Kitas geschlossen: Wie die „Corona-Eltern“ jetzt aufbegehren

Berlin.  Kitas und Schulen geschlossen: Besonders Eltern von Kleinkindern stehen gerade vor immenser Doppelbelastung. Jetzt begehren sie auf.

Kinder und Coronavirus: Die Hilferufe der #Coronaeltern

Kita und Schule geschlossen, Mutter und Vater im Homeoffice. Viele Eltern gehen in der Coronavirus-Krise auf dem Zahnfleisch. Als #Coronaeltern berichten sie über ihre Verzweiflung.

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  • Auf Twitter ist der Hashtag #CoronaEltern momentan besonders beliebt
  • Hier machen Eltern ihrem Ärger über die Unklarheiten in Bezug auf die Wiedereröffnung von Schulen und Kitas in der Corona-Krise Luft
  • Sie kritisieren unter anderem, dass die Debatte rund um die Wiedereröffnung von Schul- und Kindertagesstätten zu wenig Raum in der Öffentlichkeit einnehme

Kitaschließung und Homeoffice – viele Eltern leiden unter der Corona-Krise und und machen ihrem Frust und ihrer Überforderung nun bei Twitter und in Petitionen Luft. Unter dem Hashtag CoronaEltern finden sich etwa Beschreibungen aus dem Alltag, aber auch Beschwerden darüber, dass nun der Öffnung von Geschäften so viel Raum in der öffentlichen Debatte eingeräumt wird, die Öffnung der Kitas dagegen in weite Ferne rückt. In Berlin spricht der Senat etwa von einer Öffnung der Kitas nicht vor dem 1. August.

„Wir Eltern empfinden die Empfehlung der Leopoldina sowie den vom Berliner Senat gesetzten Zeitpunkt der KITA-Öffnungen als inakzeptabel. Fünf Wochen war es uns einigermaßen möglich, Job und Kinder zuhause zu vereinbaren. Weitere 3,5 Monate aber – also insgesamt 5 Monate – ist die Betreuung zuhause bei gleichzeitiger Berufstätigkeit aus unserer Sicht nicht möglich“, heißt es etwa in einer Petition Berliner Eltern an Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, die unserer Redaktion vorliegt.

Notbetreuung: Politik nimmt #CoronaEltern sehr ernst

Giffey, selbst Mutter, weiß um die Nöte der Eltern und will mehr kleinen Kindern einen Zugang zur Kita-Notbetreuung ermöglichen. Insbesondere Alleinerziehende, Eltern von Vorschulkindern und Familien in besonders belasteten sozialen Situationen sollten die Kinder bald wieder in die Kita schicken dürfen, sagte sie am Dienstagmorgen.

Die SPD-Politikerin mahnte eine gesellschaftliche Debatte über die Öffnung von Kitas und Kindergärten an. Die Ministerin hatte sich bereits am Montag für eine teilweise Öffnung der Kitas bis August ausgesprochen. „Wir haben 3,5 Millionen Kita-Kinder in Deutschland, und hier müssen Lösungen gefunden werden, die zumindest eine Teilentlastung der Eltern ermöglichen“, präzisierte sie nun ihren Vorschlag.

Giffey: Die Spielplätze könnten wieder geöffnet werden

Sie sprach dabei von kleinen Gruppen und zeitlich begrenzten Betreuungsmöglichkeiten. Giffey bekräftigte ihre Forderung, auch über eine teilweise Öffnung der Spielplätze zu sprechen. Dort könnten Eltern die Kinder gut beaufsichtigen. Zudem könne die Zahl der Kinder pro Spielplatz begrenzt oder „Spielplatz-Kümmerer“ eingesetzt werden, die darauf achteten, dass Hygiene-Regeln eingehalten werden.

Im Baumarkt gebe es ja auch Menschen, die darauf achten, wie viele das Geschäft betreten. Es würde gerade in den großen Städten und Ballungsgebieten eine große Entlastung bringen.

SPD-Politiker Lauterbach widerspricht: Kitas werden noch länger zu bleiben

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach machte dagegen Hoffnungen zunichte, Kitas könnten schon bald wieder in den Normalbetrieb gehen. „Eine generelle Öffnung der Kitas würde uns bei der Bekämpfung der Epidemie weit zurückwerfen“, sagte der Medizinprofessor unserer Redaktion. „Dann müssten wir den ganzen Herbst dichtmachen.“

Es sei ein schwerwiegender Fehler gewesen, vor Wochen keine wissenschaftlichen Studien gestartet zu haben, inwiefern Kinder das Covid-19-Virus übertragen. „Wir müssen wissen, wie infektiös die Kleinen sind. Das haben wir versäumt“, so Lauterbach. Dies nachzuholen, werde Zeit brauchen. Vernünftig und beherrschbar sei der Weg, die Notbetreuung in Kitas zu erweitern, damit mehr Menschen mit systemrelevanten Jobs wieder arbeiten könnten.

Forscher: Eltern von 1,8 Millionen Kindern sind in Corona-Krise mehr belastet

Das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen – hat den Bedarf an Betreuungsplätzen von berufstätigen Eltern untersucht – er ist groß. Die Zahlen liegen dieser Redaktion exklusiv vor. 53 Prozent aller Kinder, die zwischen null und zwei Jahren in Kita oder Tagespflege betreut werden, sind Kinder von berufstätigen Eltern oder Alleinerziehenden in Teil- oder Vollzeit (421.000 Kinder). Minijobs sind hierbei nicht berücksichtigt. Bei den Drei- bis Sechsjährigen sind schon 61 Prozent aller betreuten Kinder von berufstätigen Paaren oder Alleinerziehenden. Bei den Grundschulkindern beträgt dieser Anteil 60 Prozent.

Das sind 1.806.000 Kinder, deren Eltern nun beides stemmen müssen. Der Anteil der Grundschulkinder aus alleinerziehenden Familien, bei der die Betreuungsperson in Teil-oder Vollzeit arbeitet, beträgt 10 Prozent. Das sind 292.000 Kinder, wie das RWI berechnet hat.

Sandra Schaffner, Leiterin des Forschungsdatenzentrums Ruhr am RWI, betonte: „Mehr als die Hälfte aller Kindergarten- und Grundschulkinder lebt bei Elternteilen, die aufgrund ihrer Erwerbssituation eigentlich keine dauerhafte Betreuung leisten können, diese Aufgabe aber nun schon seit Wochen stemmen müssen. Denn im Gegensatz zu normalen Ferienzeiten fallen derzeit auch Großeltern und andere Betreuungsangebote als Alternativen weg.“

Corona-Elterngeld: Entlastungen sollen Familien helfen – Debatte um Elterngeld

Das Familienministerium bemüht sich bei der schrittweisen Öffnung der Kitas um ein gemeinsames Vorgehen der 16 Bundesländer. Dazu nahm die Arbeitsgruppe „Leitlinien und Empfehlungen zur schrittweisen Wiedereröffnung“ am Montag ihre Arbeit auf.

Bereits jetzt gibt es eine Not-Regelung, die der Bund bereithält: Wenn Eltern wegen der geschlossenen Kitas und Schulen nicht zur Arbeit können und einen Verdienstausfall haben, weil sie ihr Kind betreuen müssen, können diese unter bestimmten Voraussetzungen eine Entschädigung bekommen.

„Sie können eine Entschädigung von 67 Prozent des monatlichen Nettoeinkommens (maximal 2016 Euro) für bis zu sechs Wochen bekommen“, heißt es auf der Homepage des Familienministeriums.

Grüne und Linke fordern zusätzliches Corona-Elterngeld

Voraussetzung: Die Eltern müssen erwerbstätig und für das unter 12 Jahre alte oder behinderte Kind sorgeberechtigt sein. Und: Es darf auch keine andere zumutbare Betreuungsmöglichkeit (muss auf Verlangen auch gegenüber dem Arbeitgeber dargelegt werden) geben.

Im Raum stehen Forderungen nach einem Corona-Elterngeld, damit Eltern sich komplett um die Erziehung ihrer Kinder kümmern können. Die Grünen hatten ein solches Elterngeld bereits ins Gespräch gebracht.

Auch Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch hatte sich unserer Redaktion gegenüber bereits für eine solche Zahlung ausgesprochen: „Ein befristetes, zusätzliches Elterngeld für Eltern, die eine bezahlte Berufsauszeit nehmen, unterstützt Eltern und Kinder.“

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