Corona: In diesen Ländern türmt sich die zweite Welle auf

Berlin.  Pandemie: In fünf Staaten der Europäischen Union steigt die Zahl der Corona-Neuinfektionen rasant – aus ganz unterschiedlichen Gründen.

EU-Einigung auf zehntägige Quarantäne für Rückkehrer aus Corona-Risikogebieten

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sich mit seinen EU-Kollegen auf eine europaweit geltende zehntägige Quarantänezeit für alle Reiserückkehrer aus Corona-Risikogebieten geeinigt. Damit reduziert sich die Quarantänezeit in Deutschland von 14 auf zehn Tage.

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Während in Deutschland die Corona-Zahlen leicht zurückgegangen sind, rollt in anderen EU-Ländern die zweite Welle an. Vor allem in Spanien schießen die Werte nach oben. In der Hauptstadtregion Madrid gibt es pro Einwohner mehr Neuinfektionen als im Hotspot-Land USA. Auch Ferienparadiese im Mittelmeer wie die kroatische Adriaküste oder die Insel Malta verzeichnen explodierende Zahlen. Warum dies so ist, und welche Versäumnisse die Regierungen begangen haben – ein Überblick:

Spanien

Schon im Frühjahr war Spanien das EU-Land mit den meisten Corona-Fällen. Nun schwappt die zweite Welle durch Teile Europas – und Spanien ist schon wieder trauriger Spitzenreiter bei den Neuerkrankungen. Das ganze Land gilt mittlerweile als Risikogebiet.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Madrid gibt es täglich rund 7000 neue Infektionen. Die wöchentliche Fallhäufigkeit pro 100.000 Einwohner liegt bei 98,6. Das ist gut zehn Mal so viel wie in Deutschland. In der Hauptstadtregion Ma­drid liegt dieser Referenzwert sogar bei über 200 – höher als im Hotspot-Land USA. Nicht viel besser sieht es im spanischen Baskenland und in der Rotweinregion Rioja aus.

Obwohl Spanien die härtesten Corona-Beschränkungen Europas hat, die sogar eine totale Maskenpflicht und ein öffentliches Rauchverbot einschließen, bekommt das Land die Epidemie nicht in den Griff. Nach Einschätzung der einflussreichen Zeitung „El País“ liegt es vor allem am unzulänglichen öffentlichen Gesundheitssystem. Dies sei in den letzten Jahren kaputtgespart worden: „Spanien gibt heute weniger für die Gesundheit aus als der EU-Durchschnitt.“

So fehlen etwa Corona-Ermittler, welche die Kontaktpersonen von Infizierten aufspüren und die Ansteckungsketten unterbrechen können. Zudem sind die Testlabors überlastet: Kranke mit Corona-Symptomen müssen eine Woche auf das Testergebnis warten.

Frankreich

7017 Neuinfektionen am Mittwoch, 7157 am Donnerstag: In Frankreich ist die Coronavirus-Epidemie erneut auf dem Vormarsch. Seit Wochen steigen die Fallzahlen wieder an. Die Angst ist groß, dass sich diese Entwicklung fortsetzt, da am 1. September Werks- und Schulferien endeten. Zwangsläufig sind dann in den Schulen und Unternehmen sehr viel mehr Menschen auf engerem Raum zusammen als in der Urlaubszeit.

Wo aber kommen die vielen Neuinfektionen her? Urlaubsrückkehrer spielen hier eine Rolle. Aber vor allem scheint die zunehmende Nachlässigkeit der Jüngeren bei den Hygiene- und Abstandsregeln die Zahlen nach oben zu treiben. Jüngste Testergebnisse belegen, dass annähernd 60 Prozent der Neuinfektionen auf die Gruppe der 16- bis 40-Jährigen entfallen.

22 von 90 Départements (insbesondere die Pariser Region und der Großraum Marseille) gelten inzwischen als Risikogebiete. Dort gibt es in den letzten sieben Tagen mehr als 50 Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner.

Grund genug für die Regierung, die Schraube der Einschränkungen anzuziehen. Einen zweiten Lockdown will sie um jeden Preis vermeiden. In den meisten größeren Städten wurde die zuvor nur in geschlossenen Räumen geltende Mundschutzpflicht auf die Straßen und Parks ausgeweitet. Seit dieser Woche gilt sie zudem auch in allen Firmen und Schulen.

Gleichzeitig wurden verstärkt Polizeikontrollen angeordnet. Die Ordnungshüter sind angehalten, keine Nachsicht mehr zu üben. Zwar droht bei Verstößen gegen die Mundschutzpflicht bereits seit Mitte Mai ein Bußgeld von 135 Euro. Doch bislang hatten es die Beamten häufig bei einer verbalen Ermahnung belassen.

Kroatien

Der rasante Anstieg der Infektionszahlen in Kroatien hat vor allem mit der Laxheit von Urlaubern zu tun. In Makarska drängelten sich noch Anfang August Hunderte Touristen vor einer einzigen Bar – ganz so, als wollten sie sich um jeden Preis anstecken. Besonders betroffen ist auch die Region um Split. Derzeit werden innerhalb einer Woche 84 Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner regis­triert. Die Regierung hat mittlerweile die Bars und Nachtclubs schließen lassen.

Ein großes Problem in dem Land an der Adriaküste sind auch die Hochzeitsfeiern und Familienfeste während der Sommermonate. In Kroatien sind Vermählungen mit 150 Gästen keine Seltenheit. Solche Festivitäten wurden nicht untersagt. Viele Besucher kommen aus anderen EU-Staaten und bringen das Virus nach dem Urlaub nach Hause. Deshalb werden Kroatien-Rückkehrer in vielen EU-Staaten mittlerweile getestet oder aber in Quarantäne geschickt.

Rumänien

Das Land bekommt die Corona-Pandemie nicht unter Kontrolle. Pro Tag gibt es mehr als 1200 Neuinfektionen. In der vergangenen Woche wurden 85 Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner verzeichnet. Besonders gebeutelt sind die Landkreise Suceava, Arges und Brasov. Die lokal stärkere Ausbreitung des Virus hat auch mit der Armut zu tun. Betroffen sind etwa Siedlungen, wo viele Roma leben.

Das Auswärtige Amt in Berlin warnt insbesondere vor Reisen in bestimmte Städte wie Bukarest. Dort müssen auch im öffentlichen Raum Masken getragen werden. Im Sommer stiegen die Infektionsfälle in erster Linie, weil die Abstandsregeln nicht eingehalten wurden. Hier werden vor allem Strandurlauber am Schwarzen Meer genannt.

Kritiker bemängeln, dass die rumänische Regierung zu spät die Notbremse gezogen habe. Wie in vielen anderen ost- oder südosteuropäischen Staaten sind die Wohnverhältnisse in Rumänien oft beengt. Jene, die infiziert sind, haben keine Möglichkeit, sich selbst zu isolieren. Damit steigt die Gefahr, dass sie andere Menschen anstecken. Lesen Sie hier: Wo sich die meisten deutschen Urlauber anstecken

Malta

Auf der Mittelmeerinsel Malta gibt es jede Woche 102 Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner. Seit dem Sommer schießen die Zahlen nach oben. Das hat zum einen mit Touristen zu tun, die sich bei Partys am Hotel-Pool wechselseitig ansteckten. Zudem verbreitete sich das Virus unter Migranten, die mit dem Boot die Insel erreicht haben.

Dabei galt Covid-19 auf Malta im Juli beinahe als ausgerottet. Im April waren die Regeln bereits sehr scharf. Personen über 65 Jahren, die gesundheitliche Probleme hatten, durften ihre Wohnungen nicht mehr verlassen. Nun wurden die Maßnahmen extrem verschärft: Schiffspartys wurden verboten, Nachtclubs und Bars geschlossen. Es sind nur noch Treffen von höchstens 15 Personen erlaubt. Einige Staaten haben Malta auf die rote Liste gesetzt – Inselrückkehrer müssen in Quarantäne.

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