Osteuropa

Krieg: Wie sich Ukraine-Videos in Russland verbreiten

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Ukraine-Krieg: Rolle von Google Maps im Krieg

Ukraine-Krieg: Rolle von Google Maps im Krieg

Forscher, die Google Maps-Daten analysiertn, sollen den Krieg als eine der ersten erahnt haben. Der Navigationsdienst zeigt Bewegungen von Autos in Echtzeit an. Jetzt reagiert der US-Konzern mit Folgen.

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Berlin   Ukrainer verbreiten in sozialen Medien Kriegs-Videos. Die sehen auch Menschen in Russland, wo sonst nur Propaganda zugänglich ist.

Es sind surreale Bilder. Jemand filmt vom Rücksitz eines Kleinwagens, wie er langsam an einem Panzer vorbeifährt, der in der Frühlingssonne am Straßenrand steht. „Schmeiß! Fuck, schmeiß!“, brüllt der Fahrer. Zwei Molotow-Cocktails fliegen aus dem Auto auf den Stahlkoloss, unklar, ob auch der Armeelastwagen davor etwas abbekommt. Aber die Tür neben dem Beifahrersitz, auf dem eine junge Frau sitzt, scheint selbst Feuer gefangen zu haben.

„Bandera-Smoothies“ nennt der ukrainische Telegram-Kanal Ostannij Blokpost (die letzte Straßensperre) die Molotowcocktails liebevoll. Ostannij Blokpost verbreitet seit Beginn des Krieges in einer Endlosschleife Videos über den Konflikt aus der Sicht einfacher ukrainischer Bürger und Soldaten.

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Ukraine-Krieg: Immer mehr Videos auf Telegram und Viber

In Russland wurde am Dienstag auf Anordnung der russischen Staatsanwaltschaft der Radiosender Echo Moskwy und das Internet-TV Doschd ausgeschaltet, die wichtigsten beiden Oppositionsmedien. Offizielle Begründung: gezielte Verbreitung von Falschmeldungen über Russlands kriegerische Operation in der Ukraine. Aber jetzt bekommt es die russische Zensur mit feindlicher Volkspropaganda zu tun, die auf die Messengerkanälen einsickert. Und die lassen sich kaum blockieren.

Außer Ostatnij Blockpost gibt es die offiziellen Telegram-Adressen Operatiwnij SSU sowie Ukraina Operatiwno, außerdem den russischsprachigen Kanal RESSENTIMENT. Und auf Viber die ebenfalls russischsprachige Gruppe Molnija, die schon über 2,8 Millionen Mitglieder hat.

Sie alle publizieren immer neue Videos von in Brand geratenen und abstürzenden russischen Kampfhubschraubern, von ausgebrannten Panzern und erbeuteten Raketenwerfen. Von Zerstörungen und Tränen. Sowie von den Begegnungen und Zusammenstößen der Zivilbevölkerung mit den feindlichen Soldaten.

Kriegserfahrungen werden zu Internet-Memes

Da fährt ein klobiger russischer Armeejeep auf einem Marktplatz vor, sofort stürzt sich ein gutes Dutzend Jugendliche mit bloßen Händen auf ihn, einer klettert auf die Kühlerhaube und versucht die Windschutzscheibe einzutreten, die Russen fliehen mit Vollgas.

Vor einem Rathaus haben sich andere russische Soldaten mit gezückten Sturmgewehren aufgebaut, ihnen gegenüber schwenkt eine Menschenmenge ukrainische Flaggen und singt al kapello die Nationalhymne. Auf vielen Videos beschimpfen rundliche Familienmütter die Russen als Besatzer und Faschisten. Die frischen Sonnenblumenkerne, die eine erboste Frau einem russischen Offizier anbietet, „damit Sonnenblumen wachsen, wo ihr sterbt“, sind schon Internet-Meme.

Die Botschaft ist immer wieder dieselbe: „Das ist unser Land, auf dem wir friedlich miteinander gelebt haben, bis Ihr mit euren Kalaschnikows gekommen seid. Aber Ihr werdet auch durch Kalaschnikows umkommen.“ Fast die gleiche Botschaft hat einst Ukrainer und Russen im Kampf gegen Hitlers Wehrmacht zusammengeschweißt.

Jeder zimmert an seiner eigenen Wahrheit

Running Gag der Kanäle aber sind die Kriegsgefangenen. Zum Großteil blutjung, oft aus dem fernen Sibirien, mal verletzt, mal mit Handfesseln, mal im Dutzend, mal allein. Noch mehr Belege, dass Kampfkraft und Moral der russischen Krieger engere Grenzen haben, als allgemein angenommen.

Jeder zimmert an seiner eigenen Wahrheit, Angreifer wie Angegriffene. Zum ukrainischen Mem wurde das Audio eines Funkspruches, mit dem ein ukrainischer Offizier der 13 Mann starken Küstenwache einer winzigen Insel im Schwarzen Meer auf die Kapitulationsaufforderung durch ein russisches Kriegsschiff antwortete.

Die Antwort „Leck mich am Arsch russisches Kriegsschiff!“, prangt auf Werbebannern im belagerten Kiew. Anfangs meldeten die ukrainischen Medien, die Russen hätten alle 13 nieder gebombt, Präsident Wolodymyr Selensky erklärte sie danach posthum zu „Helden der Ukraine“. Erst später gab man in Kiew zu, dass die Helden sich doch ergeben haben und jetzt in russischer Gefangenschaft sind.

Noch reagieren die meisten russischen Soldaten ratlos

Aber die Masse der Videos können keine Fakes sein. Die Kurzfilme der ukrainischen Smartphone-Nation sind zu massenhaft, zu hautnah und oft zu schräg, selbst Hollywood würde Jahre brauchen, um Annähenderes zu kreieren.

Die Kanäle dokumentieren, dass die russische Armee die ukrainischen Bairaktar-Kampfdrohnen noch immer nicht hat ausschalten können. Sie zeigen aber auch, dass die russischen Soldaten im besten Glauben gekommen sind, die Ukrainer würde sie als Brüder und Befreier empfangen. Noch reagieren sie mit ratloser Friedfertigkeit auf den tolldreisten Grimm unbewaffneter Zivilisten. Aber auch diese Duldsamkeit droht in Eskalation zu kippen.

Es gibt das erste Video, das zeigt, wie auf vorbeifahrenden Panzern sitzende Infanteristen auf den Handybesitzer schießen, der sie filmt. Die Bilder von durch russische Bomben und Raketen beschädigte ukrainische Wohnhäuser häufen sich sowieso.

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.

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