Oliver Mommsen: „Egal, was du bist – Hauptsache Mensch“

Berlin.  Der attraktivste „Tatort“-Kommissar Oliver Mommsen ist Dauergast im Fernsehen. Jetzt ist er in „Ziemlich russische Freunde“ zu sehen.

50 Jahre Tatort

Am 29. November 2020 feiert 50. Geburtstag. 1146 Folgen aus 37 Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Krimiserie zeigt nicht nur den Umgang mit dem Verbrechen, sondern zeichnet auch ein Bild der deutschen Gesellschaft und ihres Wandels

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Einer Umfrage zufolge war Oliver Mommsen der attraktivste „Tatort“-Kommissar. Diese Einsätze sind zwar seit 2019 beendet, dafür zeigt der 51-Jährige nun andere Talente in der feinsinnigen Komödie „Ziemlich russische Freunde“ . Überhaupt beweist der gebürtige Düsseldorfer in seinen Rollen eine große Bandbreite, ob in Familien-Filmen wie „Mein Lotta-Leben“ oder Politthrillern wie „Meister des Todes“. Darin spielt sich sein weltoffenes Lebensgefühl, das von der Toleranz seiner Kreuzberger Wahlheimat geprägt ist. Wenn es auch in jungen Jahren einen anderen Sehnsuchtsort gab: Hollywood.

Der Schauspieler ist ein Nachfahre des berühmten Historikers und Nobelpreisträgers (1902) Theodor Mommsen . Oliver Mommsen stellte von 2001 bis zur Einstellung der Bremer „Tatort“-Reihe den Ermittler Nils Stedefreund dar und erhielt dafür im Jahr 2006 den Deutschen Fernsehkrimi-Sonderpreis als bester Nebendarsteller. Lesen Sie hier: „Tatort“: Sabine Postel ermittelt gegen Bremer Clan

Ihre Figur in „Ziemlich russische Freunde“ bekommt es mit der Aufgabe zu tun, einen Bomben-Blindgänger zu entsorgen. Wie würden Sie mit so etwas zurechtkommen?

Oliver Mommsen: Ich hätte bei weitem nicht so souverän agiert. Ich bin jemand, der gerne mal mit dem Hintern einreißt, was er vorne aufgebaut hat. Für diese Rolle musste ich viel von meiner hibbeligen Spontaneität ablegen. Von so einer Figur wie im Film kann ich nur lernen.

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Wie schaffen Sie es, diese Hibbeligkeit im Alltag zu beruhigen?

Mommsen: Zum Beispiel, indem ich mir in der Früh zwei Stunden für mich nehme. Dafür stehe ich auch dann schon mal um fünf Uhr auf. Und gleich nach dem Aufwachen, wenn der Kopf noch ganz rein ist, lese ich einen philosophischen Text.

Der Film dreht sich zum Beispiel um das Aufeinanderprallen von Kulturen. Wie häufig erleben Sie das?

Mommsen: Ich kann nicht genug davon kriegen. Ich lebe in Kreuzberg. Ich habe ‚Culture Clash’ ohne Ende. Was wäre Deutschland nur mit Deutschen? Ich lerne so viel davon, zu sehen wie Menschen anderer Kulturen miteinander umgehen. Es gibt kaum was Wertvolleres als dem „Fremden“ zu begegnen.

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Was kann man von Deutschen lernen?

Mommsen: Ein italienischer Freund hat zu mir in der Corona-Zeit gesagt: ‚Ihr Deutsche haltet euch an die Regeln, ihr seid diszipliniert, das kommt euch jetzt zugute.’ Wir müssen uns eben mit unseren Eigenschaften gegenseitig befruchten. Was wäre ich ohne das türkische-asiatische Essen, was wäre ich ohne meinen ganzen Kreuzberg-Kiez?

Das heißt, in den Prenzlauer Berg bringen Sie keine zehn Pferde?

Mommsen: Das stimmt nicht so ganz. Unlängst war ich mit dem Fahrrad unterwegs, und bin in Mitte hängen geblieben, um was Leckeres zu essen. Da habe ich den Kopf freigemacht und mir gedacht: ‚Es ist wunderschön hier. Da ist mir doch der Mitte-Schnösel-Hipster egal. Den kann ich ja ausblenden oder putzig finden.’

Aber Sie haben etwas gegen Schnösel?

Mommsen: Ich bin im Bling-Bling-Düsseldorf der 80er groß geworden und war definitiv zu feige, um Punk zu sein. 1990 bin ich nach Berlin gezogen, und es war eine solche Befreiung, dass die Türsteherin dir nicht auf die Schuhe, sondern in die Augen geschaut hat, um zu entscheiden, ob du eine Bereicherung für den Abend bist oder nicht.

München war damals am schlimmsten. Dort musste man in den Kunstpark Ost fahren, um Spaß zu haben, und vorher wurde man von der Polizei kontrolliert. Erst Berlin hat mir gezeigt, dass es scheißegal ist, wer oder was du bist. Hauptsache Mensch. Dieses „Leben und leben lassen“ atme ich nun seit 30 Jahren ein und finde überall Plätze, an denen ich mich wohl fühle. Denn irgendwann gehts immer wieder zurück nach Berlin und dem gepflegten Unperfekt!

Gibt es denn eine Kultur, die Sie besonders geprägt hat?

Mommsen: Das US-Mainstream-Kino aus den 80ern und 90ern von den romantischen Komödien bis zu Steven Spielberg. Verbunden mit dem amerikanischen Lebensgefühl des ‚Easy Living’, ohne Dünkel, wo es einfach nur heißt ‚Nice to see you’, inklusive kalifornischem Sonnenschein. Von diesem Gefühl habe ich schon ganz schön was abbekommen.

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Da wäre es doch naheliegend gewesen, von einer Hollywood-Karriere zu träumen...

Mommsen: Zugegeben, ich bin nicht Schauspieler wegen Shakespeare oder Goethe geworden, sondern wegen Al Pacino und Michelle Pfeiffer, Robert DeNiro und Meryl Streep. Klar, wer will nicht Teil dieser Industrie sein und mit den Besten arbeiten?

Der Standarddialog im ersten Semester Schauspielschule war: „Sag mal, arbeitest du später in Deutschland?“ – „Bist du bescheuert?“ Aber du wirst Realist. Die brauchen dich da nicht. Entsprechend haben sich dann auch die Dialoge an der Schauspielschule geändert. Im zweiten Jahr ging das so: „Sag, machst du mal Serie?“ – „Auf keinen Fall.“ Und im dritten Jahr vor der Abschlussprüfung: „Würdest du Soap machen? – „Klar!“

Sie waren dann auch mal das bekannte Werbegesicht einer Weißbiermarke. Welche Erinnerungen verbinden Sie noch damit?

Mommsen: Einmal ging ich an der Fleischtheke im Supermarkt vorbei, und da sagte die Verkäuferin: „Herr Mommsen, ich soll Sie janz herzlich von meinem Mann grüßen. – In meinen Bauchnabel passen zwei von den Pullen.“ So einen Job kann man jedem wünschen. Das erste Mal, als ich danach an den Bankomaten ging, habe ich laut gejubelt. Es war eine tolle Arbeit, bei der ich erlebt habe, wie lange man an so einer Bierflasche herumfummeln kann. Leider haben die nicht nachbestellt.

Und wenn Hollywood doch seine Türen für den jungen Oliver Mommsen geöffnet hätte, welche Rolle hätten Sie gerne gespielt?

Mommsen: Es gibt den Film „Der Duft der Frauen“ mit Al Pacino, der darin als Blinder zu sehen ist, und darin spielt so ein junger Typ – der hieß Chris O’Donnell – seinen Betreuer. Ich war genau in dessen Alter, und ich dachte mir: „Hah, das hätte ich auch hingekriegt.“

  • „Ziemlich russische Freunde“ . Freitag, 27. November 2020, 20.15 Uhr, Das Erste
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