Leichtathletik-DM: Krauses Tränen vor dem Fernsehen geschützt

Braunschweig.  Die Freiwilligen aus Braunschweig haben bei den Titelkämpfen im Eintracht-Stadion viel erlebt, viel gelernt und trotz Hitze viel Spaß gehabt.

Die Eintracht-Athleten als Helfer: (hinten von links) Simon Bahnmüller, Emily Kühn, Marc Müggenburg, Torben Gottwaldt, (vorne) Anielle Krug; Antonia Ullrich; Beatrice Koch; Maja Lüttge. Es fehlt Lina Gottwald.

Die Eintracht-Athleten als Helfer: (hinten von links) Simon Bahnmüller, Emily Kühn, Marc Müggenburg, Torben Gottwaldt, (vorne) Anielle Krug; Antonia Ullrich; Beatrice Koch; Maja Lüttge. Es fehlt Lina Gottwald.

Foto: Verein

Während für manche Athleten die deutschen Meisterschaften im Eintracht-Stadion schnell vorbei waren, war von den freiwilligen Helfern mehrere Tage Durchhaltevermögen und Hitzeresistenz gefragt. Doch das konnte ihren Enthusiasmus nicht trüben.

Rund 80 Helfer, größtenteils aus Braunschweig, waren am Wochenende am Start. Dazu kamen Kampfrichter. Auch hier galt: Ihre Zahl wurde heruntergeschraubt, weil ja nur 999 Personen im Stadion sein durften. „Vergangenes Jahr in Berlin hatten wir rund 350 Kampfrichter und Volunteers“, verdeutlicht DLV-Eventdirektor Marco Buxmann. „Diesmal sind es nur 200, so wenige wie noch nie – da gibt es natürlich mehr Arbeit für die einzelnen.“

Vier Tagesschichten zwischen 10 und 13 Stunden

Für Agathe Schlieckmann bedeutete dies seit Donnerstag vier Tagesschichten zwischen 10 und 13 Stunden. Die Kreisvorsitzende der Braunschweiger Leichtathleten war vom NLV als Obfrau für die Mitarbeiter eingesetzt worden.

Sie verteilte von ihrem Stand unter der Tribüne an der Hamburger Straße aus an alle Akkreditierungen, Kleidung, Masken, Lunchpakete. Sie schleppte Getränkekästen, sammelte Leergut ein. Es war fast immer etwas zu tun – immerhin im Schatten. „Ich glaube, ich hatte den besten Arbeitsplatz der Welt“, sagte sie. „Manchmal wehte sogar ein Lüftchen.“

Nächstes Jahr mit Videoschirm

Allerdings gab es auch eine weitere Schattenseite bei ihrem Ehrenamt: „Vom Sport habe ich leider fast nichts mitgekriegt“, sagte sie bedauernd und wünscht sich fürs nächste Mal einen Videoschirm für die Mitarbeiter, auf denen auch sie die Wettkämpfe verfolgen können.

Ab und zu stahlen sich Schlieckmann und andere in Pausen mal auf die Ränge oder von ihrem Arbeitsraum an die Bahn, was nach den strengen Hygieneregeln, wonach sich jeder im Stadion nur in festen Bereichen aufhalten durfte, nicht so richtig erlaubt war.

Aber dort erlebte die Braunschweigerin ihren emotionalen Höhepunkt der DM. Als sie beim 3000-m-Hindernislauf zusammen mit einer Kollegin dem Wasser verteilenden Kollegen Nachschub brachte, stieg direkt vor ihnen Gesa Krause mit Muskelproblemen aus dem Rennen aus.

Rettungstat mit Rüffel

„Sie war so enttäuscht und ist heftig in Tränen ausgebrochen, und die Kameraleute des Fernsehens kamen angerannt und wollten das filmen“, erzählt Schlieckmann. „Wir hatten so ein Mitleid mit ihr und haben sie durch den Gang rausgeleitet und sie praktisch vor dem Fernsehen in Schutz genommen.“ Verboten, natürlich. Denn die Athleten sollten den Innenraum auf einem vorgeschriebenen Weg verlassen. „Aber wir haben es mit gutem Gewissen getan“, betont die Braunschweigerin. Den anschließenden Rüffel habe man dann eben ertragen.

Auf der anderen Seite des Stadions war Ulrich Sonntag eingesetzt. Der Braunschweiger, auch Vizepräsident des Landes-Kanuverbandes und somit veranstaltungserprobt, hatte es mit seinen Mitstreitern an der Ausgabe der Startnummern und -karten weniger schattig. „Ich habe praktisch die Hälfte der Sportler begrüßt“, berichtet er stolz, denn er teilte sich den Job mit einer Kollegin, reichte den Athleten auch kleine Fläschchen Desinfektionsspray oder Getränke.

„Körperlich eine ganz schöne Belastung“

„Die waren alle sehr gut drauf, hatten sehr viel Verständnis für die Hygiene-Maßnahmen und große Freude, dass sie endlich einen Wettkampf machen durften“, erzählt Sonntag. Schwierigkeiten, irgendwelche Auseinandersetzungen, habe es überhaupt nicht gegeben. Und auch seine Frau, die auf der Aufwärmanlage unter anderem fürs Desinfizieren der Hürden und Startblöcke zuständig war, habe nichts Negatives erlebt.

Es sei wichtig, dass die Menschen auch in der Krise zusammenkämen, resümierte der 67-Jährige und begrüßte deshalb die Austragung dieser Corona-DM ausdrücklich. „Uns hat es rund um Spaß gemacht, - körperlich war es aber eine ganz schöne Belastung, in den stickigen Zelten zu sitzen.“

Sechs Eintracht-Jugendliche dabei

Die dürfte bei einer Gruppe von Eintracht-Leichtathleten noch deutlich höher gewesen sein. Aber die waren auch viel jünger. Wegen der Corona-Gefahr sollten die Freiwilligen bei dieser DM eigentlich volljährig sein. Doch sechs jugendlichen Braunschweiger ließen sich nicht abhalten und klotzten mit ihren drei älteren Mitstreitern richtig rein.

So hart, dass sie sogar der Crew von Stadionchef Stephan Lemke Arbeit abnahmen und den herangefahrenen Sand in der Sprunggrube verteilten. „Das war uns gar nicht aufgefallen, dass das gar nicht unser Job war“, lacht Sportwart Simon Bahnmüller. „Praktisch alles, was da im Stadion stand, hatten wir seit Mittwoch aufgebaut.“

Wettkämpfe mit halben Auge verfolgt

An den Wettkampftagen arbeiteten die Einträchtler dann im Kleiderdienst oder als Kampfrichter. Letztere wurden mit zwölf Euro pro Tag entlohnt, Volunteers bekamen zwei T-Shirts, Essen und Getränke. „Wir waren die Springer, die überall mit angepackt haben, wo es gerade brannte“, erzählt Bahnmüller. Seine Gruppe stellte Hürden auf, baute Sektoren um, trug den Läufern die Körbe mit ihren Klamotten vom Start zum Stadionausgang oder tauschte beim Weitsprung die Plastilinbalken aus.

Alle waren nah am Geschehen und konnten mit einem halben Auge auch die Wettkämpfe verfolgen. Nur Lina Gottwald nicht, die sich damit das Mitleid Bahnmüllers verdiente, weil sie außerhalb des Ovals die Startkarten der Athleten entgegen nahm und den Medaillentisch betreute, wo sich die Erstplatzierten ihr Edelmetall selbst nehmen mussten.

Die Tage im Stadion seien toll gewesen, resümiert der Eintracht-Sportwart. „Klar war es ein bisschen ätzend, bei der Hitze und in der prallen Sonne immer und überall mit Maske rumlaufen zu müssen“, räumt er ein. „Aber am Ende hat man das fast gar nicht mehr gemerkt, und bei Regen hätte es bestimmt nicht so viel Spaß gemacht.“

Großer Lerneffekt für die Helfer

Das Eindrucksvollste aber sei der Lerneffekt gewesen. Die jungen Athleten hätten sich gut abschauen können, wie die Profis sich vorbereiten und zwischen den Durchgängen verhalten. „Ich hätte nicht gedacht, dass so eine Meisterschaft so viel Arbeit ist, Respekt“, sagt Bahnmüller. Es habe sich gelohnt, dabei zu sein und das ganze System kennenzulernen. „Was da abging die letzten fünf Tage, war Wahnsinn“, schwärmt er. „Wie viele Köpfe dahinter stecken und sich für jede einzelne Anlage Gedanken machen, wo die wie aufgebaut wird.“

Eine Wiederholung bei der DM im nächsten Jahr wäre für ihn aber trotzdem nur die zweitbeste Option: „Eigentlich wollen wir mit der Sprintstaffel selbst teilnehmen.“

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