Wolfs Geheul

Verzichten, wie?

Selbst herauszufinden, was verzichtbar ist, und es ohne Order von außen umzusetzen, das ist es! Morgen fang ich damit an!

Kennen Sie das auch? Laufend gibt es Angebote für vieles, was das Leben angenehmer, reichhaltiger und besser machen soll. Allein die Flut der Werbeprospekte durch die Post – darauf kann ich gut verzichten.

Das E-Mail-Angebot einer afrikanischen Prinzessin, die 5 Millionen US-Dollar überweisen will, weil man so großartig und vertrauenswürdig ist, klingt interessant. Oder sollte man lieber hierauf doch verzichten?

Ich unterhielt mich mit einem Bekannten über Klimaschutz und den Beitrag Einzelner. Neben einigen Thesen vertrat ich eine, die nicht gut ankam. Es war meine Auffassung, dass zukünftig wohl Veränderungen im eigenen Wirkungs- und Lebenskreis anstehen. Der Verzicht auf Luxus und scheinbar wichtige Annehmlichkeiten, Änderung liebgewordener Lebensgewohnheiten und Reduzierung des Konsumverhaltens stehen ins Haus, um der Übernutzung natürlicher Ressourcen zu Lasten zukünftiger Generationen zu begegnen.

Gesteigertes Stirnrunzeln und eine veränderte Tonlage verrieten, dass ich hier einen wunden Punkt getroffen hatte. Ich wurde aufgefordert, das zu präzisieren.

Verzicht geht bisweilen mit einem schlechten Gefühl einher, man gibt etwas auf, man erfüllt sich einen Wunsch nicht oder lässt von einem Anspruch ab. Selbstdisziplinierung und Unterdrückung von Begierde sollen innere und äußere Abhängigkeit reduzieren.

Der Verzicht, den der Fuchs in der Parabel des griechischen Dichters Äsop auf den Genuss zu hoch hängender Trauben leistet, ist nicht gemeint. Er gibt nicht zu, dass er die Trauben nicht erreichen kann.

Gehe ich mit meiner Frau in der Stadt spazieren, dann findet sie oft in den Schaufensterauslagen etwas, was genau das Richtige an Klamotten für mich wäre. Ich weiß, der Trend geht heutzutage über den Zweitanzug und den Zweitschuh hinaus. Dieser Verzicht fällt mir leicht, nicht immer zur Freude meiner Frau. Verzicht auf ein Glas Wein am Abend – oder auch zwei – ist dagegen eine größere Herausforderung.

Sokrates, die Stoiker und die Kyniker haben Verzicht bis zur Bedürfnislosigkeit als hohes ethisches Ziel postuliert. Ich bin glücklicherweise kein Philosoph und kein Asket, der auf Genussmittel, Bequemlichkeiten und leibliche Freuden verzichten möchte. Vorbildlich tugendhaft möchte ich auch nicht sein. Schon gar nicht möchte ich mir von selbsternannten politischen Wanderpredigern vorschreiben lassen, worauf ich zu verzichten habe und dafür möglichst auch noch mehr Steuern zahlen soll. Selbst herauszufinden, was verzichtbar ist, und es ohne Order von außen umzusetzen, das ist es! Morgen fang ich damit an!

Wolfgang Gemba, ehemals Kreisrat für Bauen, Umwelt und Verbraucherschutz der Peiner Landkreisverwaltung, schreibt in seiner Kolumne zu aktuellen Themen, „die einen Menschen im Peiner Land so bewegen“.

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