Erderhitzung

Umweltschutz: Was bedeutet eigentlich „klimaneutral“?

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Hochwasser, Dürre, Golfstrom - Weltklimarat schlägt Alarm

Hochwasser, Dürre, Golfstrom - Weltklimarat schlägt Alarm

Die globale Erwärmung schreitet deutlich stärker voran als bislang befürchtet und sie hat dramatische Folgen. Der Weltklimarat IPCC lässt in seinem jüngsten Bericht keinen Zweifel daran, dass der Klimwandel menschengemacht ist. AFPTV fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.

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Berlin.  Deutschland, die EU und Amazon: Alle wollen sie klimaneutral werden. Warum Bürger genau schauen sollten, was hinter dem Begriff steckt.

Christian Lindner sagt von sich, er sei es schon, viele Unternehmen streben es an, und ganz Deutschland soll es bis spätestens 2045 sein: „Klimaneutral“ ist das Wort der Stunde. Doch was genau heißt das eigentlich? Und wie erreicht man Klimaneutralität?

Was versteht man unter klimaneutral?

Nach der Definition des Weltklimarats IPCC ist Klimaneutralität ein Zustand, in dem menschliche Aktivitäten keinen Netto-Effekt auf das Klimasystem des Planeten haben. Sämtliche Einflüsse, die der Mensch auf das Klima hat, müssten durch Kompensationsmaßnahmen ausgeglichen werden, sagt Jens Tambke, Leiter des Fachgebiets Klimaschutz beim Umweltbundesamt.

„Das heißt also, nicht nur Treibhausgasemissionen, sondern auch geophysikalische Prozesse wie Veränderungen in der Rückstrahlung der Erdoberfläche oder spezielle Effekte des Flugverkehrs.“ Denn ein schwarz geteerter Parkplatz wirft zum Beispiel mehr Sonnenlicht zurück als eine Wiese oder ein Wald und trägt so zur Erwärmung des Planeten bei.

Was heißt treibhausgasneutral?

Der Begriff „treibhausgasneutral“ ist enger definiert als „klimaneutral“. Diese Formulierung bezieht sich nur darauf, sämtliche Treibhausgasemissionen entweder einzusparen oder dort, wo das nicht möglich ist, durch natürliche oder technische Senken auszugleichen.

Das deutsche Klimaschutzgesetz legt fest, dass bis 2045 in Deutschland „Netto-Treibhausgasneutralität“ erreicht werden soll, also ein „Gleichgewicht zwischen den anthropogenen Emissionen von Treibhausgasen aus Quellen und dem Abbau solcher Gase durch Senken.“ Neben Kohlendioxid (CO2) betrifft das auch Methan (CH4), Distickstoffoxid (N2O, auch Lachgas genannt) und weitere Gase.

Als natürliche Senken funktionieren unter anderem Wälder und Moore. Aber auch die Abscheidung von CO2 aus der Luft kann dazu beitragen, Treibhausgasneutralität zu erreichen. Lesen Sie auch: Was eine Ampel-Koalition fürs Klima bedeuten könnte

Ist Klimaneutralität möglich?

Ja, sagen Forscherinnen und Forscher. Aber dorthin zu kommen, insbesondere in gerade einmal zweieinhalb Jahrzehnten, ist eine große Herausforderung. Dass und wie es bis 2045 gehen könnte, haben für Deutschland inzwischen mehrere detaillierte Analysen und Studien gezeigt, unter anderem vom Thinktank Agora Energiewende, von der Deutschen Energie-Agentur (dena) und dem Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

Unter anderem ein schneller Kohleausstieg und ein zügiger Ausbau erneuerbarer Energien und der Wasserstoff-Infrastruktur sind demnach zentral für den Erfolg des Projekts.

Der Weltklimarat IPCC berichtete 2018, dass die globalen CO2-Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts bei netto null sein müssten, wenn die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzt werden soll. In seinem jüngsten Sachstandsbericht aus dem August dieses Jahres rechnet der Weltklimarat für alle Szenarien, in denen die Welt unter 1,5 Grad oder 2 Grad Erwärmung bleibt, mit negativen Emissionen, also der Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre.

Wie kann ich klimaneutral leben?

FDP-Chef Christian Lindner nimmt für sich in Anspruch, es schon geschafft zu haben: Er kaufe zum Ausgleich seines persönlichen CO2-Fußabdrucks Zertifikate, erzählt Lindner in Interviews. Tatsächlich könnten Einzelpersonen auf diese Weise für sich in Anspruch nehmen, klimaneutral zu sein, sagt Tambke. „Aber für große Mengen von Menschen kann das nicht funktionieren.“

Aber auch durch Änderungen des eigenen Lebensstils und Konsums kann man seine persönliche Klimabilanz nach unten korrigieren. Bei rund 11,6 Tonnen CO2 pro Jahr und Kopf liegt der individuelle Fußabdruck der Deutschen im Schnitt.

Um 90 Prozent könne man diesen durch konsequente Verhaltensänderungen senken, schätzt Tambke, „wenn man ausschließlich Erneuerbare Energien nutzt, auf Fleisch und Milch verzichtet, kein Auto fährt und so weiter…“. Auf null zu komme sei aber „ fast unmöglich, solange nicht die Infrastruktur, auf die man angewiesen ist, treibhausgasneutral ist.“

Wann ist ein Produkt klimaneutral?

Auch immer mehr Unternehmen kündigen an, in den nächsten Jahren klimaneutral wirtschaften zu wollen, darunter globale Konzerne wie Apple und Amazon. Doch für Kundinnen und Kunden kann es schwer sein zu unterscheiden, was ernsthafter Wille zur Veränderung ist, was Marketing und ob ein Produkt am Ende tatsächlich klimaneutral hergestellt wurde.

„Ein Problem, das die Vergleichbarkeit der kommunizierten Ziele erschwert, ist der Mangel an einheitlich genutzten Definitionen“, schreibt der Klima-Thinktank Wuppertal Institut in einem Impulspapier zum Thema. „Denn Unternehmen teilen meist nicht mit, was sie genau unter Klimaneutralität oder CO2-Neutralität verstehen.“

Viele Unternehmen würden beispielsweise Teile ihrer Wertschöpfungsketten bei ihrer Klimabilanz außen vor lassen. Zudem gäbe es große Unterschiede bei der Frage, welche Rolle Kompensationsprojekte auf dem Weg zu Klimaneutralität spielen.

„Das Potenzial ist beschränkt: Es können gar nicht so viele Wälder gepflanzt werden, dass alle Unternehmen nur über Kompensation treibhausgasneutral werden“, sagte UBA-Experte Tambke. Die Unternehmen müssten ihre Emissionen deshalb sehr stark reduzieren, um wirklich klimaneutral zu werden.

Fragen zum Artikel? Mailen Sie uns: redaktion.online-bzv@funkemedien.de

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