Angst vor der zweiten Welle: Gehen die Lockerungen zu weit?

Berlin.  Läden, Restaurants, Schulen: An öffentlichen Orten kehrt das Leben zurück. Doch die Sorge vor einer neuen Infektions-Welle wächst.

RKI zu zweiter Corona-Welle: "Wir haben das alle selbst in der Hand"

Trotz sinkender Ansteckungsraten und ungeachtet der vereinbarten Corona-Lockerungen gibt das Robert-Koch-Institut (RKI) noch "keine Entwarnung". Ob und wann es eine zweite Infektionswelle gibt, liege am Verhalten jedes Einzelnen, sagte RKI-Vizepräsident Lars Schaade.

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Geht es gut – oder geht Deutschland in der Coronavirus-Krise zu weit? In den nächsten Tagen rollt eine gewaltige Lockerungswelle durchs Land. Bis spätestens Pfingsten kehrt zwischen Alpen und Küste ein neuer Alltag ein – mit offenen Läden, Restaurants, Biergärten und Hotels. Familien können wieder andere Familien treffen, Bewohner von Altenheimen wieder Besuch bekommen. Auch in Schulen und Kitas wird es voller.

Die Folge: Die Zahl der Kontakte wächst rasant. Und damit das Risiko. Experten des Robert-Koch-Instituts warnen bereits davor, dass Deutschland schon im Sommer eine zweite Corona-Welle treffen könnte, wenn die Menschen ihr Verhalten nicht entsprechend anpassten. Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery hält sogar eine dritte Welle für möglich.

Auch die Kanzlerin denkt so: „Wir müssen aufpassen, dass uns die Sache nicht entgleitet“, mahnte Angela Merkel (CDU) nach der Einigung mit den Ländern über die neuen Lockerungen. Die langen Wochenenden zu Himmelfahrt und Pfingsten stehen vor der Tür – Merkels Sorge ist groß, dass vor allem durch innerdeutsche Reisen lokale Infektionsherde nicht mehr begrenzbar sind, sondern sich unkontrolliert ausbreiten. Das hieße möglicherweise: erneuter Lockdown. Bund und Länder haben sich deswegen auf einen Notfallplan geeinigt und als Alarmsignal eine örtliche Obergrenze für neue Infektionsfälle festgelegt. Schützt uns das vor einer zweiten Welle?

Coronavirus-Krise: Wie funktioniert die Obergrenze?

Um zu verhindern, dass die Infektionszahlen wieder in den Bereich exponentiellen Wachstums geraten, haben Bund und Ländern eine „Notbremse“ vereinbart: Sobald innerhalb einer Woche in Landkreisen oder kreisfreien Städten mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gemeldet werden, sollen lokal wieder härtere Beschränkungen greifen. Wie diese konkret aussehen, hängt von der Situation vor Ort ab. Geht es zum Beispiel um einen Ausbruch in einem Pflegeheim, kann es reichen, die Einrichtung abzuschirmen. Ziehen sich die Infektionsketten durch die Bevölkerung, können neue Beschränkungen alle Einwohner des Gebiets treffen.

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Die Entscheidung und damit die Verantwortung liegt bei den Ländern – der Bund kann beraten, aber nicht durchgreifen. Unklar ist, wie viele Landkreise hohe Zahlen von Neuinfektionen melden müssen, bis Deutschland sich wieder im gefährlichen Stadium eines exponentiellen Wachstums befindet. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach etwa hält die Zahl von 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner für deutlich zu hoch.

Coronavirus-Hotspot: Was ist in Greiz passiert?

Der Landkreis Greiz in Ostthüringen hat die neue Obergrenze schon gerissen, da war sie gerade ausgesprochen. Bis Donnerstag waren innerhalb einer Woche 80,5 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gemeldet worden. Zu Beginn der Woche lag dieser Wert noch bei 59,1. In Thüringen, das insgesamt rund 2500 Corona-Fälle meldet, ist der Landkreis mit derzeit 503 Fällen damit mit Abstand der größte Hotspot. Als Ursprung des Greizer Ausbruchsgeschehens gelten Familienfeiern, an denen Heimkehrer aus dem Skiurlaub teilgenommen hatten. Mittlerweile liegt ein Schwerpunkt des Ausbruchs in einem Seniorenheim.

Was sagen Experten?

Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery warnt: „Die zweite Welle wird mit Sicherheit kommen. Möglicherweise auch eine dritte“, sagte Montgomery unserer Redaktion. Er habe starke Zweifel, dass sich die Menschen noch monatelang an die Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen halten würden. Bereits die am Mittwoch von Bund und Ländern verabredeten Lockerungen gingen sehr weit: Er erwarte daher, dass es bereits in den kommenden Wochen in Deutschland zu regionalen Ausbrüchen kommen werde.

Zweifel äußerte Montgomery mit Blick auf die Reaktion der verantwortlichen Landesregierungen: „Mit dem gleichen Mut, mit dem die Ministerpräsidenten jetzt die Lockerungen durchsetzen, müssen sie die Lockerungen dann auch wieder zurücknehmen“, forderte der Weltärztepräsident. „Meine große Sorge ist, dass einigen Ministerpräsidenten dieser Mut fehlen könnte.“

Auch der Virologe Alexander Kekulé äußert sich besorgt über Tempo und Ausmaß der Lockerungen. Dies könnte „zu einem viralen Sturm im Herbst führen“, warnte der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle. Auch der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten, sagte in seinem NDR-Podcast, seine Sorge gelte vor allem den Herbst- und Wintermonaten. Er hoffe, dass es bis dahin Behandlungsmöglichkeiten über bereits vorhandene Medikamente und Wirkstoffe gebe, „sonst wird es vielleicht doch wieder eng“.

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Welche Rolle spielen Reisen innerhalb Deutschlands?

Die Bundesregierung ruft auf ihrer Internetseite weiterhin dazu auf, „generell auf private Reisen und Besuche – auch von Verwandten – zu verzichten“. Fraglich ist aber, ob sich die Bürger daran halten. Einige Bundesländer und Urlaubsregionen öffnen bereits über Pfingsten wieder Hotels und Restaurants – auch für Touristen aus anderen Bundesländern. Zudem ist es einzelnen Besuchern wieder erlaubt, Angehörige in Altenheimen zu sehen – auch das dürfte zu größerem Reiseverkehr führen.

Welche Trends beobachtet das Robert-Koch-Institut?

Laut RKI steigt die Sterbequote im Zusammenhang mit Covid-19 weiter an. Mit 7119 Verstorbenen liegt sie nun bei 4,3 Prozent aller nachweislich infizierten Menschen. In der Pandemie sei mit einem weiteren Anstieg zu rechnen. Das liege vor allem an Ausbrüchen in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen. Das Durchschnittsalter der Gestorbenen liege bei 81 Jahren.

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