, die den VfL nicht nur lokal, sondern auch international zu einem authentisch wahrgenommenen Fußballverein macht.

Der Häme und dem Spott von Fans anderer Klubs mit Selbstbewusstsein und Selbstironie begegnen. „Die VfL-Fans haben dies bereits verstanden.“

Fan-Rat als „wichtiges“ Instrument

Bebnowski und seine beiden Mitstreiterinnen verhehlen jedoch nicht, dass es bereits auch positive Ansätze beim VfL gibt, um die Identifikation mit dem Klub wieder zu steigern. „Ein wichtiger Punkt ist die Einführung eines Fan-Rats“, lobt Bebnowski. Als mittlerweile in Berlin lebender Familienvater habe er nicht mehr die Zeit, überall aktiv in der Fanszene mitzuarbeiten. „Die Frage ist nur: Wie wird dieses Projekt umgesetzt?“ Bebnowski hofft, dass die Fans von diesem Instrument rege Gebrauch machen und dass sie auch einen Ansprechpartner im Verein finden, der ihnen entsprechend Gehör schenkt. „Dann kann ein Prozess gestartet werden.“

Das sei auch nötig. Im Grunde bedürfe es ständiger Anstrengungen, damit der VfL die Verbindung zu seinen Fans neu aufbaue und nicht (wieder) verliere. Ganz besonders in Corona-Zeiten, in denen der Stadionbesuch ausfalle und der direkte Kontakt zu den Spielern fast unmöglich sei.

„Verein kommt Verantwortung nicht nach“

„Überall“, erklärt Bebnowski, „sind die Fans im Moment etwas auf Distanz zum Fußball.“ Das könne sich „stark bemerkbar machen“, wenn man als Klub nicht – wie Bayern München zum Beispiel – von ganz oben komme. „Dagegen muss man als Verein anarbeiten.“ Das werde beim VfL auch teilweise getan. „Es gibt Leute im Verein, die das erkennen und andere Wege gehen wollen. Trotzdem geht es meiner Meinung nach derzeit nicht gut genug voran.“

Weil, und da schließt sich für Bebnowski und Co. der Kreis, längst nicht alle das Problem erkannt haben. „Wir haben leider nie eine Resonanz vom VfL auf unsere Vision bekommen. Wir sind für einen Dialog immer zu haben. Im Moment jedenfalls habe ich das Gefühl, dass der Verein seiner Verantwortung, Identifikation aufzubauen, nicht nachkommt. Dieser Bereich konnte mit den durchaus vorhandenen sportlichen Erfolgen der vergangenen beiden Jahre nicht Schritt halten. Hier wird wieder eine Chance vergeben“, sagt Bebnowski.

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