Charly Handschuh sah rot – und Eintracht verlor die Meisterschaft

Braunschweig.  Einen Punkt lag Eintracht Braunschweig 1977 hinter der Tabellenspitze. Dann wurde Spielmacher Charly Handschuh gesperrt – zu unrecht wie viele meinen.

Genialer Taktgeber der Eintracht: Karl-Heinz Handschuh fehlte 1977 im Endspurt um die Meisterschaft wohl zu lange.

Genialer Taktgeber der Eintracht: Karl-Heinz Handschuh fehlte 1977 im Endspurt um die Meisterschaft wohl zu lange.

Foto: imago sportfotodienst / imago/Horstmüller

Karl-Heinz „Charly“ Handschuh ist empört, als er im Jahr 1977 vor dem Sportgericht des Deutschen Fußball Bundes (DFB) sitzt. „Ich bin aufgesprungen und habe gefragt, was für ein Spiel hier gespielt wird“, erinnert sich der ehemalige Spielmacher von Eintracht Braunschweig. Eine Zeugenaussage manifestiert in diesem Moment eine Sperre von acht Spielen, die ihm auferlegt wird – und Eintracht Braunschweig womöglich den zweiten Deutschen Meistertitel gekostet hat. Die Protagonisten von damals sind sich einig: Die rote Karte, die zu der Sperre geführt hat, ist unberechtigt.

„Wir hätten in diesem Jahr eigentlich Meister werden müssen“, erinnert sich Bernd Franke, der damals das Braunschweiger Tor hütete, „aber mit Charly haben wir unseren Regisseur verloren.“ Die Deutsche Meisterschaft 1967 ist der größte Erfolg in der Geschichte von Eintracht Braunschweig und der ganze Stolz der Fans der Blau-Gelben. Jede Gelegenheit nutzen die Anhänger, um an den Triumph von Horst Wolter, Joachim Bäse, Jürgen Moll und Co. zu erinnern, ihn zu bejubeln. Zehn Jahre nach dem Coup von Trainer Helmuth Johannsen – in der Saison 1976/77 – ist die Eintracht drauf und dran, den wohl begehrtesten Titel im deutschen Sport erneut nach Braunschweig zu holen. Und dann sieht Karl-Heinz Handschuh rot. In einem Nachholspiel des 18. Spieltags am 1. März 1977 bei Eintracht Frankfurt stellt Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder den Eintracht-Spielmacher vom Feld. Es ist der erste Platzverweis in Handschuhs Profilaufbahn.

Handschuh: „Er ließ sich direkt fallen“

Die Blau-Gelben stehen zu diesem Zeitpunkt einen Punkt hinter Spitzenreiter Borussia Mönchengladbach. Und Charly Handschuh zieht die Fäden im Eintracht-Spiel. Doch nun muss der Mittelfeldmotor zuschauen. „Die rote Karte war nicht gerechtfertigt. Wir haben uns damals sehr geärgert“, sagt Franke noch heute.

Auch Handschuh selbst dreht sich 43 Jahre später noch immer der Magen um, wenn er an die Szene denkt. Die Frankfurter bemühen sich in dieser Partie, den Gästen aus Braunschweig schnell den Schneid abzukaufen – mit mal mehr und mal weniger legalen Mitteln. Irgendwann geraten Wolfgang Kraus und Karl-Heinz Handschuh am Strafraum aneinander. Der Frankfurter grätscht dem Braunschweiger in den Knöchel. Handschuh echauffiert sich über das Foul. Dann geht Kraus plötzlich zu Boden. Im Nachklang ist über die Szene zu lesen, er habe seinen Gegenspieler gewürgt und an den Haaren gerissen. Alles Quatsch, befindet Handschuh: „Ich habe mit den Händen gefuchtelt und gesagt: ,Bist du verrückt, mich von hinten umzugrätschen?’ Vielleicht habe ich ihn dabei leicht erwischt. Aber er ließ sich direkt fallen“, erinnert sich der heute 72-Jährige, der kurz zuvor schon einmal von Kraus niedergestreckt worden war.

Die fußballerische Revolution unter Branko Zebec

Der Linienrichter ist es schließlich, der den Schiedsrichter auf die Szene hinweist „und der stellt mich vom Platz“, sagt Handschuh. Und ohne den Dirigenten läuft es nicht mehr bei der Eintracht. Die Mannschaft hat sich unter Trainer Branko Zebec zum Spitzenteam gemausert. Auch weil sie sich von einem taktischen Korsett emanzipiert hat, spielt sie in der Spitzengruppe mit. Der Coach etabliert in Braunschweig die Raumdeckung. Und das zu einer Zeit, als diese Variante noch so unpopulär ist wie rasiertes Brusthaar und sämtliche Fußballer dem Zwang der Mann-gegen-Mann-Verteidigung so sehr unterliegen, dass sie ihrem Gegenspieler notfalls bis aufs Klo folgen würden.

Die Blau-Gelben wechseln während einer Partie die Systeme. Viererkette, Dreierkette, die Außenverteidiger arbeiten in der Offensive mit. Was heute im Fußball so normal ist wie Zähne putzen, ist in den Siebzigerjahren revolutionär. Um seiner Mannschaft auch weiter helfen zu können, reist Charly Handschuh zur Verhandlung zum DFB-Sportgericht – wie sollte es anders sein – nach Frankfurt. Da würde diese Ungerechtigkeit doch wohl aufgedeckt werden. Mitnichten.

Empörung im Verhandlungssaal

Dabei hat der gebürtige Reichenbacher sich zuvor noch rückversichert, jeden Zweifel an seiner Unschuld ausgeräumt. Dachte er zumindest. „Ich habe vorher noch mit Wolfgang Kraus telefoniert. Er versicherte mir, dass ich ihn nicht umgestoßen oder an den Haaren gerissen hatte“, sagt Handschuh. Kurz vor der Verhandlung sieht er Kraus noch in Frankfurt, als dieser gerade in die Geschäftsstelle der Frankfurter Eintracht geht. Kraus begegnet dem Braunschweiger mit einem breiten Grinsen – und in Handschuh macht sich plötzlich Unwohlsein breit.

Die Verhandlung beginnt zunächst ohne Kraus, den Handschuh eigentlich als Zeugen vorbringen will. Der erste Linienrichter sagt, er habe die Szene nicht sehen können, weil er zu weit entfernt stand. Der zweite Linienrichter sah Kraus zu Fall kommen und dachte, Handschuh habe ihn gefoult. Und der Schiedsrichter? Der verließ sich auf seinen Assistenten, erinnert sich Handschuh. Plötzlich schwingt die Tür des Sitzungssaals auf. Wolfgang Kraus kommt herein. „Er sagte dann: ,Ich habe Handschuh zwei Mal gefoult. Beim zweiten Mal ist er aufgesprungen, hat mich an den Haaren gezogen und mich zu Boden gerissen’“, erinnert sich Handschuh. Eintrachts Mittelfeldspieler fällt es schwer, seinen Ohren zu trauen.

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Komplott gegen Handschuh?

Er fühlt sich betrogen, springt auf, lässt seiner Empörung freien Lauf. Ist er ein Prügelknabe in einem abgekarteten Spiel? Sogar einen Komplott gegen die Braunschweiger Eintracht schließt er nicht aus. Schließlich greifen die Frankfurter in dieser Saison auch noch in den Kampf um die Deutsche Meisterschaft ein. Fernsehbilder zieht der DFB damals noch nicht zur Aufklärung trüber Beweislagen heran. Es zählen die Aussagen der Beteiligten.

Später, so Handschuh, habe Kraus seine Falschaussage gegenüber Wolfgang Dremmler, der 1976/77 auch im Eintracht-Kader steht, zugegeben. All das hilft aber nicht mehr. Handschuh kann acht Spiele lang nicht mehr eingreifen. In diesen Wochen holen die Blau-Gelben bei der damaligen Zweipunkteregelung nur 8:8 Punkte. „Dadurch haben wir die Meisterschaft verloren“, ist sich Handschuh, der in 358 Bundesliga-Spielen nur zwei Mal vom Platz flog, noch heute sicher. Auch Gladbach schwächelt auf der Zielgeraden. Nach dem letzten Spieltag liegen die Fohlen dennoch an der Spitze der Tabelle. Eintracht Braunschweig muss sich mit Platz drei begnügen – einen Punkt hinter dem Meister. Daran kann auch Handschuhs Mitwirken in den finalen drei Saisonspielen nichts mehr ändern. Wer weiß, vielleicht hätte die Zebec-Truppe ohne die Sperre von Charly Handschuh ein paar Zähler mehr auf dem Konto gehabt. Dann hätten die 67er Gesellschaft auf dem Braunschweiger Sportolymp bekommen – und die Eintracht-Fans einen weiteren großen Triumph zu bejubeln.

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