Wolfs Geheul

Der Wass-Erzähler!

Jährlich könnten mehr als 500 Millionen Euro gespart werden, würde die Nutzungsdauer der Wasserzähler verlängert.

Da liegt er, mein Wass-Erzähler. Nr. 39920. Er hat jahrelang Tag und Nacht treue Dienste geleistet. Klaglos, lautlos, problemlos. Er zählte, was er durchließ. Nun liegt er abgebaut, abgewrackt und ohne Beschäftigung herum.

Nix mehr mit Erzählen! Bloß weil es Vorschriften so wollen, denn gemäß deutschem Eichgesetz und Eichordnung erlischt nach Ablauf einiger Jahre die rechtliche Gültigkeitsdauer der Eichung für Kaltwasserzähler! Und das schon nach sechs Jahren, da kriegen andere erst alle Zähne!

Das Eichgesetz kann zurückgeführt werden auf den „allergnädigsten Spezial-Befehl Seiner Königlichen Majestät“ von 1785. Da wurde erstmals in Deutschland ein staatliches Eichwesen durch Friedrich II. in Berlin eingeführt. Eine „besondere Commißion“ wurde „niedergesetzt“, die für Ordnung im Durcheinander von Maßen und Gewichten sorgen sollte. „Commißion und Ajoustirungsamt“ bestanden aus einem (Berliner) Magistratsmitglied und einem sachverständigen „Mechanico“, dem wiederum ein „Gehülfe“ unterstellt wurde.

Im Mai 2017 veröffentlichte das Hamburg-Institut in einer Studie, dass Deutschland mit seinen Praxisregeln weit entfernt von anderen Industrienationen ist. In den USA und Kanada zum Beispiel beträgt die Eichfrist 17 Jahre, in Frankreich 18 und in Spanien 23.

Zähler können auch nach 20 Jahren den Wasserdurchfluss mit bis zu 95 prozentiger Genauigkeit messen. Das Eichgesetz lässt zehn Prozent Messabweichung zu. Man schätzt, dass intakte Wasserzähler jährlich zu Hunderttausenden ausgetauscht werden. Jährlich könnten mehr als 500 Millionen Euro gespart werden, würde die Nutzungsdauer der Wasserzähler auf das Niveau etwa von Frankreich verlängert.

Nach Ansicht von Fachleuten spricht nichts dagegen, die Eichfristen zu verlängern oder sogar alternativ auf diese zu verzichten. Selbst wenn ein Wasserzähler zehn Prozent zuviel misst, entstehen weniger Kosten als durch den Zählertausch. Im Vergleich zu anderen Wohnnebenkosten wirken sich Ungenauigkeiten bei der Ablesung der Heizkostenverteiler in den Wohnungen finanziell deutlich stärker aus, denn Heizkosten sind bis fünfmal so hoch sind wie Wasserkosten. Heizkostenverteiler können übrigens nicht geeicht werden und unterliegen somit keiner Eichpflicht.

Der deutsche „Gehülfe“ taucht nun aber regelmäßig bei Unsereinem auf und wechselt unverdrossen Wasserzähler. Dann verrichtet ein neuer Wass-Erzähler dasselbe Tagwerk. Mein WZ 39920 gehört jetzt zum „alten Eisen“. Das also ist der Welten Lohn. Dabei hätte er so gerne noch weiter gezählt. Herr im Himmel, lass auf Deutschland und „Gehülfen“ Hirn regnen!

Wolfgang Gemba, ehemals Kreisrat für Bauen, Umwelt und Verbraucherschutz der Peiner Landkreisverwaltung, schreibt in seiner Kolumne zu aktuellen Themen, „die einen Menschen im Peiner Land so bewegen.

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