Corona-Podcast

Christian Drosten zu Impfquote – Virologe verteidigt RKI

| Lesedauer: 7 Minuten
FDP und Grüne unzufrieden mit RKI-Chef Wieler

FDP und Grüne unzufrieden mit RKI-Chef Wieler

Politiker von Grünen und FDP sind unzufrieden mit RKI-Chef Wieler, weil das Institut die Impfquote bislang wohl zu niedrig angegeben hat. Das Institut räumte unlängst selbst ein, dass die Zahl der Geimpften wohl höher ist als bislang gedacht.

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Berlin  Im „Coronavirus-Update“ kritisierte Christian Drosten die Aufregung um die Impfquoten-Erhebung. Das RKI habe keine Fehler gemacht.

  • Die angeblich zu niedrig angegebene RKI-Impfquote sorgte vergangene Woche für viel Kritik
  • Christian Drosten hat sich dazu nun in seinem NDR-Pocast geäußert
  • Er hält die Aufregung für übertrieben und verteidigt das RKI

Wer seit über eineinhalb Jahren den NDR-Podcast „Coronavirus-Podcast“ hört, der kennt den Virologen Christian Drosten als zurückhaltenden, vorsichtigen Kommentator der aktuellen Pandemie-Lage. In der hundertsten Folge der Sendung musste der Corona-Experte nun aber vehement Stellung beziehen.

In der Sendung, in der zur Feier des „Jubiläums“ auch Drostens Kollegin Sandra Ciesek zu Gast war, ging es natürlich auch um die Corona-Nachricht, die in den letzten Tagen für viel Wirbel gesorgt hatte: Das Robert Koch-Institut (RKI) hatte in einem am vergangenen Donnerstag veröffentlichten Bericht selbst Zweifel an seiner bislang offiziell bekannt gegebenen Impfquote geäußert: Es müsse hierbei eine „Unterschätzung von bis zu fünf Prozentpunkten für den Anteil mindestens einmal Geimpfter beziehungsweise vollständig Geimpfter angenommen werden“.

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Diskussion um RKI-Impfquote laut Drosten „totaler Klamauk“

Laut RKI sei „in der Erwachsenenbevölkerung von einem Anteil mindestens einmal Geimpfter von bis zu 84 Prozent und einem Anteil vollständig Geimpfter von bis zu 80 Prozent auszugehen“. Bislang war die Impfquote der Über-18-Jährigen mit 79,1 Prozent für mindestens einmal Geimpfte und 75,4 Prozent für vollständig Geimpfte angegeben worden (Stand 12.10.2021).

Die Aufregung und Diskussion, die in der Öffentlichkeit darum entstanden ist, hält Drosten für „totalen Klamauk“. „Das Ganze ist aus meiner Sicht überhaupt nicht dem RKI anzulasten“, erklärte der Virologe der Berliner Charité im Podcast. Zum einen beruhe die Schätzung des RKI auf einer Umfrage, die aufgrund der Gruppe der Antwortgebenden verzerrt sein könnte. Zum anderen gäbe es Probleme mit einem Meldeverzug bei manchen Impfstellen – auch hierfür sei nicht die Gesundheitsbehörde verantwortlich zu machen.

Drosten empört über Kritik am RKI – verzerrende Umfrage?

Um die insgesamt gemeldeten Zahlen zu überprüfen, ließ das Institut eine Telefonumfrage unter mehr als 1000 Bürgerinnen und Bürgern erstellen. Dass die Impfquote der Erhebung zufolge schon so hoch liegen könnte, dass bald eine Herdenimmunität gegen das Coronavirus erreicht sein könnte, sorgte für Vorwürfe gegen das RKI und dessen Chef Lothar Wieler.

„Einige haben sich ganz furchtbar darüber aufgeregt, ohne irgendwas gelesen zu haben“, empörte sich Drosten in der aktuellen Podcast-Folge. „Zahlen wurden blind in der Öffentlichkeit rumposaunt.“ Man müsse vielmehr berücksichtigen, dass die Telefonumfrage vermutlich eine zu hohe Impfquote suggeriert, weil sie Menschen, die sich nicht beteiligen wollten, ausblende. „Wer sich eh nicht impfen lassen will, der sagt dann am Telefon schon mal eher, dass er keine Zeit hat“, erklärt Christian Drosten. Dies sei ein klassischer Fall von „selection bias“, also der Verzerrung einer Studie durch eine verfälschte Auswahl der Befragten.

Die thematisierte Differenz zwischen der bisher angenommenen Impfquote und dem Ergebnis der Erhebung sei deshalb „wenig relevant für die Bewertung der Gesamtlage“, so Drosten. Derzeit liegt die offizielle Impfquote für alle Bürger in Deutschland bei 65,3 Prozent (Stand 12.10.2021). Bereinigt komme man vermutlich auf etwas über 67 Prozent, nimmt der Virologe an. „Die Aufregung ist umsonst, die Situation hat sich überhaupt nicht geändert.“

Corona-Podcast: Drosten und Ciesek warnen vor Herbst und Winter

Die Situation hat sich überhaupt nicht geändert – damit ist vor allem gemeint, dass sowohl Drosten als auch Sandra Ciesek mit Argwohn auf den nahenden Winter blicken. Denn auch, wenn es mancherorts so wirkt, als sei die Pandemie vorbei, sei dies eben nicht der Fall. „Mich erinnert das ein bisschen an letztes Jahr“, sagt Sandra Ciesek, „auch wenn die Bedingungen ohne Impfstoff noch ganz andere waren.“

Die Leiterin der Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt erklärte im Podcast, dass in vielen Ländern weltweit die Impfquoten viel zu niedrig seien. In England oder den USA nimmt zudem die Zahl der Hospitalisierungen von Covid-19-Patienten wieder dramatisch zu. Kinder seien noch ungeimpft und wegen der kühleren Temperaturen mache man dem Virus in Innenräumen die Übertragung wieder einfacher.

Dass teilweise die Maskenpflicht in Schulen aufgehoben wurde, hält sie für falsch – man sei doch gerade auf der Zielgeraden für einen Kinder-Impfstoff. Warum das jetzt verspielen? Die Corona-Impfung sehen beide Experten noch immer als Schlüssel zur Überwindung der Pandemie an. Dafür sei auch ein Medikament wie Molnupiravir, was zwar die Behandlung Erkrankter vereinfache, kein wirklicher Ersatz. Dem Virus solle man jedenfalls nichts das Schließen der Impflücken überlassen: „Die Impfung ist die bessere Antwort“, sagen Ciesek und Drosten.

„Coronavirus-Update“: Das sagen Drosten und Ciesek nach fast 20 Monaten

Trotzdem blicken die beiden Top-Virologen zufrieden auf die Zeit seit dem Start des Podcasts zurück. Am 26. Februar 2020 wurde die erste Folge mit Christian Drosten veröffentlicht, im September desselben Jahres stieß Sandra Ciesek zum Team hinzu. Aus Sicht der beiden Wissenschaftler hat die Forschung seither die wichtigsten Fragen rund um das neuartige Coronavirus beantwortet – weshalb sie den Podcast nach fast 20 Monaten nun nur noch auf etwas kleinerer Flamme betreiben wollen.

Die Folgen würden künftig sehr viel kompakter gestaltet werden und hauptsächlich auf die wichtigsten Fragen zum aktuellen Corona-Infektionsgeschehen oder nur herausragende Studien eingehen. Bisher waren die Podcasts rund eineinhalb bis zwei Stunden lang. „Ich möchte ja kein Journalist werden. Ich bin Wissenschaftler und bleibe das auch“, sagte Christian Drosten in der Folge am Dienstag.

Auch Sandra Ciesek sieht ihre Aufgabe Corona-Erklärerin als weitgehend erfüllt: „Mir war immer wichtig, dass es ein wissenschaftlicher Podcast ist, und ich sehe es nicht als meine Aufgabe, das politische Handeln jede Woche zu kommentieren“, sagt sie. „Die Zuhörer, die uns regelmäßig hören, sind kompetent und können jetzt eigentlich die Situation einschätzen.“

Sowohl Ciesek als auch Drosten wollen sich in den kommenden Monaten auf ihre eigentliche Arbeit an der jeweiligen Universität konzentrieren. Sollte es aber besondere Veröffentlichungen geben, schloss Sandra Ciesek zumindest nicht aus, dass man wieder länger und öfter im Podcast darüber sprechen könnte.

(bml)

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