"Diese Woche"-Podcast: Gedanken zum Volkstrauertag

Braunschweig  Chefredakteur Armin Maus spricht im Podcast über den Volkstrauertag, aktuelle und vergangene Kriege und die Lehren, die wir aus ihnen ziehen sollten.

Kranzniederlegung anlässlich des Volkstrauertags 2019.

Kranzniederlegung anlässlich des Volkstrauertags 2019.

Foto: Florian Kleinschmidt/bestpixels.de

Mutter, wozu hast Du Deinen aufgezogen, hast Dich zwanzig Jahr’ um ihn gequält? Wozu ist er Dir in Deinen Arm geflogen, und Du hast ihm leise was erzählt? Bis sie ihn Dir weggenommen haben für den Graben, Mutter, für den Graben! - Kurt Tucholsky, „Der Graben“

Der Grabstein schief, die Grabstätte verwildert. Wer darunter begraben liegt, scheint von aller Welt vergessen. Nichts könnte uns die Vergänglichkeit unseres Erdenlebens auf deprimierendere Weise vor Augen führen. War der oder die Tote ein kluger Mensch? Hat er sich um seine Nächsten gekümmert, Kinder großgezogen? Hat er an große Ziele glaubt? Woran, wofür ist er gestorben?

In unserer Kultur sind die Gräber so etwas wie die Denkmäler des kleinen Mannes, sie sind Erinnerungsorte zum Trost für die, die übrig bleiben. Hier können die Hinterbliebenen geliebter Menschen gedenken, ihnen so nah sein, wie man sich zwischen Dies- und Jenseits kommen kann. Die Pflege der Gräber ist ein letzter Liebesdienst, ein Zeichen der Lebenden, dass ein Mensch nicht vergessen ist.

Das Andenken der Toten wird wach gehalten

Und Gräber können Orte der Mahnung sein, überall dort, wo Menschen fern ihrer Heimat gestorben sind, weil sie für „Volk und Vaterland“ kämpften, für die eitlen Machtgelüste der Regierenden, für wirtschaftliche Interessen, als Werkzeuge oder zur Abwehr der mörderisches Regimes eines Hitler oder Stalin. Auf dem Wolfsburger Waldfriedhof liegen 99 Menschen begraben. 30 Deutsche, darunter elf Soldaten, 26 Polen, elf Russen, acht Holländer, vier Belgier, vier Jugoslawen, drei Franzosen, drei Letten, drei Ungarn, zwei Österreicher, zwei Rumänen, einen Tschechen, einen Dänen, einen Unbekannten, drei Kinder listet der Volksbund Kriegsgräberfürsorge auf. Es ist eine Internationale der Kriegstoten. In ganz Europa gibt es solche Gräberfelder, in denen jene liegen, die den Preis für das Machtspiel der Potentaten ihrer Zeit bezahlen mussten.

Der Waldfriedhof ist gut gepflegt, das Andenken der Toten wird mit viel Engagement der Gewerkschaften wach gehalten. Das ist wichtig. Nicht nur, weil der Respekt vor den Toten zum Kern unseres Begriffes von Zivilisation gehört. Die Toten erinnern uns daran, wie schnell aus Ideologie massenhaftes Sterben, aus Vorurteilen mörderischer Hass wird.

Im Jahr des Irrsinns, den wir Brexit nennen

Wir sind gut beraten, diese Spirale des Todes nicht für ein Phänomen vergangener Epochen zu halten. Im chinesischen Meer, in der Ägäis, in Nordafrika leben heute, gerade jetzt, in diesem Moment, Menschen im Krieg oder in Angst vor Krieg, weil die Mechanismen des Ausgleichs, weil Diplomatie und Vernunft nicht greifen. Mitten in Deutschland sind Leute unterwegs, deren Geschäft die Zwietracht, deren Werkzeuge das Vorurteil und die Angst sind.

Am Sonntag ist Volkstrauertag, ein Tag, an dem wir innehalten sollten. Es ist ein großes Verdienst des Volksbundes, dass er die deutschen Kriegsgräber im Ausland pflegt und fast überall in Deutschland Jahr für Jahr mit prominent besetzten Veranstaltungen an das sinnlose Sterben erinnert. In diesem Jahr, in dem die notwendige Seuchenbekämpfung so viele wichtige Veranstaltungen unmöglich macht, muss auch der Volksbund Verzicht üben. Immerhin wird die zentrale Veranstaltung im Deutschen Bundestag stattfinden. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat auf Wunsch des Volksbundes einen Redner eingeladen, der Brücken zwischen ehemaligen Kriegsgegnern schlagen kann. Man sollte nicht gleich abwinken, nur weil dieser Redner eine Lieblingsfigur der Klatschpresse ist. Der britische Thronfolger Charles, mütterlicherseits aus dem Haus Windsor, väterlicherseits aus einer Nebenlinie des Hauses Oldenburg stammend, setzt im Jahr des Irrsinns, den wir Brexit nennen, ein Zeichen der Gemeinsamkeit zwischen Deutschen und Briten – einer Gemeinsamkeit, die noch friedensstiftend wirken wird, wenn Boris Johnson längst vergessen ist.

Rede von Überwachungsstaat und Diktatur

Der Frieden wird nicht mit einer Veranstaltung im Reichstag allein gewonnen. Wir schulden denen Dank, die uns immer wieder und überall an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft erinnern, die die Mahnung in unseren Alltag tragen. Die Gräber der Opfer von Krieg, Faschismus und Stalinismus müssen uns unbequem bleiben. Wir dürfen niemals vergessen, warum die Menschen weit vor ihrer Zeit sterben mussten. Wir dürfen nicht zulassen, dass eines Tages unsere Kinder oder Enkel sterben, nur weil wir uns nicht früh und nicht entschieden genug um den Ausgleich bemüht, weil wir uns Hetzern und Rassisten nicht in den Weg gestellt haben.

Dieser Tage beobachten wir Entwicklungen, die Anlass zur Sorge geben. Aus einer Angst vor Verlust der Existenz, die die Corona-Krise nährt, beginnen ganz normale Menschen, die demokratische Bundesrepublik mit totalitären Regimes gleichzusetzen. Von Überwachungsstaat und Diktatur ist die Rede. Dieser Irrtum macht die Menschen zur leichten Beute von Leuten, denen es zuallerletzt um Maskenpflicht und Kontaktbeschränkungen geht.

Gedenktstunde wird live übertragen

Wer da glaubt, er könne ab 18.18 Uhr gemeinsam mit Neonazis demonstrieren, weil die auch gegen die Corona-Maßnahmen unserer Regierungen sind, der sollte den Volkstrauertag zur Einkehr nutzen. Er sollte die Gräber besuchen, sollte die Maßstäbe wiederfinden – damit alter Wahnsinn nicht übermorgen neue Todesopfer schafft.

Die zentrale Gedenkstunde im Deutschen Bundestag wird am Sonntag ab 13.30 Uhr vom ZDF live übertragen.

Wer die Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit einer Spende unterstützen möchte, kann das über das Spendentelefon 0561-70090 tun. Weitere Informationen finden Sie unter www.volksbund.de

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