Nahost

Waffenruhe im Gaza-Konflikt tritt in Kraft

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Rauch steigt nach israelischen Luftangriffen aus einem Wohnhaus in Gaza auf.

Rauch steigt nach israelischen Luftangriffen aus einem Wohnhaus in Gaza auf.

Foto: Adel Hana/AP/dpa

Gezielte Tötung von Dschihad-Militärchefs und Raketenhagel auf Israel: Der Konflikt zwischen der israelischen Armee und Islamisten im Gazastreifen hat sich im Verlauf des Wochenendes zugespitzt. Bei Luftangriffen im Rahmen der Militäraktion «Morgengrauen» tötete die israelische Armee auch den südlichen Kommandeur der Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad (PIJ), wie das Militär mitteilte. Erstmals in dieser Runde der Gewalt schossen militante Palästinenser Raketen auch auf Jerusalem. Am Sonntagabend um 23.30 Uhr Ortszeit (22.30 Uhr MESZ) trat schließlich eine von Ägypten vermittelte Waffenruhe in Kraft.

Seit Beginn der Operation am Freitag wurden nach Armeeangaben mehr als 900 Raketen aus dem Gazastreifen abgefeuert. Bis Sonntagabend heulten in zahlreichen Städten die Warnsirenen, darunter auch Tel Aviv. Fast alle der Geschosse, die israelische Wohngebiete bedrohten, konnten demnach von der Raketenabwehr Iron Dome abgefangen werden.

Zahlreiche Tote im Gazastreifen

Die israelische Armee griff in der Nacht zum Sonntag mehrere Ziele im Gazastreifen an. Seit Beginn der Angriffe am Freitag starben nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums bis Sonntagabend 44 Palästinenser. Mindestens 360 seien verletzt worden. Unter den Toten sind demnach neben weiteren PIJ-Mitgliedern 15 Kinder und vier Frauen.

Israel macht den Islamischen Dschihad jedoch für den Tod von fünf Kindern und einem Erwachsenen im Flüchtlingslager Dschabalia verantwortlich. Nach Angaben des Militärs wurden sie durch eine fehlgeleitete Dschihad-Rakete getötet. Dazu veröffentlichte die Armee am Sonntag Videoaufnahmen. Etwa 120 der seit Freitag abgefeuerten Raketen seien im Gazastreifen selbst eingeschlagen.

Bei der Verkündung der Waffenruhe dankten Israel und der Islamische Dschihad dem Nachbarland Ägypten für die Vermittlung im Konflikt. Der Dschihad poche allerdings auf sein Recht, «auf jede israelische Aggression zu reagieren», teilte die Palästinenserorganisation mit. Auch Israel betonte, man werde im Fall von Verstößen hart reagieren.

Zu Beginn der Militäroperation hatte Israel den Dschihad-Militärchef Taisir al-Dschabari und weitere PIJ-Mitglieder getötet. Nach israelischen Angaben plante der Dschihad eine Attacke mit Panzerabwehrraketen im Grenzgebiet zum Gazastreifen. Israel sperrte über mehrere Tage hinweg Gebiete am Rande des Küstenstreifens ab und erhöhte die Alarmbereitschaft. Der Eskalation vorangegangen war die Festnahme eines PIJ-Anführers im Westjordanland, Bassem Saadi, am Montag. Die eng mit Israels Erzfeind Iran verbundene Gruppe wird von der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft.

Eine hochrangige ägyptische Delegation war am Abend in Gaza eingetroffen, um über Details der Waffenruhe zu verhandeln. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen. Es soll in der Einigung auch um die Freilassung zweier palästinensischer Häftlinge in Israel gehen, darunter Saadi. Israelische Medien berichteten dagegen, Israel habe für die Waffenruhe keine Bedingungen akzeptiert. Es solle lediglich das Prinzip «Ruhe im Gegenzug für Ruhe» herrschen.

Sorge vor Eskalation

Israelische Kommentatoren hatten am Sonntag von einem ernsthaften Schlag gegen den Dschihad gesprochen, aber zu einer raschen Waffenruhe gemahnt. Ansonsten drohe «ein Überschwappen (des Konflikts) ins Westjordanland oder ein Aufstand israelischer Araber» oder ein Einstieg der im Gazastreifen herrschenden Hamas in den Schlagabtausch. Die Hamas hielt sich in dem Konflikt zurück. Sie verfügt nach israelischen Informationen über deutlich mehr und weiter reichende Raketen als der Dschihad, die zweitstärkste militärische Kraft im Gazastreifen.

Der israelische Regierungschef Jair Lapid hatte am Sonntag gesagt, die Operation werde «so lange weitergehen wie notwendig». Man bemühe sich, dass Unbeteiligte nicht zu Schaden kommen.

Israels ehemaliger nationaler Sicherheitsberater Jaakov Amidror sieht gegenwärtig kein echtes Interesse der Hamas, sich an dem Konflikt zu beteiligen. Anders als der Dschihad sehe sich die herrschende Kraft im Gazastreifen auch für das Wohl der Zivilbevölkerung zuständig, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Die Organisation verstehe, dass sie «einen hohen Preis bezahlen müsste», auch als Lehre aus dem Gaza-Konflikt im vergangenen Jahr. Die Hamas habe ein Interesse daran, dass täglich weiterhin rund 14 000 Gaza-Einwohner in Israel arbeiten könnten. Außerdem sei angesichts von Treibstoffmangel die Stromversorgung in dem schmalen Küstenstreifen gefährdet. Sollte die Zahl ziviler Opfer steigen, werde aber auch der Druck auf die Hamas größer werden, nicht untätig zuzusehen, meinte Amidror.

Das Auswärtige Amt in Berlin verurteilte den Beschuss israelischer Ortschaften mit Raketen am Sonntag «auf das Schärfste». Es gelte nun, eine weitere Eskalation zu verhindern, sagte eine Sprecherin.

Jerusalem als religiöses Pulverfass

Erstmals seit Beginn der Operation wurden am Sonntag - dem jüdischen Fasten- und Trauertag Tischa BeAv - auch Raketen auf Jerusalem abgefeuert. Religiöse Juden betrauern an dem Tag die Zerstörung der beiden antiken Tempel in Jerusalem.

Die Hamas hatte dazu aufgerufen, die Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg «zu verteidigen und sich den israelischen Übergriffen auf die heilige Stätte entgegenzustellen». Der Tempelberg mit dem Felsendom und der Al-Aksa-Moschee ist die drittheiligste Stätte im Islam.

2019 tötete Israel bereits Al-Dschabaris Vorgänger Baha Abu al-Ata. Darauf folgten massive Raketenangriffe. Nach einigen Tagen konnte mit Hilfe von Unterhändlern Ägyptens und der Vereinten Nationen eine Waffenruhe vereinbart werden. Im vergangenen Jahr lieferten sich Israels Streitkräfte einen elftägigen Konflikt mit militanten Palästinensern im Gazastreifen. Ägypten vermittelte damals eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas, die 2007 in dem Küstenstreifen gewaltsam die Macht an sich gerissen hatte.

© dpa-infocom, dpa:220806-99-293174/29 (Von Sara Lemel, dpa)

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