Prozess um Vergewaltigung: „Die Beziehung war toxisch“

Salzgitter.  Eine Beziehung zwischen Alkohol und Gewalt – der Prozess um das mutmaßliche Martyrium einer Frau in Salzgitter steht vor dem Abschluss.

Ein 46 Jahre alter Mann soll seine Partnerin geschlagen und vergewaltigt haben. Das mutmaßliche Opfer schildert eine zehnjährige Leidenszeit mit Alkohol und Gewalt. Das noch ausstehende Gutachten einer Aussage-Psychologin dürfte entscheidende Bedeutung in dem Verfahren haben.  (Symbolbild)

Ein 46 Jahre alter Mann soll seine Partnerin geschlagen und vergewaltigt haben. Das mutmaßliche Opfer schildert eine zehnjährige Leidenszeit mit Alkohol und Gewalt. Das noch ausstehende Gutachten einer Aussage-Psychologin dürfte entscheidende Bedeutung in dem Verfahren haben. (Symbolbild)

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Im Prozess vor dem Landgericht, der um ein mutmaßlich zehn Jahre währendes Martyrium einer Frau (29) kreist, scheint die Beweisaufnahme nach fünf Verhandlungstagen nahezu abgeschlossen. Dem früheren Partner der Frau (46), werden sechs Taten, darunter zwei Vergewaltigungen sowie mehrere, teils gefährliche Körperverletzungen vorgeworfen. So soll der Angeklagte im Juni 2015 gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin in einem Waldstück in Salzgitter gehaust haben. Nach dem Genuss erheblicher Mengen Wodka habe er sie im Juni 2015 geschlagen und zweimal zum Geschlechtsverkehr gezwungen, so ein Anklagevorwurf.

Das, so schilderte es die Frau dem Gericht, war nur die Spitze eines Eisbergs. An drei Tagen wurde sie befragt – ihre Schilderungen waren teils mehr als beklemmend und mündeten in einen Zusammenbruch der Zeugin.

Röntgenbild zeigt Projektil im Kopf

Der Angeklagte soll ihr ein Druckluft-Projektil in den Kopf geschossen haben. Der Frau wurden die Zähne ausgeschlagen, sie hat zwei künstliche Hüften und offenbar zwei Kinder verloren. Doch bei vielen Verletzungen ist nicht zu belegen, woher sie rühren. Viele der mutmaßlichen Taten könnten sich in der polnischen Heimat des Paares zugetragen haben, das 2013 nach Salzgitter kam und dort in einem Strudel aus Alkohol und Gewalt teilweise sogar auf der Straße lebte.

Zeugin bezweifelt Opfer-Schilderung

Eine Trinkgefährtin der beiden aus der Zeit in Salzgitter äußerte am Freitag vor der vierten großen Strafkammer Zweifel an der Darstellung der Frau. Sie schildert das mutmaßliche Opfer als „manipulativ“. Das Paar habe ständig zusammen gezecht und gestritten. „Das ging von beiden Seiten aus.“ Damit stützt sie im Grundsatz die Aussage des Angeklagten, der eingangs des Verfahrens erklärte, die Gewalt sei immer wechselseitig erfolgt.

Dass die Zeugin eine eigene Agenda verfolgt oder Angst vor dem Angeklagten hat, stritt sie auf Nachfrage des Vertreters der Nebenklage ab. „Ich will nur sagen, wie es war. Ganz neutral.“ Ihre Darstellung bezog sich zumeist auf den Leumund des mutmaßlichen Opfers, von der die Zeugin sagt: „Sie hat selbst viel getrunken“ und habe dann seltsame Dinge getan. „Die Beziehung war für beide ungesund. Sie war ihm hörig, er war abhängig von ihr. Die hatten nichts zu verlieren. Die existierten nur“ – und sie tranken. Doch wie tief kann jemand von außen in so eine Beziehung hinein schauen?

Eine weitere Zeugin nannte die „Liebe“ des Paares „toxisch“. Sie half der Frau letztlich, als sie sich vom Angeklagten trennte. Und die Ketten löste, die das Paar zusammenhielt.

Aussage-Gutachten ist entscheidend

Die ihm zur Last gelegten Taten bestreitet der 46-Jährige, der in Untersuchungshaft sitzt, seit Polen ihn ausgeliefert hat. Wenn er sie beging, dann möglicherweise in einem Zustand alkoholbedingt eingeschränkter Schuldfähigkeit, äußerte ein Gutachter.

Am kommenden Verhandlungstag bewertet eine Aussage-Psychologin die Schilderung der Hauptbelastungszeugin. Ihrem Gutachten kommt eine tragende Rolle zu. Ist das mögliche Opfer glaubwürdig und ihre Aussage glaubhaft? Vor allem hinsichtlich des Tatvorwurfs der Vergewaltigung wird das entscheidend sein. Denn in dem Gebüsch am Ufer der Fuhse in Lebenstedt war außer dem Paar wohl niemand anderes. Anfang November soll das Urteil ergehen.

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