Bei Festakt gesungen: „Keine Verbindung“ zum Hotspot Northeim

Bad Gandersheim.  Mittlerweile gibt es 125 Corona-Infizierte im freikirchlichen Glaubenszentrum Bad Gandersheim. Auch die Staatsanwaltschaft befasst sich mit dem Fall.

Fast die Hälfte der Bewohner und Mitarbeiter der Einrichtung ist mit dem Coronavirus infiziert.

Fast die Hälfte der Bewohner und Mitarbeiter der Einrichtung ist mit dem Coronavirus infiziert.

Foto: Pixabay (Symbol)

Die Zahl der Corona-Infizierten, die mit dem freikirchlichen Glaubenszentrum in Bad Gandersheim in Verbindung stehen, hat sich jetzt auf 125 Personen erhöht. Das hat am Freitagnachmittag eine Sprecherin des Landkreises Northeim mitgeteilt. Damit hat sich die Hälfte der insgesamt 252 getesteten Personen mit dem Virus infiziert. Die meisten zeigten Symptome wie Halsschmerzen, Fieber, Husten und Geschmacksverlust. Insgesamt gibt es jetzt 333 bestätigte Infektionen im Kreis Northeim. Aufgrund des starken Anstiegs hat sich auch der Inzidenzwert (Zahl der Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen) deutlich erhöht, dieser liegt nun bei 103,9.

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Inzwischen gibt es auch Hinweise darauf, wie es zu der massenhaften Ansteckung gekommen sein könnte. Nach Angaben der Kreisverwaltung wurde während der Andachten in den Bibelkursen des Glaubenszentrums gesungen. Aber nicht nur da – was wir über die Hintergründe wissen.

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Schon bei anderen Corona-Ausbrüchen war das Singen in geschlossenen Räumen als ursächlich für die Verbreitung des Virus ausgemacht worden, beispielsweise im Fall einer Baptisten-Gemeinde in Frankfurt im Mai dieses Jahres. In der freikirchlichen Einrichtung in Bad Gandersheim wurde allerdings nicht nur bei internen Zusammenkünften gesungen: Am 3. Oktober fand in der „Erweckungshalle“ des Glaubenszentrums ein Festakt zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit statt, an dem auch diverse Vertreter aus Verwaltung, Politik und Kultur teilnahmen. Am Ende der Veranstaltung unter dem Titel „Wunder der Einheit“ sangen die Teilnehmer gemeinsam die Nationalhymne. Eine Sprecherin der Kreisverwaltung sagte dazu, dass diese Veranstaltung nach Einschätzung der Gesundheitsdienste jedoch nicht mit dem aktuellen Infektionsgeschehen in Verbindung zu bringen sei.

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Nach Angaben der Kreisverwaltung sind die ersten Verdachtsfälle in dem Glaubenszentrum am Freitag, 9. Oktober, bekannt geworden. Damals sei ein Mitarbeiterehepaar positiv getestet worden. Danach waren alle 252 Bewohner, Mitarbeiter und Kursteilnehmer unter Quarantäne gestellt worden. Diese war anfangs jedoch offenbar nicht sehr streng gehandhabt worden. Der Landkreis hatte jenen Angehörigen der Einrichtung, die außerhalb des Geländes in einer Unterkunft in der Stadt wohnen, erlaubt, mit einer Mund-Nasen-Bedeckung auf einem Nebenweg zum Glaubenszentrum zu gehen, um dort Mahlzeiten einzunehmen. Diese Ausnahmeregelung habe man jetzt zurückgenommen, hieß es am Freitag. Die betroffenen Personen müssten für den Rest der Quarantänezeit in ihren Wohnungen verbleiben.

Verdacht der fahrlässigen Körperverletzung: Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt

Mittlerweile hat der massive Ausbruch auch die Staatsanwaltschaft Braunschweig auf den Plan gerufen. Dort sei man durch Medienberichte auf den Fall aufmerksam geworden und ermittele nun von Amts wegen, erklärte eine Sprecherin der Strafverfolgungsbehörde auf Anfrage. Es stehe der Verdacht der fahrlässigen Körperverletzung im Raum.

Bislang hat der Landkreis Northeim wegen des Corona-Ausbruchs keine Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet und auch keine Bußgelder verhängt. Dies werde derzeit noch geprüft, sagte eine Sprecherin. Zunächst müsse der Sachverhalt ermittelt werden.

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Hintergrund: „Christ for the Nation Institute“

Das Glaubenszentrum ist nach eigenen Angaben eine konfessionsübergreifende Einrichtung, die 1975 von Angehörigen der in den USA angesiedelten evangelikalen Organisation „Christ for the Nation Institute“ gegründet wurde und auch als „Missionsbasis“ für Aktivitäten in anderen Ländern dient. Unter anderem finden dort regelmäßig „Erweckungsgottesdienste“ statt.

Schwerpunkt ist aber eine Bibelschule. Im September war der achtmonatige Schulbetrieb gestartet. Ähnlich wie in einem Internat wohnen die rund 130 Teilnehmer, darunter auch Familien mit Kindern, während ihrer Ausbildung auf dem dortigen Gelände.

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Betreiber sind sich keinerlei Versäumnisse bewusst

Die Betreiber des Glaubenszentrums in Bad Gandersheim sind sich eigenen Angaben zufolge offenbar keinerlei Versäumnisse bewusst. Man sei sehr frühzeitig auf das Gesundheitsamt zugegangen, um entsprechende Vorsichtsmaßnahmen zu erarbeiten, heißt es in einer Pressemitteilung. Mit der genehmigten Eröffnung des Schulbetriebes am 19. September habe eine mehrwöchige Quarantäne begonnen, um zu verhindern, dass die aus der gesamten Bundesrepublik anreisenden Teilnehmer das Virus einschleppen. Am Wochenende sei dann bekannt geworden, dass „durch einen Außenkontakt eine positive PCR-Testung aufgetreten“ sei. Die betroffene Person lebe nicht auf dem Gelände der Bibelschule.

Mit dem aktuellen Corona-Ausbruch ist nun zum wiederholten Mal eine freikirchliche Einrichtung zu einem „Hotspot“ geworden. Erst im September hatten sich mehr als 40 Personen aus dem Umfeld einer Freikirche in Westertimke im Kreis Rotenburg mit dem Virus infiziert. Zuvor gab es bereits massive Corona-Ausbrüche in einer freikirchlichen Pfingstgemeinde in Bremerhaven und in einer Baptistengemeinde in Frankfurt.

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