Salzgitteraner Schulleiterin will Stadtteilarbeit stärken

Lebenstedt.  Verena Akkermann, seit einem Jahr Leiterin des Gymnasiums Am Fredenberg, will Arbeiterkinder besser fördern und Spanisch als neues Fach anbieten.

Schulleiterin Verena Akkermann hofft darauf, dass bald insbesondere die energetische Sanierung des GAF in Angriff genommen wird.

Schulleiterin Verena Akkermann hofft darauf, dass bald insbesondere die energetische Sanierung des GAF in Angriff genommen wird.

Foto: Bernward Comes / Salzgitter Zeitung

Verena Akkermann ist seit dem 1. Februar 2018 Schulleiterin des Gymnasiums Am Fredenberg (GAF). Im Interview mit Redakteur Jürgen Stricker spricht sie über ihr erstes Jahr in Salzgitter, Veränderungen an der Schule, Herausforderungen und Zukunftspläne.

Sie sind seit gut einem Jahr Schulleiterin des GAF, was haben Sie in dieser Zeit an der Schule verändert?

Zuvor war ich ja bereits Schulleiterin, in Fallersleben. Wenn man zum zweiten Mal in einer solchen Funktion startet, hat man nicht das Gefühl, eine Agenda abarbeiten zu müssen. Mein Ziel war es, im ersten Jahr erst einmal anzuschauen, was hier wie läuft.

Haben Sie denn Unterschiede zum Gymnasium in Fallersleben feststellen können?

Das GAF ist eine ganz andere Schule, mit ganz anderer Schülerschaft und ganz anderer Elternschaft. Und die Stadt als Schulträger interessiert sich unglaublich für die Schule und den Stadtteil. Ich kann in der Verwaltung auch schnell einmal anrufen und über ein Problem sprechen. Das kannte ich alles vorher so nicht.

Was meinen Sie damit, dass sich Schüler- und Elternschaft unterscheiden?

Es gibt hier den Begriff der Schulfamilie, an den ich mich immer noch nicht ganz gewöhnt habe, der aber treffend ist. Schüler, Eltern, Lehrer, Schulleitung. Alle stehen sie gemeinsam hinter der Schule. Um auf die Unterschiede zu kommen: Wir heißen nicht nur Gymnasium am Fredenberg, sondern sind hier eben auch am Fredenberg. Hier gibt es viele Schüler aus bildungsfernen Familien oder Familien, die Transferleistungen beziehen. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass auch gerade Kinder aus diesen Familien Chancen haben. Das ist auch eine Stärke unserer Schule, das hinzubekommen. Viele unserer Schüler kennen zum Beispiel kaum kulturelle Angebote. Das zu ändern und hier gemeinsam Angebote zu entwickeln, macht große Freude.

Wie sieht das konkret aus?

Bisher gab es beispielsweise einen großen Kulturabend an der Schule im Mai, bei dem Theater gezeigt wurde und sich Chorklassen präsentiert haben. In diesem Jahr gab es zum ersten Mal auch einen kleinen Kulturabend im Februar. Hier haben sich Musik auf Bratsche, Cello und Klavier abgewechselt mit Lesungen von Sprachlernschülern, die Texte über ihre Heimatländer vorgetragen haben, in denen es etwa um den Krieg in Syrien ging.

Kommen zu solchen Veranstaltungen auch die Eltern, gerade aus den von Ihnen angesprochenen bildungsferneren Familien?

Hier braucht es noch viel mehr Kooperationsprojekte im Stadtteil, um die Eltern besser zu erreichen und Hemmschwellen abzubauen, damit sie auch in die Schule kommen. Wie etwa ein Projekt unserer Schule mit dem Awista-Stadtteiltreff, was uns hilft, engere Kontakte zu knüpfen zu Familien mit Migrationshintergrund. Oft kommen Eltern zum Beispiel gar nicht zu den Elternabenden, weil sie die Sprache nicht verstehen. Dabei wollen wir uns gerne mit den Eltern darüber austauschen, wie sie ihre Kinder unterstützen können bei den Hausaufgaben. Oder darüber, dass nicht jedes Kind Abitur machen muss, sondern Kinder die Schule beispielsweise auch mit einem erweiterten Sekundarabschluss 1 oder der Fachhochschulreife verlassen und dann auch studieren können. Oft denken Eltern auch, dass ihre Kinder nicht studieren können, weil die Familien kein Geld haben. Was wir im Frühjahr deshalb zum ersten Mal gemacht haben, ist eine Informationsveranstaltung mit dem Verein Arbeiterkind. Hier sind Menschen ehrenamtlich aktiv, die selbst als erste in ihren Familien überhaupt Abitur gemacht haben. Die Mitglieder dieses Vereins beraten auch zu Stipendien. Es gibt beispielsweise spezielle Stipendien gerade auch für Kinder aus ärmeren Familien oder solchen mit Migrationshintergrund. Da kommt es nicht nur auf die Noten an. Nach einem Jahr am GAF sehe ich, dass die Stadtteilarbeit einer meiner Schwerpunkte in den nächsten Jahren sein wird, um mit den Eltern und Familien besser ins Gespräch zu kommen.

Eine multikulturelle Schülerschaft wie am GAF kennen Sie auch von anderen beruflichen Stationen. Haben Sie in Salzgitter Besonderheiten feststellen können?

Das stimmt, unter anderem kenne ich solche Schülerschaften aus Darmstadt und Wolfsburg. Ich bin derweil verwundert, dass sich die Einstellung von Schülerschaft und Elternschaft in einigen Bereichen verändert hat. So bin ich überrascht, dass muslimische Schüler anlässlich des Fastenmonats Ramadan auch während der sechsstündigen Abiturklausuren fasten. Sechs Stunden lang nehmen sie dann auch keinen Tropfen Wasser zu sich. Eigentlich sehe ich den Islam als offene und tolerante Religion, weshalb ich über diese strenge Art des Fastens verwundert bin. Ich möchte darüber mit den Moscheegemeinden in Salzgitter ins Gespräch kommen, dass die Fastenregeln zumindest in solchen Situationen etwas gelockert werden können.

Kleiner Kulturabend, eine Infoveranstaltung für Arbeiterkinder. Im ersten Jahr haben Sie also doch nicht nur geschaut, was am GAF läuft, sondern auch etwas angestoßen. Gibt es dafür weitere Beispiele?

Als ich kam, gab es auch umstrittene Themen in der Lehrerschaft, etwa den von meiner Vorgängerin Andrea Bese eingeführten, wichtigen Ganztag. Hier haben wir festgestellt, dass wir dringend eine Hausaufgabenbetreuung brauchen, die wir ein halbes Jahr nach meinem Dienstbeginn eingeführt haben. Wir haben Oberstufenschüler ausgebildet, die jetzt unter pädagogischer Aufsicht die Hausaufgabenbetreuung übernehmen und dafür auch Geld bekommen. Für die betreuten Kinder ist es super, wenn sie den ganzen Tag nicht nur Lehrer als Ansprechpartner haben. Die Schule auch als Lernort nach Schulschluss ist für viele Kinder wichtig, weil nicht alle zuhause ein eigenes Zimmer mit Schreibtisch geschweige denn einen eigenen Computer haben. Auch der Profil- beziehungsweise Wahlpflichtunterricht war im Kollegium umstritten. Es gibt bei uns die drei Profile Theater, Gesellschaftswissenschaften und Naturwissenschaften. Da kann es auch einmal um Robotik oder Astronomie gehen. Themen, die sonst nicht im Unterricht vorkommen, aber für die Schüler ein großer Gewinn sind. Damit es diesen Profilunterricht überhaupt geben kann, muss bei anderen Fächern ein wenig gekürzt werden. Schließlich ist es bei der Beibehaltung dieses Profilunterrichts geblieben, weil er auch ein total großer Gewinn für die Schüler ist.

Was steht noch an Neuerungen an?

Ich hoffe, dass bald ein Trinkwasserspender aufgestellt werden kann. Hier muss das Gesundheitsamt noch grünes Licht geben. Finanziert worden ist er aus dem Sponsorenlauf 2018 anlässlich des 50-jährigen Schulbestehens. Außerdem möchte ich einen Wandertag für die ganze Schule organisieren. Wobei der Begriff wandern hier weit gefasst ist. Wir wollen in eine Großstadt wie Hamburg oder Bremen fahren und uns dort aufteilen. Jüngere Schüler machen beispielsweise eine Stadtrallye, andere gehen etwa in eine Museum.

Sind auch Neuerungen bei den Unterrichtsfächern geplant?

Spanisch soll als neuer Akzent dazukommen. Möglich ist das, weil mein neuer Stellvertreter Jens Kobilke Spanischlehrer ist. Und weil wir seit dem 1. Februar mit Berna Gülşen eine weitere neue Kollegin haben, die neben Erdkunde- auch Spanischlehrerin ist. Wenn das Ministerium die Genehmigung erteilt, wovon ich ausgehe, können wir Spanisch ab dem kommenden Schuljahr als Unterrichtsfach für die Jahrgang 6 und vielleicht auch für den Jahrgang 11 anbieten.

An vielen Schulen in Salzgitter gibt es Sanierungsstau. Wie zufrieden sind Sie denn mit dem baulichen Zustand des GAF?

Morgens fahre ich den Hans-Böckler-Ring entlang zur Arbeit und sehe eine super renovierte Realschule, dann die Hauptschule und die BBS Fredenberg, die ebenfalls sehr schön saniert sind. Und dann kommt, wie die Schüler unsere Schule auch nennen, der Bunker. Das Erscheinungsbild ist von außen nicht schön, ein Problem ist hier aber vor allem der Taubenkot, den die Vögel überall hinterlassen, die in offenen Schächten im gesamten Schulgebäude hausen. Das ist vor allem auch ein hygienisches Problem. Mindestens ebenso drängend sind allerdings eine energetische Gebäudesanierung und der Brandschutz. Was den energetischen Zustand angeht, so erhitzen sich viele Klassenräume oft so stark, dass man fast kaum noch darin unterrichten kann. In meinem Büro etwa liegt die Temperatur, wenn ich morgens ankomme, bei etwa 14 Grad Celsius und mittags, wenn die Sonne scheint, bei 28 Grad. Das ist auch in vielen Klassenräumen so, zumal der Sonnenschutz teils defekt ist. Es gibt ein ernsthaftes Bemühen der Stadt, die Probleme zu lösen, wenngleich wir natürlich nicht die einzige Schule sind, an der Sanierungsarbeiten anstehen. Ich habe aber die Hoffnung, dass hier bald etwas passiert.

Fakten: Das Gymnasium Am Fredenberg (GAF) gibt es seit über 50 Jahren, es wurde 1968 gegründet. 550 Schüler besuchen das GAF. Sie werden von 50 Lehrern unterrichtet. Die Jahrgänge sind im Schnitt dreizügig.

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