"Diese Woche"-Podcast: Jana und die Geschichtsverdreher

Braunschweig  Chefredakteur Armin Maus spricht in seinem Podcast über den Fall einer jungen Querdenkerin, die sich mit Sophie Scholl verglichen hat.

 Zahlreiche Teilnehmer einer Demonstration der Initiative "Querdenken" gegen die Corona-Maßnahmen stehen auf dem Hannoveraner Opernplatz am Samstag, 21. November. Hunderte Menschen haben in der Innenstadt gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert, auch zahlreiche Gegendemonstranten waren vor Ort.

Zahlreiche Teilnehmer einer Demonstration der Initiative "Querdenken" gegen die Corona-Maßnahmen stehen auf dem Hannoveraner Opernplatz am Samstag, 21. November. Hunderte Menschen haben in der Innenstadt gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert, auch zahlreiche Gegendemonstranten waren vor Ort.

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

"Können wir zu Hitlers Taten und Ende anders sagen als: ,Wehe, dass solches geschehen konnte in meinem Volke’?" Aus der Schulderklärung der evangelischen Christenheit Deutschlands vom 19. Oktober 1945

Geschichtswissen gilt als Ausdruck hoher Bildung. Welcher Feldherr wann welchen Gegner bei den Thermopylen vermöbelte und mit wem er sich zu diesem Behuf verbündete, das sind Kenntnisse, die etwas her machen. Zugegebenermaßen helfen sie uns in einem Alltag eher weniger, der mehr von Thermomix als Thermopylen geprägt ist.

Aber gerne nutzt man historische Vergleiche, sei’s in der politischen Sonntagsrede, sei’s am virtuellen Fußballstammtisch. Auch hier ziert die lexikalische Vorbildung den Sprecher und schafft zugleich Gemütlichkeit. Die Heranziehung historischer Analogien verschafft uns ja die wohlige Illusion, der Ausgang hochkomplexer Prozesse sei doch ein wenig vorhersehbar.

Analogie zur Welt nicht überschätzen

Nicht ganz so selten dient Geschichte aber auch als Knüppel, mit dem man dem Gegner aufs Haupt schlägt wie weiland Cato der Ältere dem Seleukiden Antiochos III. Meistens wird es dann furchtbar. Geschichtsbewusstsein hat etwas mit der Fähigkeit zu tun, das Zeitgebundene der konkreten historischen Situation zu erkennen und die Analogie zu unserer Welt nicht zu überschätzen.

Den Knüppelschwingern gelingt das nie. Ihnen geht es ja gerade darum, die Dämonie eines historischen Bösewichts als Waffe gegen einen aktuellen Gegner zu wenden. Selbst der gewählte US-Präsident Joe Biden konnte sich im Wahlkampf einen Goebbels-Vergleich nicht verkneifen. Shame on you, mister president-elect.

Wer ist nicht schon alles mit den Massenmördern des „Dritten Reichs“ verglichen worden! Einen politischen Gegner nicht dem gemeinen Borstenvieh, sondern dem Nazi-Chefpropagandisten oder auch Adolf Hitler gleichzusetzen, ist mitnichten ein Zeichen höheren Ausdrucksniveaus. Solche Vergleiche sind obszön, nichts anderes als ein Missbrauch der Opfer des Nationalsozialismus. Der Vergleich insinuiert, es gebe Vergleichbarkeit. Nichts aber kommt dem Rassenwahn, kommt dem systematischen, industriell geplanten Mord an Millionen Menschen jüdischen Glaubens, an Kommunisten und Sozialdemokraten, Kirchenleuten, Gewerkschaftern, Sinti und Roma, Homosexuellen und behinderten Menschen gleich.

Kanzlerin und Massenmörder in einer Reihe genannt

Ein besonders augenfälliges Beispiel für den schwachen Sinn historischer Vergleiche lieferte vor Jahren Andreas Köhler, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung. In einer Rede ausgerechnet bei der Weihnachtsfeier seiner Organisation sagte er: „Julius Cäsar, Karl der Große, Napoleon, Adolf Hitler, Angela Merkel – die Liste der Staatsleute, die versuchten, Europa zu einigen, ist sehr lang.“ Der Mann stellte die demokratisch gewählte Kanzlerin und den Massenmörder in eine logische Reihe – als würzigen Akzent zu einem Teller Spekulatius.

Wir wollen Jana aus Kassel zugute halten, dass sie sich nicht wesentlich dämlicher äußerte als der ranghöchste Vertreter der angesehenen Ärzte-Vereinigung. Bei einer Querdenker-Kundgebung in Hannover tat sie kund, sie fühle sich „wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde“. Unter Applaus fuhr sie fort: „Ich bin 22 Jahre alt, genau wie Sophie Scholl, bevor sie den Nationalsozialisten zum Opfer fiel.“

Nun soll man ja nicht auf jeden Unfug anspringen. Häufig ist es zuviel der Ehre. Wir sprechen von einer jungen Frau, die von ihrer eigenen Mission überwältigt war. Es gab Tränen auf offener Bühne. Aber: Es ist Mode geworden, die demokratische Bundesrepublik mit dem Verbrecherregime Hitlers zu vergleichen. Und hier ist Widerstand bitter nötig. Die Nazi-Verbrechen dürfen nicht ungestraft verharmlost, die Opfer nicht verspottet werden.

Sophie Scholl bezahlte den Widerstand gegen die Nazis mit ihrem Leben. Mit ihrem Bruder Hans und ihrem Studienkollegen Christoph Probst starb sie unter der Guillotine. Der Scharfrichter meinte später, er habe nie jemanden so tapfer sterben sehen wie Sophie Scholl. Jana aus Kassel dagegen wird in unserem freiheitlichen Rechtsstaat niemals Schlimmeres drohen als der Abbruch einer von ihr angemeldeten Kundgebung wegen Verstoßes gegen die Corona-Schutzvorschriften.

Schwächen und Stärken identifizieren

Geschichtsbewusstsein kann die Urteilsfähigkeit schärfen. Dann hilft uns die Kenntnis des Vergangenen, im Ärger, im Überdruss und in der Unübersichtlichkeit des Alltags die Maßstäbe zu finden, mit deren Hilfe wir die Schwächen und Verbesserungsnotwendigkeiten unseres Staates ebenso identifizieren können wie seine Stärken.

Die Bundesrepublik ist ganz sicher nicht perfekt. Aber sie ist das freiheitlichste, sozial ausgewogenste demokratische Gemeinwesen, das es auf deutschem Boden jemals gab. Die Corona-Verordnungen haben nichts, aber auch gar nichts mit der Machtergreifung der Nazis zu tun. Nichts, aber auch gar nichts ähnelt der Verfolgung und Ermordung der jüdischen Mitbürger und vieler anderer Nazi-Opfer im „Dritten Reich“ auch nur.

Wer die Bundesrepublik des Jahres 2020 mit dem Unrechtsregime vergleicht, das Europa ins Unglück stürzte, der muss auf energischen Widerspruch stoßen. Nicht nur den der politischen Mandatsträger, sondern jedes Einzelnen von uns.

Wir dürfen uns nicht wegducken – das ist ganz sicher eine Lehre aus der geschichtlichen Erfahrung der Deutschen.

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