Corona-Krise: Giffey dringt auf Zeitplan zur Kita-Öffnung

Berlin.  Franziska Giffey (SPD) fordert „konkrete Schritte noch im Mai“. Jedes Vorschulkind solle noch vor dem Sommer wieder in die Kita gehen.

In der Coronakrise: Kita zu, und nun?

Wir haben einige Tipps gesammelt, wie Kinder während der Betreuungskrise in Coronazeiten gut beschäftigt werden können.

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An diesem Mittwoch will die Kanzlerin mit den Regierungschefs der Länder neue Lockerungen in der Corona-Krise beschließen. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) weiß, wie dringend vor allem Eltern und Kinder auf einen Fahrplan für die nächsten Wochen warten. Und warum die Krise gerade für Frauen besonders riskant ist.

Frau Giffey, der Staat mutet den Familien gerade viel zu. Wer Kinder hat, erlebt die Einschränkungen doppelt hart. Ihr Sohn ist zehn Jahre alt, geht in die fünfte Klasse. Wie läuft es bei Ihnen zu Hause?

Franziska Giffey: Das ist auch bei uns nicht so leicht. Mein Sohn vermisst seine Freunde und wünscht sich, dass die Schule wieder losgeht. Wir kriegen jede Woche die Lernpakete, die abzuarbeiten sind. Und dann gibt es noch mal eine Videobotschaft der Lehrerin. Aber es ist nicht dasselbe wie regulärer Unterricht.

Wie lange müssen sich Eltern noch auf den häuslichen Ausnahmezustand einstellen – bis eine Impfung möglich ist?

Giffey: Das kann ja noch dauern, bis ein Impfstoff da ist. Wir müssen vorher Lösungen finden: Die Familien brauchen jetzt klare Perspektiven. Daher haben die Länder und wir als Bund ein Vier-Phasen-Modell für die Öffnung der Kitas entwickelt: Notbetreuung, erweiterte Notbetreuung, eingeschränkter Regelbetrieb, vollständiger Regelbetrieb. Jetzt geht es darum, konkrete Zeitpunkte festzulegen. Die Eltern wollen wissen, wann sie wieder den Kita-Rucksack packen können.

Die Kanzlerin konferiert an diesem Mittwoch mit den Ministerpräsidenten. Was soll dabei herauskommen?

Giffey: Ich hoffe, dass sich die Länder auf konkrete Zeitpunkte für die nächsten Stufen verständigen – die erweiterte Notbetreuung und auch den eingeschränkten Regelbetrieb in den Kitas und in der Kindertagespflege. Aus meiner Sicht müssen konkrete Schritte noch im Mai erfolgen.

Einige Länder preschen vor, wollen jetzt schon mit dem eingeschränkten Regelbetrieb beginnen …

Giffey: Wir müssen uns freimachen von der Vorstellung, dass alle Bundesländer hier zeitgleich und identisch vorgehen. Das Infektionsgeschehen ist von Region zu Region sehr unterschiedlich. Es muss die Möglichkeit geben, dass einige Länder schneller zu Phase drei übergehen.

Ein eingeschränkter Regelbetrieb könnte zum Beispiel allen Familien helfen, in denen beide Eltern berufstätig sind und die nicht im Homeoffice arbeiten können. Also auch der Verkäuferin im Einzelhandel, die mit dem Friseur verheiratet ist – und nicht nur denjenigen im systemrelevanten Bereich. Gerade für die Vorschulgruppen sind die letzten Kita-Wochen sehr wichtig. Jedes Vorschulkind sollte vor dem Sommer noch einmal in seine Kita gehen. Ohne einen ordentlichen Abschied von der Kita ist auch ein guter Anfang in der Grundschule nur schwer möglich.

Strikte Kontaktsperren wegen Corona-Pandemie bröckeln
Strikte Kontaktsperren wegen Corona-Pandemie bröckeln

Wie wirkt sich eine längere Kita-Pause auf die Entwicklung der Kinder aus?

Giffey: Ein Kind, das zu Hause gute Unterstützung bekommt, wird diese Zeit jetzt auch gut überstehen. Besonders trifft es allerdings die Kinder in sozial schwierigen Lagen oder die, die andere Hilfestellung brauchen, zum Beispiel bei der Sprachentwicklung. Sprachtherapeuten sagen uns, dass sie nach der aktuellen Zwangspause bei einigen Kindern von vorne anfangen müssen.

UN-Generalsekretär António Guterres hat vor einer „schrecklichen Zunahme“ häuslicher Gewalt während der Corona-Pandemie gewarnt. Wird seine Befürchtung wahr?

Giffey: Unser Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ verzeichnet keinen massiven Anstieg. Die Polizeistatistiken der Länder ergeben ein ähnliches Bild – mit Ausnahme von Berlin, wo wir eine Zunahme der häuslichen Gewalt um 30 Prozent haben. Aber auch wenn wir keinen Anstieg registrieren, muss das nicht heißen, dass da nichts ist. Die Experten in den Beratungsstellen erkennen gerade ein typisches Muster: In einer Krisensituation bleiben Frauen, die Gewalt erfahren, erst mal zu Hause – und melden sich erst später im Frauenhaus. Ich gehe von einer hohen Dunkelziffer aus. Auch bei häuslicher Gewalt gegen Kinder und Jugendliche.

Trifft Frauen die Krise härter?

Giffey: Wir erleben jetzt häufiger einen Rückfall in traditionelle Rollenbilder. Einerseits arbeiten in den Berufen, die jetzt systemrelevant sind, fast 80 Prozent Frauen: im Supermarkt, im Krankenhaus, im Pflegeheim, in der Kita-Notbetreuung. Es sind aber auch die Frauen, die die größte Last der Sorgearbeit übernehmen. Frauen verdienen nach wie vor im Schnitt weniger als Männer – in Kurzarbeit haben sie dann noch weniger Geld zur Verfügung. Und dass Frauen in dieser Zeit der Doppel- und Dreifachbelastung befördert werden, ist auch unwahrscheinlich. Der Aufstieg in Führungspositionen ist für Frauen gerade schwieriger geworden. Diese Krise muss deshalb Anlass sein, Gleichberechtigung und gerechte Bezahlung noch viel stärker einzufordern.

Woran denken Sie?

Giffey: An das Gesetz für mehr Frauen in Führungspositionen zum Beispiel. Das Vorhaben, eine Mindestgröße von einer Frau auch für Vorstände großer Unternehmen einzuführen, sollte längst im Kabinett sein, liegt wegen der Corona-Krise derzeit aber auf Eis. Und es gibt Stimmen, die sagen, in dieser schwierigen Lage könne man das der Wirtschaft nicht zumuten. Ich habe dafür wenig Verständnis. Frauen in Sorgeberufen ja, Frauen in Führungspositionen nein – so können wir nicht diskutieren.

Als Frauenministerin gehören Sie nicht einmal dem Corona-Krisenkabinett an. Warum nehmen Sie das hin?

Giffey: Dieses Kabinett hatte am Anfang den Fokus, die Ausbreitung des Virus einzudämmen und die großen finanziellen Herausforderungen abzufangen. Erst seit Mitte April sprechen wir überhaupt über mögliche erste Schritte für Lockerungen. Ich bin dabei, wenn mein Ressort betroffen ist. Ich kann also alles unterbringen und anstoßen, was mir wichtig ist, übrigens nicht nur in dieser Runde. Der Draht innerhalb der Regierung ist kurz.

In der Pandemie sind ältere Menschen besonders gefährdet. Was schlagen Sie für Alten- und Pflegeheime vor?

Giffey: Viele Ältere fühlen sich einsam, das zeigen auch die Anrufe bei unseren Hilfetelefonen und bei der Telefonseelsorge. Trotzdem bin ich da vorsichtiger als bei den Kitas. Wir sprechen hier wirklich über die Hochrisikogruppen mit Vorerkrankungen und einem geschwächten Immunsystem. Die Besuchsverbote in Alten- und Pflegeheimen könnte man behutsam lockern – natürlich mit großer Vorsicht und entsprechenden Hygienestandards. Aber bei Tagesgruppen, in denen Pflegebedürftige tagsüber betreut werden, würde ich noch abwarten. Umso wichtiger wird es sein, die häusliche Pflege zu unterstützen.

Und zwar wie?

Giffey: Die pflegenden Angehörigen sind der größte Pflegedienst Deutschlands: zweieinhalb Millionen Menschen, von denen zwei Millionen berufstätig sind. Wir müssen auch sie entlasten. Darum haben wir im Kabinett einen erleichterten Zugang zum Pflegeunterstützungsgeld beschlossen und prüfen zusätzliche Maßnahmen. Wir brauchen mehr als zehn Tage für das Pflegeunterstützungsgeld und kürzere Antragsfristen für die Familienpflegezeit. Daran arbeiten wir derzeit mit den Koalitionsfraktionen und den Kollegen im Gesundheits- und im Arbeitsministerium.

Wie lange brauchen ältere Menschen besonderen Schutz?

Giffey: Viele sind noch fit, machen täglich Sport und möchten nicht abgestempelt werden nach dem Motto „Bleib mal weg, wir wollen dich beschützen“. Auf keinen Fall können wir sagen, dass Menschen ab einem bestimmten Alter nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen sollen. Das geht einfach nicht. Und überhaupt, wo will man da die Grenze ziehen? Wir müssen achtgeben, wo vernünftiger Schutz endet und unnötige Freiheitsbeschneidung beginnt. Auch ältere Menschen haben das Recht, über sich und ihr Leben zu entscheiden. Sie verantworten selbst, ob sie rausgehen oder nicht, ob sie auf ihre Enkel aufpassen oder nicht. Wir brauchen realistische, alltagstaugliche Lösungen.

Fast so intensiv wie über Kitas und Pflegeheime wird gerade über Fußballstadien diskutiert. Wie denken Sie über eine Wiederaufnahme des Profifußballs?

Giffey: Ich verstehe ja, dass der Fußball vielen wichtig ist. Aber wenn man über Prioritäten spricht, sollte die Frage nach Kita und Schule mindestens genauso wichtig sein. Wir hatten zuletzt ja eine Diskussion in der Art: Die Fußballspieler sollen auf den Rasen dürfen, aber die Kinder nicht auf die Schaukel. Das war schräg. Gut, dass die Spielplätze wieder öffnen können.

Was ist mit dem Breitensport?

Giffey: Bund und Länder sollten an diesem Mittwoch über den gesamten Sportbetrieb sprechen, also nicht nur über die Fußball-Bundesliga, sondern auch über den Breitensport – und das auch jenseits kontaktloser Disziplinen. Ich persönlich freue mich darauf, wenn die Schwimmbäder wieder öffnen. Das ist gerade für die Kinder wichtig, die diese Überlebenstechnik nicht von zu Hause beigebracht bekommen. Aber generell wäre es für die Kinder schon ein Riesengewinn, wenn sie ihre Kita- und Schulfreunde wiedersehen könnten. Die Bewegung kommt dann schon von allein.

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