Kapp-Putsch vor 100 Jahren: Eskalation in Peine abgewendet

Peine.  Der USPD-Vorsitzende August Karsten wurde verhaftet, aber schnell wieder freigelassen – der Historiker Wolf-Dieter Rudolph berichtet darüber.

Vor rund 100 Jahren begann reichsweit der Kapp-Putsch (Streik) – so auch in Peine. Auf unserem Foto sollen Beamte und Angestellte in Berlin zum Streik animiert werden.

Vor rund 100 Jahren begann reichsweit der Kapp-Putsch (Streik) – so auch in Peine. Auf unserem Foto sollen Beamte und Angestellte in Berlin zum Streik animiert werden.

Foto: Archiv / Region. Gewerkschaftsgeschichte

Erschüttert hat er vor rund 100 Jahren die damals noch junge Weimarer Republik: der Kapp-Putsch – ein konterrevolutionärer Putsch gegen die Republik, der nach 100 Stunden gescheitert ist. Das gesamte Deutsche Reich wurde damals vom Generalstreik erfasst: Rund zwölf Millionen Beschäftigte legten die Arbeit nieder – die größte Streikbewegung, die es bis dahin in Deutschland je gegeben hat. Auch im eher beschaulichen Peine hat seinerzeit die Arbeit weitestgehend geruht – was für eine Parallele zur Corona-Krise! Der Historiker und Rechtsanwalt Wolf-Dieter Rudolph erinnert an den Kapp-Putsch in seiner Heimatstadt Peine:

„Was war der Grund für den Putsch? Die junge deutsche Republik – 1918 infolge der Novemberrevolution entstanden – stand von Beginn an unter erheblichen Druck von linken und rechten Kräften, denen die parlamentarische Demokratie ein Gräuel war. Im März 1920 kam es zum ersten Versuch von Rechts, die Demokratie zu beseitigen. Anführer des Putschs waren Wolfgang Kapp und General Walther Freiherr von Lüttwitz, unterstützt von Erich Ludendorff.

Kapp – Vorstandsmitglied der rechtskonservativen DNVP und hoher ostpreußischer Verwaltungsbeamter – hatte seit längerem Republikgegner in der „Nationalen Vereinigung“ um sich versammelt. Bekannt war er damals auch als Mitgründer der 1917 entstandenen Deutschen Vaterlandspartei, die sich bis zu ihrem schnellen Ende 1918 für einen Siegfrieden und umfangreiche Annexionen einsetzte.

General von Lüttwitz war Kommandeur des Reichswehrkommandos I (Mittel-Ostdeutschland). Ihm unterstanden auch die meisten Freikorps. Der damals gerade in bürgerlichen Kreisen sehr populäre Ludendorff war seit 1916 als 1. Generalquartiermeister und Stellvertreter des Chefs der Obersten Heeresleitung der eigentliche Machthaber in Deutschland gewesen. Ihm gelang es, das Land in eine „stille“ Militärdiktatur zu verwandeln. Später (1923) nahm er in München am Hitler-Putsch teil.

Die meisten Putschisten waren aktive/ehemalige Heeresangehörige wie der als Kriegsheld gefeierte „Ostafrika-Kämpfer“ General Paul von Lettow-Vorbeck oder der für die Ermordung von Liebknecht und Luxemburg verantwortliche Hauptmann Waldemar Pabst. Unterstützung kam auch von der Großindustrie und von den als erzreaktionär bekannten ostelbischen Großgrundbesitzern. Die Ziele der Putschisten waren vage. Eine gemeinsame Grundhaltung bestand in der Ablehnung der parlamentarischen Demokratie und des Versailler Friedensvertrages sowie im strikten Antibolschewismus.

Zur Vorgeschichte: Um Bestimmungen des am 10. Januar 1920 in Kraft getretenen Friedensvertrags umzusetzen hatte Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) im Februar die Auflösung der Brigaden Erhard und Löwenfeld verfügt. Der Versailler Vertrag sah eine Reduzierung des deutschen Heeres auf 100.000 Mann vor. Die Marinebrigade Erhard hatte wiederholt in der Peiner Presse per Anzeige um die Meldung von Freiwilligen geworben.

General von Lüttwitz hatte am 10. März 1920 die Reichsregierung ultimativ zur Rücknahme des Auflösungsbeschlusses aufgefordert und die sofortige Auflösung des Parlaments, Neuwahl des Reichstags und des Reichspräsidenten sowie seine Ernennung zum Oberkommandierenden der Reichswehr verlangt. Im Reich regierte damals eine Koalition – bestehend aus SPD, dem katholischen Zentrum und der linksliberalen DDP unter Reichskanzler Gustav Adolf Bauer (SPD). Nachdem die Forderungen von Regierung und dem Reichspräsidenten (Friedrich Ebert, SPD) abgelehnt wurden, wurde das Berliner Regierungsviertel in der Nacht vom 12. auf den 13. März 1920 von der Brigade Erhard und weiteren Reichswehrverbänden besetzt.

Kapp rief sich als Reichskanzler aus, erklärte das Parlament für aufgelöst und die Regierung für abgesetzt. Die Regierung und der Reichspräsident mussten mangels Unterstützung des Militärs („Truppe schießt nicht auf Truppe“) nach Stuttgart fliehen. Um die Errungenschaften der Novemberrevolution zu sichern, reagierten SPD, USPD und die freien Gewerkschaften sofort und riefen noch am 13. März die Arbeiterschaft zum Generalstreik auf. Ein Streikaufruf erfolgte einen Tag später auch von den christlichen und liberalen Gewerkschaften, dem Beamtenbund und der KPD. Auch von der Reichsregierung und dem Reichspräsidenten folgte ein entsprechender Aufruf.

Bereits am 15. März begann der Streik und legte das Land lahm. Eisenbahnverkehr ruhte, Telefon- und Telegraphennetz waren unterbrochen; vielerorts kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Putschisten. Bereits am 14. März erhielten die Peiner durch die Tageszeitungen Kenntnis von dem Umsturz. Schon am Nachmittag fand in den Peiner Festsälen eine viel besuchte „Volksversammlung“ statt, zu deren Teilnahme SPD und USPD sowie die Gewerkschaften aufgerufen hatten. In der Versammlung wurde ein aus den Vertretern der drei Arbeiterparteien (SPD/USPD/KPD) bestehender Aktionsausschuss gebildet: Dieser rief per Flugblatt zum Generalstreik in Stadt und Land auf.

Ferner wurde für den 15. März zur Großversammlung eingeladen: Nach Presseberichten fanden sich tausende in den Festsälen ein. Von den Rednern wies der Arbeitersekretär und Peiner USPD-Vorsitzende August Karsten darauf hin, dass auch die Zeitungen das Erscheinen einstellen müssten, allerdings der Betrieb lebenswichtiger Betriebe aufrechterhalten bleiben solle. Zu diesen zählten Bäckereien, Schlachtereien, Kolonialwaren- und Kohlengeschäfte sowie Gas- und Wasserwerk und Krankenhaus. Nach der Versammlung fand eine Demonstration in Peine statt, die einen ruhigen Verlauf nahm. Die Hauptstraße soll mit Streikenden gefüllt gewesen sein – so Tage später die Presse, die mehrere Tage nicht erschienen ist.

Der Generalstreik sowie die Verweigerung der Mitarbeit der Ministerialbürokratie führten zur Handlungsunfähigkeit der Putschisten. Infolge dessen erfolgte bereits am 17. März der Rücktritt von Kapp und von Lüttwitz. Die Reichsregierung forderte daher zur Wiederaufnahme der Arbeit auf. Ab dem 20. März 1920 sollte in Peine eigentlich überall wieder gearbeitet werden. Infolge von Differenzen zwischen den Direktionen des Peiner Walzwerks und der Ilseder Hütte und den dortigen Beschäftigten wurde der Streik aber um 48 Stunden verlängert.

Dann drohte die Situation doch noch zu eskalieren: Der USPD-Vorsitzende und spätere Reichstagsabgeordnete August Karsten war wohl auf Grund eines Missverständnisses am 21. März von einer Abordnung der Sicherheitswehr aus Hannover verhaftet und dorthin gebracht wurden, was in Peine eine große Erregung hervorrief. Der sofort alarmierte konservative Bürgermeister Dr. Julius Meyer – alles andere als ein Freund von Karsten – erkannte die Gefahr und forderte per Telefon von Regierungskommissar Robert Leinert (SPD) die umgehende Freilassung, was auch geschah. Am Abend des 22. März berichteten Meyer und Leinert persönlich in einer öffentlichen Versammlung in den Festsälen über die Angelegenheit: Dort ging es hoch her. Laut Zeitungsbericht lärmte ein Teil der Anwesenden ,laufend Zwischenrufe’ und Leinerts Rede wurde ständig unterbrochen. Die Lage beruhigte sich erst beim Erscheinen von Karsten, dessen Erklärungen zur Entspannung beitrugen.

Die Versammlung beschloss die Arbeitsaufnahme für den 24. März 1920, damit war der Streik in Peine beendet. Am 25. März brachten die Zeitungen eine offizielle Erklärung Leinerts über die Umstände der Verhaftung von Karsten. Die Peiner Ortsgruppe der Welfenpartei DHP sah sich genötigt, per Anzeige zu erklären, dass man auf dem Boden der Verfassung steht und dass man ausdrücklich eine gewaltsame Befreiung Hannovers von Preußen verurteilt. Vertreter der DHP hatten den Putsch zur Schaffung einer Republik Niedersachsen nutzen wollen.

Im übrigen verkündeten die Gewerkschaften und die SPD sowie die USPD erst am 23. März das Ende des Streiks, nachdem seitens der Regierung etliche Forderungen wie die Inangriffnahme von Sozialisierungen bestimmter Wirtschaftszweige wie Kohle und Kalibergbau erfüllt worden sind. So glimpflich wie in Peine verlief der Widerstand aber nicht überall: Vielerorts – wie in Braunschweig – wurde noch länger gestreikt. In Berlin, Mitteldeutschland und vor allem im Ruhrgebiet gingen die Streiks in Aufstände über mit dem Ziel einer Errichtung einer Rätedemokratie. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände konnten erst mit Truppen niedergeschlagen werden, wobei es zu blutigen Übergriffen (weißer Terror) gegenüber der Bevölkerung kam.“

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